Mittelstadtrauschen!

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Maragarita Kinstner ist ein ganz wichtiger Mensch für mich, und das nicht bloß, weil sie mit mir das zweite Wiener GRAUKO-Mitglied ist. Sondern weil sie mir immer zur Seite gestanden ist, wenn ich meine literarischen Nöte hatte. Und weil sie für meine Texte die Kritikerin ist, auf die ich höre.

Soeben landet mit einem fulminanten Auftritt ihr Debütroman “Mittelstadtrauschen”, dessen Entstehung ich in den letzten Jahren miterleben durfte.

Gratuliere, Margarita und danke für alles und viel Glück! (Wobei: Dein Werk ist so gut, was braucht es da noch an externem Glück?)

 

 

Es ist so schön, wenn ein Text so schön ist. Christina Wenger.

Christina Wenger, die ich im Rahmen einer Schreibwerkstatt kennengelernt habe, hat meinen heutigen Tag literarisch erwärmt. Mit diesem Text, noch dazu so glänzend vorgelesen.

Irgendwann geht jeder Schmerz vorbei, hat die Oma immer gesagt, ich hab das gehaßt, bei jeder blöden Gelegenheit dieser Spruch, wenn es noch richtig weh getan hat. Aber jetzt weiß ich, sie hat recht. Wenn man stirbt, stimmt es. Kann ich ihr dann ja mal zugeben, sie wird lachen und sagen, na, jetzt ist es zwar nicht mehr wichtig, aber schön.

Quelle: http://derohrenschuetzer.blogspot.co.at/2012/05/am-gehsteig.html

Notschlafstelle für Literaten

Ich komme in Texten anderer Autoren vor. Immer öfter. Zuerst war es Margarita Kinstner, die mich in ihrer Kolumne mehrmals verewigt hatte, und nun ist Kuno Kosmos hinzugekommen. Vorgetragen beim letzten GRAUKO-Treffen, und wer ihn schon einmal gehört hat, der weiß, dass sein Vortrag Erlebnis ist.

Notschlafstelle
Kuno Kosmos

Das Arbeitszimmer von Thomas war geräumig und gemütlich und enthielt sogar eine Matratze, auf der sichs gut ruhen ließ, aber sein Besitzer hatte an diesem Abend bei gleich drei Mädels einen tiefen Eindruck hinterlassen. Sein Text bei unserer gemeinsamen Lesung handelte von Würmern, die sich erst durch den fauligen Leib einer Heiligen fressen, um dann einander gegenseitig zu verzehren, sodass immer weniger und größere Exemplare übrig blei-ben, die sich auch die Knochen der Heiligen einverleiben. Schließlich bleibt nur mehr ein Riesenwurm übrig, der als frauenschändendes Monster eine Stadt terrorisiert.

Die drei hingen den ganzen Abend an seinen Lippen, bereit, ihm zu fortgeschrittener Stunde erst die Kleider und dann die Haut vom Körper zu reißen, und es war auszuschließen, dass er die Nacht alleine verbringen würde, mit mir als scharchendem Schlafgast auf der Matratze.

Glücklicherweise hatte ich angeboten, gegebenenfalls auch in eine Notschlafstelle für Literaten auszuweichen, und dieser Plan B wurde nun schlagend. Wider Erwarten gab es tatsächlich eine solche Bleibe in Wien, Thomas nannte mir über seine Schulter hinweg die entsprechende Adresse. Ja, Wien war einfach anders. Die Kunst ließ sich hier von sekundären Dingen wie Hunger oder fehlender Unterkunft nicht unterkriegen, und aus dem brodelnden Kochtopf erschreckender Schicksale von Begabten und Begnadeten erhoben sich laufend Phönixe hinaus in die Weltbedeutung. Ich würde die heutige Nacht vielleicht zwischen zwei künftigen Nobelpreisträgern verbringen, die nur gerade eine unprospere Phase ihres genialen Schaffens durchliefen und mich mit den entscheidensten Worten meines ganzen Lebens infizierten.

Mit der Wiener U-Bahn weitgehend vertraut und mit einem Stadtplan in der Tasche stand ich um 0.30 vor einem Schild, dessen altdeutsche Aufschrift ich bis eine Stunde davor noch für unmöglich gehalten hatte: „Notschlafstelle für Literaten“. Die Tür war angelehnt und knarrte wie in einem Gruselfilm, ein wackeliger Pfeil wies auf einen schwach beleuchteten Kellerabgang im hinteren Anteil des Stiegenhauses. Während ich die abschüssigen Stufen hinab balancierte, studierte ich die in unregelmäßigen Abständen aufgehängten Portäts, teils hinter ganzem oder zerbrochenem Glas, teils ohne, und entdeckte immerhin Goethe, Brecht, Camus und Hemingway unter ihnen. Hinter einer weiteren angelehnten Tür am Ende der Stiege fand ich eine kleine Bar mit vier leeren Hockern vor. Auf dem Tresen standen halb gefüllte Gläser und Aschenbecher, Notizzettel lagen herum, ein Barkeeper aber fehlte. Ich zwängte mich vorbei zur nächsten Türe, auch diese wieder angelehnt, und betrat einen kleinen Gastraum mit einem runden Tisch in der Ecke, um den fünf Männer mittleren Alters saßen und, wenn ich die Wortfetzen im Vorbeigehen richtig wahrgenommen hatte, über Erich Fried diskutierten.

Während ich mich fragte, wie man sich hier eigentlich als Literat auswies, betrat ich durch einen Vorhang aus bunten Ketten den schummrigen Schlafsaal, ein etwa 100 m² großes Gewölbe, ausgestattet mit 50 – 60 Matratzen, von denen die meisten bereits belegt waren. Ich hatte ja nur die beiden Gedichte mit, die ich zur Lesung beigetragen hatte, im Vergleich zu Thomas‘ Text unbedeutsame Betrachtungen über neurotisches Verhalten in Wahlzellen und die Insuffizienz des Namens „Petra“ zur Beschreibung weiblicher Anmut. Niemanden schien meine Ankunft zu kümmern, also ging ich zur nächsten freien Matratze, legte meine Tasche und meine Jacke ab und setzte mich. Augenblicklich tauchte ich dabei in den bodennahen menschlichen Dunst, welchen ich in den nächsten Stunden zu atmen hätte. Ich konnte Mund-, Achsel- und Fußgerüche identifizieren, dazu Moder, Fürze, Geruch von Erbrochenem, Blut und frisch ejakuliertem Sperma. Ja, die Nacht würde lang werden in diesem Schützengraben der Literatur, aber wer sie überstand, der blieb für immer furchtlos, und nur mehr nackte Wahrheit würde seiner Feder entfließen, direkt auf die Rückseiten der Urkunden und Preise, welche es laufend dafür hageln würde.
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