Romanprojekt „Violanum“

Das Violanum ist ein jahrhundertealtes Spital, dessen Gründerin Viola wie eine Heilige verehrt wird. Über Generationen hinweg hat sich eine Gesellschaft geformt, die sich gänzlich dem Violanum verschreibt und es, wenn nötig, mit Gewalt verteidigt.

Bettina, eine junge Archäologin, findet Violas Skelett. Zunächst erscheint der Fund als Glückstreffer: Die Archäologin wird mit einer Festanstellung und einem Haus belohnt und plant, mit Timon, ihrem Freund, hier eine Familie zu gründen. Aber der Fund zieht Bettina in einen Machtkampf, der seit langem um die Führung des Violanums tobt. Bettina stirbt, hochschwanger, bei einem Brand.

Ein halbes Jahr danach kehrt Timon zurück, um endlich mit dem Geschehenen klar zu kommen. Er entdeckt, dass Bettinas Fund alles in Frage gestellt hat, worauf sich das Violanum gründet. Bald kämpft Timon gegen jene jahrhundertealten Kräfte, die auch Bettina getötet haben.

Ich habe Blogeinträge rund um dieses Buchprojekt hier zusammengestellt zusammengestellt, die recht gut die Arbeiten und Schwierigkeiten dokumentieren.

Ich wollte dich noch einmal sehen. Dr. Müller sagte, ich sollte mir nicht zu viel erwarten. Ich weiß bis heute nicht, was man normalerweise in so einer Situation zu erwarten hätte. Er führte mich in einen gekachelten Raum. Du lagst auf einem fahrbaren Metalltisch. Schwarzverbrannte Klumpen und Knochenstücke.

Dr. Müller erklärte mir, dass du auf der Plexiglaskuppel gelegen hattest, die im Boden des Museums eingelassen war. Beim Brand war die Kuppel geschmolzen, daher die Verklumpungen. Unter dem Plexiglas hatte das Frauenskelett gelegen, und du warst mit dieser anderen Frau regelrecht verschmolzen. Ja, der Pathologe sagte »regelrecht«. Als gäbe es Regeln, wie zwei Tote miteinander zu verschmelzen haben. Er sagte wie mühsam es war, die Knochen zu trennen und richtig zuzuordnen. Ich entschuldigte mich bei ihm für die Mühe, die du ihm gemacht hattest. Da schaute er mir in die Augen, zum ersten Mal.

Ich stand also neben dir, eine Weile. Meine Hände in den Hosentaschen. So schaute ich auf diese Klumpen und Splitter und fragte mich, was davon du warst und was davon unser Kind war.

Es gab Situationen, für die war ich nicht gebaut.

Das hier war so eine.

Von dir war kein Gesicht übrig. Das half mir nicht. Dr. Müller erklärte, dass du lange gebrannt hattest. Und dass es sehr heiß war im Südturm. Dass der Südturm wie ein Kamin funktionierte, aus fest gemauertem Stein, und dass drinnen alles gut und heiß ausbrennen konnte. Ich beugte mich über deine Schädelstücke. Ein Teil war wie eine kleine Schale, also diese Schale meine ich, wenn wir beim Japaner aßen, wo du deine Sojasauce hinein tropftest und mit grüner Paste vermischtest. Denn du mochtest es scharf, du mochtest Sushi. Dein Kopf war zersplittert, weil der Dachbalken auf dich niedergestürzt war. Der ganze Dachstuhl und Dachziegel und alles Drumherum, alles auf dich. Warst du vorher schon tot gewesen?

»Wahrscheinlich«, sagte Dr. Müller. Wahrscheinlich! Dieses ganze Doktorengesindel tat so, als hätte es die Weisheit mit dem Löffel gefressen, aber wenn es wirklich darauf ankam, war es aus mit der Weisheit. Ich drückte meine Hände tiefer in meine Hosentaschen, und die Jeans war so eng, dass mich die Naht auf den Handrücken schmerzte. Ich sah deine Schädelstücke und dachte daran, wie es war, als wir uns begegnet waren. Zum erste Mal. Als uns tausendfünfhundert Schädel zugesehen hatten. In einem Büro im Naturhistorischen Museum. Hohe Wände, Fenster weit wie Flügeltüren, und dunkle Holzvertäfelung, die dort aufhörte, wo das Deckengemälde begann. Verglaste Wandschränke voller Schädel. Antike Tische mit weiten Arbeitsflächen, die allesamt vollgeräumt waren: mit Schädeln und Tabletts von Skelettteilen. Zwei Skelette standen herum, starr aufrechtgehalten von stützendem Metallgestänge. Und die Normschachteln aus hellgrauem Karton: auf den Tischen, unter den Tischen, zwischen den Tischen und meterhoch gestapelt. In jeder Schachtel ein Toter. Das Naturhistorische Museum war mit seinen vierzigtausend Toten der zweitgrößte Friedhof Wiens, und ich war hergekommen, um für meinen zweiten Roman zu recherchieren. So saß ich am überfüllten Schreibtisch einer Anthropologin, als du zufällig hinzukamst. Ich verdankte dich also meiner Recherchearbeit. Recherche! Das war ein Herantasten an die Umwelt meiner Romanfiguren. Eigentlich konnte alles Recherche sein, denn alles, was ich erlebte, konnte ich womöglich literarisch verwerten, in einem künftigen Roman. Darum war nichts, was ich erlebte, umsonst.

Beim Begräbnis hatte ich mir mit diesem Gedanken helfen wollen. Ich versuchte den Friedhof in Worte zu fassen. Er war ein langgezogener Streifen von Bäumen und Gras und schiefen, eingebrochenen, umgefallenen oder frischen Grabsteinen. Mit viel weniger Toten als im Büro der Anthropologin. An der Längsseite gab es statt einer Friedhofsmauer einen Zaun, dahinter der Betongebäudekomplex des Österreichischen Rundfunks. Die Sonne schien sich Mühe zu geben an diesem Novembertag. Drinnen in der Kapelle kam es mir kälter vor als draußen, drinnen standen ein paar Plastikstühle. Dein Sarg war aus hellem Holz. Ich setzte mich, meine Schwester neben mir. Sie legte ihren Arm um mich, und ich sah meine Mutter, wie sie weinte, und mein Vater hatte ein hochrotes Gesicht. Ich sagte mir: »Pass auf, was du jetzt empfindest. Präge es dir ein! Du wirst das vielleicht brauchen können.«

Also nahm ich wahr, was ich wahrnahm. Zuerst ein Prickeln auf meinem Schädel, als würde sich die Gesichtshaut, ja die ganze Kopfhaut zusammenziehen. Mit einem Kribbeln, das sich dann vom Hals über Schulter und Arme bis hinein in die Finger zog. Und plötzlich war es verebbt. Stille. In mir und rund um mich. Die Welt brachte keinen Ton mehr heraus. Was dann kam, das wollte ich nicht mehr recherchieren. Die Grenze war überschritten.

 

Weihnachten verging, Neujahr kam, und im März, als immer noch nichts gut war, rief ich im Büro an und sagte, heute würde ich nicht kommen. Zu Mittag fuhr ich nach Krems, eine einstündige Bahnfahrt im fast leeren, doppelstöckigen Waggon. Ich wechselte in den Zug nach Friedstatt, wo es gedrängt mit Leben war, mit lärmenden Schülern, die von ihren Kremser Schulen heimfuhren, und mit Leuten, die mit leichtem Gepäck unterwegs waren – vielleicht Ärzte oder Krankenschwestern oder Leute, die ihre Angehörigen im Violanum besuchten. Mir gegenüber setzte sich eine schwangere Frau, und ich drückte meine Stirn an die Glasscheibe, damit ich sie nicht ansehen musste. Ich beobachtete, wie wir flussaufwärts in das Donautal fuhren, entlang der Bundesstraße mit Autos, die den Zug überholten. Dahinter die Donau. Auf der anderen Waggonseite begleitete uns ein weiter Streifen aus Wiesen und Feldern. Einige noch erdbraun, andere trugen schon das Grün der Saat oder hatten – gepunktet – ihr Rapsgelb angedeutet. Mein Blick begrenzte sich dort, wo die Terrassen der Weingärten in die Hügelkette geschnitten waren. Noch waren die Weinstöcke winterkahl. Gebückt standen sie auf den Feldern.

Und plötzlich auf dem zerklüftetem Fels, hoch über dem Ufer: die Friedstätter Burgruine. Zerfressenes Mauerwerk, spitz und scharf; nicht wie eine verfallene Burg, sondern Reißzähne waren das. Jahrhundertefest ragten sie aus dem Kiefer.

Der Zug hielt. Ich wartete, bis die Schüler den Waggon verlassen hatten und auch der Schwangeren hinausgeholfen war. Dann erst stieg ich aus. Ich wollte es nicht eilig haben. Ich ging am Bahnhofshaus vorbei, dann am Supermarkt, am Postamt, an einer Filiale der Raiffeisenbank und am Pestdenkmal.

Ich blieb stehen.

Links ein paar Weinfelder, abschüssig hin zum Donauufer. Vor mir die Stadtmauer. Rechts der Felsen mit der Ruine, wo unten die Öffnung vom Straßentunnel herausragte – Autos drängten aus dem Tunnel, aber da war keines, das hinein wollte.

Die Sonne fühlte sich warm an auf meinem Gesicht, und vor mir verlor die Hauptstraße ihren Asphalt und verengte sich zum steinigen Weg, damit sie durch die Einfahrt des Südtors passte. Ich stand da und blickte dieser Stadtmauer entlang, die sich vor mir querlegte. Friedstatt war keine Kreuzritterburg, wo sich tonnenschwere, präzis behauene Steine von selbst ineinander fügten. Das hier waren herangekarrte Felsbrocken, jeder für sich klein genug, damit eine einzelne Frau ihn schleppen konnte. Aufgetürmt und mit Zement zusammengehalten, und wenn etwas zu schief geraten war, mit schrägen Stützenpfeilern am Niederbrechen gehindert. Aufgetürmt von Bewohnern, denen es egal war, wie das hier aussah. Die bloß Angst hatten.

Ich machte ein paar Schritte vorwärts und kam dem Südturm schon recht nahe. Ein Quader war er, doppelt so hoch wie breit, in den fünf Fenster geschnitten waren, jedes unterschiedlich bemessen, jedes auf unterschiedlicher Höhe, ohne dass der Grund dieser Anordnung für mich erkennbar war. Die Fensterläden waren geschlossen. Ich sah dem Turm nicht an, dass sein Inneres gebrannt hatte.

Ich kam dem Südturm dermaßen nahe, dass ich seine Mauer mit den Fingerspitzen berühren konnte. Der bröselige Verputz des Torbogens. Kalt von der Winterfeuchtigkeit. So kalt, und drinnen hatte es hunderte Grad gehabt und man merkte nichts mehr davon … Und dann ging es los in meinem Kopf. Es war ja einerseits meine Gabe als Schriftsteller, dass ich mir alles Mögliche vorstellen konnte – gebt mir ein paar Anhaltspunkte, und die Details erschaffe ich mir selbst! Klar konnte ich Reales von Phantasie unterscheiden. Aber die Phantasie legte sich über das Reale, mit derselben Intensität. Als ich den Turm berührte, warst du drinnen und in meinem Kopf war es Nacht, und du durchlebtest diesen einen Moment von absoluter Grausamkeit. In mir verselbständigte sich jene Szene, in der du begriffen hattest, dass du sterben würdest. Unausweichlich. Mitsamt dem Kind in deinem Bauch. Selbst wenn es ganz schnell mit dir zu Ende gegangen wäre – auch ein Geköpfter verlor erst nach Sekunden das Bewusstsein. So blieb dir genügend Zeit, um sehr einsam zu sein.

Ich war nicht bei dir gewesen, Bettina.

Darum stand ich also vor diesem verfluchten Südturm und heulte. Die Leute hier mussten sich alles Mögliche über mich gedacht haben. Jedenfalls ließen sie mich in Ruhe. Ich ging zurück zum Bahnhof und wartete und fuhr zurück nach Wien.

 

5 Gedanken zu „Romanprojekt „Violanum““

  1. hmmm. Klingt, wie wenn dein Timon erst durch den Verlust der Frau bemerkt hat, dass er sie liebt? Ist zu seiner Liebesfähigkeit vorgedrungen? Das kommt in Märchen ebenso wie im Leben vor, diese „klassische“ Läuterung.
    Na jetzt klingt es spannend(er)für mich.
    Wünsche dir gutes Fortsetzen (so do I)
    :)

  2. Eine Frau zu ermorden, die einem im Weg steht ist bereits große Krise,eine schwangere Frau zu morden, jedoch eine (bis jetzt noch nicht beachtete??) Steigerung von Beseitigung. Mord mittels Brand halte ich für sehr feig. Wo und wann klirren endlich in einer offenen Konfrontation die Waffen? In der Klimax des Romans?? Halte ich persönlich für d i e Lösung;-)

    1. Da gebe ich dir Recht, JuSophie! Nun, die Waffen klirren schon mit Ende des ersten Akts … und, ja, ein Brand, das wäre zu feig – das Feuer war Tarnung, es ist etwas anderes passiert, das so schrecklich ist, und so schön zu gleich, und in dem Moment, wo mein Timon das erkennt, steckt er in der ersten zentralen Krise und kämpft um sein Leben und um den Sinn seines Lebens.

  3. hi!

    bin schon gespannt auf den fertigen roman.

    „merkwürdig“ für mich ist, da ich zum ersten mal etwas von einem autor lese, den ich persönlich kenne, dessen sprachstil, den ich von dir aus der arbeit her kenne, in dem geschrieben text wieder zuerkennen. flashig! aber wir sprechen darüber sicherlich noch von angesicht zu angesicht.

    jetzt schon mal props für den anfang!

    lg

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