Struktura, Göttin des Plots

Struktura schafft die Festigkeit, die große Werke benötigen. Sie steht im ewigen Widerstreit mit Inceptus, dem Gott der Anfänge. Sie meint, Inceptus solle doch die Kapitel planen, einen Plot und seine Figuren skizzieren. Inceptus verabscheut ihre Besserwisserei und meint, Planung verdirbt die spontane Inspiration.

Struktura wird niemals alleinstehend dargestellt, sonder stets als Teil des Handlungsgerüsts (siehe diese Darstellung aus dem 18. Jahrhundert). Damit wird gezeigt, dass nicht nur die handelnden Personen, sondern auch der Autor Teil seines Romanwerks ist.

Inceptus wirft Struktura vor, sich selbst Gefangene zu sein und preist die literarische Freiheit als höchstes Gut des Künstlers. Worauf Struktura anmerkt, Inceptus habe niemals einen Roman zuwege gebracht.

Inceptus, Gott der Anfänge

Er lässt sich in seine großen Projekte hinein mit aller Emotion. Er schreibt schnell, er schreibt treffend. Er geht im Schreiben auf. Die Leser erzittern bei seinen poetischen Bildern. Und kommt der Moment, wo die schnell aufgemachten Handlungsstränge als lose Enden herumliegen und er planen sollte, wie es weiter geht, wartet er auf Inspiration.

Und wartet. Und wartet.

Und da keimt in ihm schon ein neues Projekt auf, mit frischen Gefühlen. Diesmal schwört er sich: Das ist es! Er beginnt den Roman und … schreibt Gedichte, zu denen er soeben inspiriert wurde. Bis er wieder einen Roman liest, der ihn anspornt, einen fulminanten Anfang hinzulegen.

Er würde am liebsten nur Gedichte schreiben. Und sie gar noch selbst vertont vortragen. Aber von der Literatur leben? Das könne er eben nur, sagt er, wenn er endlich seinen großen Roman geschrieben habe. Aber danach, so flüstert er, nach seinem Durchbruch würde er nur mehr Gedichte schreiben. Er redet von William Blake, mit feuchten Augen. Und zeigt mir ganz verschämt seinen Lyrikband, den er mit Aquarellfarben illustriert hat.

Darlingus, Gott der mitgeschleppten Last

Darlingus (mit Helm) ist ein heldenhafter Autor, der so lange an seinem Lieblingstext festhält, bis der Text alt und buckelig ist. Der Text passt nicht in seinen Roman, aber Darlingus schleppt ihn weiter, von Romanfassung zu Romanfassung. Darlingus ist so verbissen, er sieht nicht die frischen Themen und Ideen, die ihn umgeben, hier als kindlicher Herkules dargestellt (hätte Darlingus über Herkules berichtet, wäre nun er berühmt und nicht Homer).

Silencia, Göttin der Auslassung

Ich kann etwas beschreiben, indem ich explizit nicht darüber spreche. Indem ich – für den Leser sichtbar – einen Bogen um das Wesentliche mache.

Dieser Bogen kann Spannung bringen (genannt „Spannungsbogen“) und fordert vom Leser, sich das Innere des Umschriebenen selbst zu konstruieren. Somit spürt der Leser viel mehr, weil er sich die Geschichte selbst erschafft.

Silencia bringt mich zum Schweigen. Sorgt dafür, dass ich nur das Nötige sage, um dem Leser das Wichtige zu überlassen. Xo und Silencia arbeiten zusammen – Silencia die Zärtliche. Und Xo der herauspickende Kürzer, der eingreift, wenn ich Silencia überhört habe.

Schreibtheologische Frage #2: Warum es nicht nur einen Schreibgott geben darf

Sehen wir uns ein Beispiel an, was passiert, wenn man nur mehr einen Gott hat.

Pharao Echnaton. Er reduzierte die Schar der 2000 ägyptischen Götter zu einem einzigen. Fortan durfte nur mehr Aton, Gott der sichtbaren Sonnenscheibe, angebetet werden – gegen den erbitterten Widerstand der Priesterschaft. Echnaton schuf die erste monotheistische Religion.

Echnaton ließ eine neue, eine riesige Hauptstadt errichten, die ganz auf die Huldigung von Aton ausgerichtet war: Amarna. Im Zentrum ein Tempel mit mehr als 900 Tischen (Siehe Abbildung), um Gott Aton Speisen zu opfern. Die Bevölkerung zahlte den Preis für die neuen Hauptstadt und das soziale Chaos – Echnatons Regentschaft wird als „die schwarze Periode in der Geschichte Altägyptens“ bezeichnet.

Nach seinem Tod wurden die alten Götter wieder eingesetzt. Man zerstörte Echatons Gesicht auf seinen Steinbildnissen. Seine Hauptstadt wurde nach seinem Tod sofort aufgegeben und verfiel.

Nun, das alles wollen wir nicht, und darum gibt es viele Schreibgöttinnen und Schreibgötter.

Schreibtheologische Frage #1: Über die Schreibblockade

Ursula fragte mich via facebook: „Gibt es da im Olymp eine Göttin, die hilft, Schreibblockaden zu entfernen? Oder ist dafür Easia zuständig?“

Liebe Ursula, eine Schreibblockade ist ein innerer Kampf, und so, wie bei Troja ein Haufen griechischer Göttinnen und Götter involviert waren, so spielt es sich natürlich auch im Autor (und wohl auch in der Autorin) ab.

Easia anzurufen und dem sinnlosen Schlachten auszuweichen ist natürlich eine Möglichkeit. Andere Autoren werfen sich voll in den Kampf und kommen weiter, indem Sie sich endlich zu ihrer Bewunderung für Dirtus, Gott der schmutzigen Worte, bekennen. Wie immer rund um den Schreibolymp gibt es viele Wege, und die meisten wirken gegensätzlich.

Damit ist deine Frage, Ursula, noch keineswegs beantwortet. Ich werde mich weiterhin damit beschäftigen und die Schriften studieren. Du hörst von mir.

Dirtus, Gott der schmutzigen Worte

Er war überzeugt, dass grausliche Worte große Emotion erzeugten.

Er meinte, sein Publikum müsste sich seine Texte erst verdienen. Er sagte, er wollte gar nicht in den Olymp. Er schimpfte über die angepasste Literatur, die dort oben herrschte und über jene, die es geschafft hatten.

Er redete gerne von Henry Miller und sagte, Miller hätte sich auch nichts geschissen.