Handwerkliche vs. ästhetische Kritik

Handwerkliche Kritik

Wir beurteilen, inwieweit der Text das Ziel erreicht, das sich der Text setzt.

Das Ziel wird nicht hinterfragt, sondern nur dessen Umsetzung mit Hilfe des vorliegenden Texts.

Ein Indikator für geringe handwerkliche Qualität ist, dass man Textteile kürzen kann, ohne dass sich an der Zielerreichung/Wirkung des Texts etwas ändert. (Was nicht bedeutet, dass ein solcher Text gekürzt werden muss – er kann auch ausführlicher gestaltet werden, um seine Wirkung zu entfalten)

Ästhetische Kritik

Wir beurteilen das Ziel, das sich ein Text stellt.

Hier hinterfragen wir sehr wohl, ob das Ziel passend | schön | gut | lohnenswert ist. Der Kritiker legt seine persönlichen Beurteilungsmaßstäbe an – diese unterscheiden sich je nach persönlichen Einstellungen und Werten der Kritiker.

Verlage beispielsweise beurteilen Manuskripte danach, ob sie zur Verlagslinie passen – wenn ein Verlag etwa nur Krimis verlegt, hat eine noch so gut geschriebene Fabel keine Chance verlegt zu werden.

Zu dieser Art der Beurteilung gehören Literaturrezension. Hier dominiert die persönliche Einstellung des Kritikers – und das ist ausdrücklich gewünscht.

Ästhetische Kritik kann dem Autor den Blick auf das eigene Werk weiten, kann ihm helfen, sich zu positionieren.

Kill All Darlings

Da gibt es diese lieb gewonnenen Textstellen, Figuren und Handlungsstränge. Wegen denen ich meinen Roman verbiege, bloß um sie zu behalten.

Beispiel gefällig? Mein aktueller Roman sollte Abschluss einer Trilogie werden. Sprich, ich übernehme die Personen von Teil 1 & 2 und füge frische Handlung hinzu. 2 Jahre habe ich gearbeitet, um Alt und Neu zu verknüpfen. Diesen Mai gestand ich mir ein: Ich bekomme die Komplexität nicht in den Griff. Meine Rahmenbedingung, dass dieser Roman ohne Teile 1&2 lebt, konnte nicht halten – zu groß waren die Schatten der Vergangenheit, die nichts zur aktuellen Romanhandlung beitrugen.

Ich befreite den Roman und mich. Ich machte ihn zum eigenständigen Werk. Den Romanbeginn, den ich vor Mai produziert hatte, legte ich beiseite. Im Juni schreib ich ihn neu. Neue Namen, neue Sprache, und die Vergangenheit der Personen richtete ich auf die Handlung aus.

Kill all darlings.

Ein Darling ist etwas, das dem Autor am Herzen liegt, aber nicht dem großen Ziel dient, schlimmer, es ist hinderlich. Damit das Darling Teil des Texts bleibt, muss der Autor die Handlung anpassen und muss Personen so hinbiegen, dass das Darling irgendwie Sinn macht.

Ein Darling ist die größte Bedrohung des literarischen Werkes! Eben weil es nicht wie ein Feind wirkt, sondern sich als lieber Freund des Autors einschleicht. Es macht den Autor blind. Nicht mehr die literarische Notwendigkeit entscheidet über den Verbleib des Darlings, sondern die Textverliebtheit.

Ein Darling gehört zu meiner literarischen Eitelkeit; es ist etwas, womit ich mich gerne umgebe (n würde), weil es so schön scheint.

Fragen, die mir helfen, um ein Darling zu identifizieren:

1) Magst du es?

2) Wenn es nicht da wäre, was würde der Handlung fehlen?

3) Gehört es zu deinen Lieblingstextstellen?

Übrigens. In der Mindmap der Romanfiguren gibt es eine Figur, die „Monstrum“ heißt. Wenn etwas Schreckliches in Kronstein passiert, wird dieses Monstrum gesehen. Eine Art Fata Morgana des Schreckens. Ich habe eine gute Szene geschrieben, in der mein Timon die Furcht vor dem Monstrum durchlebt.

zu Frage 1) Ich liebe es!

zu Frage 2) lass mich nachdenken …

zu Frage 3) JA! Unbedingt.

Ich gebe es zu: ich bin noch nicht bereit, dieses Monstrum zu entfernen. Soeben habe ich den ganzen Roman umgeschrieben, also da ist ein bisschen Geduld angesagt, ja? Schon wieder von etwas Abschied nehmen …

Einen Roman zu schreiben heißt, von vielen Ideen Abschied zu nehmen, damit neue Ideen ihre Plätze finden.

Ein Buch über das Bücherschreiben

Da gibt es ein Buch, das mir recht geholfen hat. Es versammelt viele Weisheiten und zeigt, wie sehr das Romankonstruieren ein Handwerk ist (Es nimmt dem Schreibenden die Ausrede, seine Fehler aus Unwissenheit zu begehen): Bestseller: Der Agent von Ken Follett über das Handwerk, einen Bestseller zu schreiben von Albert Zuckerman.