Wer seinen Text überarbeitet, der sündigt! (Video über drei Autoren in Naked Lunch)

Da treffen sich drei Autoren und bereden eines der brennenden Schreibthemen:

Du darfst nicht überarbeiten,
denn überarbeiten ist eine Lüge!
Du betrügst deine Gedanken!
Den Fluss und den Rhythmus und das
Heraussprudeln der Worte anzutasten,
ist Verrat und Sünde, Martin.
Es ist eine Sünde.

Ich lehne deine katholische Interpretation…
meines Zwangs, alles hundertmal
neu zu schreiben, ab.
Schuld ist der Schlüssel.
Nicht Sünde.
Die Schuld, nicht mein Bestes zu geben.
Die Schuld, nicht alles aus jedem Blickwinkel zu betrachten.
Ausgewogenheit.

Was ist mit der Schuld, deine
besten Gedanken zu zensieren?
Deine ehrlichsten, primitivsten Urgedanken?
Darauf läuft deine Überarbeitung hinaus.

Ist Überarbeitung wirklich Zensur, Bill?
Ich bin komplett gefickt wenn es so wäre.

Vertilge alle rationalen Gedanken.
Das ist der Schluss, zu dem ich gekommen bin.

(Naked Lunch, Romanverfilmung des Buches von William S. Burroughs)

Ein Satz wird überarbeitet. Beispiel einer Autorenzusammenarbeit.

Isolde und ich schreiben an einem Roman. Und Basis unserer Zusammenarbeit ist, den Text des anderen beliebig überarbeiten zu können – es gibt kein “mein Text” und “dein Text”, sonder ein “unser Text”.

Hier ein Beispiel – ich habe es anonym gemacht, weil es irrelevant ist, wer was verändert. Autor X schrieb:

Milan schloss die Tür auf, es gab zwei Schlösser, eines davon in der Mitte der Tür, das andere ganz
unten.

Autor Y machte daraus:

Milan schloss die Tür auf, es gab zwei Schlösser, eines davon in der Mitte der Tür, das andere so weit unten, dass er sich bücken musste.

Was ist nun anders? Hier ist Bewegungn drinnen – statt des “ganz unten” wird gezeigt, was es für Milan bedeutet, dass das Schloss so weit unten ist – er muss sich bücken. Die Situation wird sinnlicher. Show, don’t tell.

Das Skurrile ist, dass mit der Überarbeitung durch Y der Text eher dem Stil von X entspricht als seine Erstfassung.

Hilferuf einer Schreibenden.

Letztens überraschte mich folgende E-Mail:

Hi..

Ähm, ja. Ich bin D. und eigentlich habe ich gar keine Ahnung, warum ich ausgerechnet Ihnen schreibe, aber ich habe grade einen Tiefpunkt erreicht, fürchte ich. Ich bin so beim surfen auf ihren Blog gestoßen und hatte das Gefühl, dass Sie mich vielleicht irgendwie nachvollziehen könnten. Ich bin erst 16, aber ich schreibe schon seit ich ein kleines Kind bin Geschichten. Aber seit den letzten fünf Jahren ist das nicht mehr nur ein Hobby, sondern eher ein Teil von mir geworden.

Ohne das Schreiben fühle ich mich, als würde ich all das, was ich nicht festhalte, loslassen und … verlieren?

Verstehen Sie das?

Wie gesagt, ich komme mir grade etwas doof vor, weil sie sicherlich anderes zu tun haben, als 16jährigen Kindern zu antworten … Tatsache ist, dass nichts mehr geht. Ich bekomme nichts mehr hin! Also, dass ist eigentlich falsch. Sagen wir es so: Ich bekomme nichts von dem hin, was mir wirklich wichtig ist. Schule und so ist alles ganz klasse, helfe auch Zuhause im Haushalt mit, und meine Eltern sind zufrieden. Aber trotzdem. Es macht mich ganz kirre! Ich habe so kurzfristig tolle Ideen, dann schreibe ich 20 Seiten, dann finde ich alles kacke und lösche meine Texte. So kann das doch nicht weiter gehen…? Da habe ich schon so verschissen viel gekellnert, mich von meiner Chefin zur Schnecke machen lassen, um genug Geld für ein Netbook beisammen zu bekommen, da klappt trotzdem nichts. Können Sie mir sagen, warum das alles nicht funktionieren kann?

Vielleicht bin ich einfach nicht dazu gemacht. Wissen Sie, ich kann mich sowieso niemals entscheiden. Ich würde so gerne etwas im Bereich Film studieren und Bücher schreiben. Reisen. Aber wie oft bekommt man gesagt, dass soetwas nur Wunschdenken ist!? Soll ich das glauben? Ich wollte doch nie als langweiliger Mensch enden, der seine Träume nicht verwirklicht hat. Aber ist scheitern nicht vorprogrammiert? Heiliger, ich bin so hin und her gerissen.

Und nochmal: Ich kann verstehen, wenn sie das nicht interressiert. Normalerweise bequatsche ich Leute auch nicht mit sowas. Wenn sie nicht antworten wollen, werde ich auch nicht daran sterben, aber es wäre vielleicht doch schön zu wissen, was sie darüber denken. Jemand, der mich nicht kennt.. Und falls sie tatsächlich antworten sollten: Seien sie ehrlich. Ich bin nicht so empfindlich, als dass ich mich aufhängen würde, wenn mir jemand etwas sagt, was ich nicht hören will.

Das einzige was ich will, ist etwas eigenes zu erfinden -lebendig machen- und die Menschen damit zu berühren. Der Welt etwas Neues schenken, etwas von mir.

Verstehen Sie das?

Liebe D.,

ich verstehe dich sehr gut. Du bringst so gut auf den Punkt, wie es mir auch ergeht: “Ohne das Schreiben fühle ich mich, als würde ich all das, was ich nicht festhalte, loslassen und .. verlieren?”

Darum: Alles ist gut.

Was du erlebst, ist Teil des Gesamtpakets. Das Paket, das dir geschenkt wurde, ist sehr groß und sehr schön. Das Schwierige daran ist, dass nur wenige Menschen so ein Paket bekommen haben und es daher wenig Vorbilder gibt, wie damit umzugehen ist.

Alles ist gut.

Die Widerstände, die du spürst, stammen Großteils von Gedanken/Zielen, die von außen kommen.

Der nächste Schritt ist, es fließen zu lassen.

Zu deiner Frage “Können Sie mir sagen, warum das alles nicht funktionieren kann?” – Was würde dir eine Antwort auf diese Frage helfen? Es geht nicht darum, herauszufinden, warum etwas NICHT funktioniert, es gilt herauszufinden, was bereits funktioniert oder was funktionieren kann.

Ich habe bei dir herausgehört, dass ein Text, der kein Buch ist, nicht zählt. Nun. Hemingway’s berühmte Geschichten waren alle sehr, sehr kurz. Für alles gibt es stets ein griffiges Gegenbeispiel. Alles kann wahr sein.

Ich habe ein paar Punkte zusammengeschrieben – probier’ vielleicht das eine oder andere aus! Finde heraus, was bei dir funktioniert!

  • Schreibe unperfekt
  • Denke dir: die Ziele anderer sind nicht deine Ziele – denn du bist nicht sie.
  • Wenn du etwas nicht schreiben kannst, schreibe darüber, wie es dir damit geht, dass du es nicht kannst.
  • Schreib das Tagebuch einer fiktiven Person – sie ist etwa so alt wie du, und sie lebt etwa wie du und schreibt wie du – und ihr hänge all die Geschichten/Versuche um. Lass dieses Tagebuch Stückwerk sein, lass den Leser selbst herausfinden, wer dieser Mensch ist. Da es eine fiktive Person ist, bist du drei, rücksichtlos alles zu schreiben und Selbsterlebtes mit Erfundenem bunt zu mischen. Lass dieses fiktive Tagebuch ein Ort sein, wo alles hineinkommt. Es findet schon seinen Platz.
  • Suche Kontakt zu anderen Schreibenden.
  • Denke dir: Auch das schmutzigste Wasser treibt die Mühle
  • Denke dir: Bei allem, was über das Schreiben gesagt wird, kann auch das Gegenteil wahr sein.
  • Lösche nie etwas, was du geschrieben hast. Denn es kann das Material sein, aus dem du Neues formst.
  • Zum Schreiben brauchst du keinen Netbook. Papier und Kuli reichen.
  • Schreibe.
  • Schreibe.
  • Wenn dir etwas Geschriebenes nicht passt, dann denk dir: Ich kann es später immer noch überarbeiten.
  • Suche nicht nach einen Anfang. Beginne mittendrin.
  • Besuche eine Schreibwerkstatt (so findest du Kontakt zu anderen Schreibenden).
  • Versuche nichts – schreibe einfach.
  • Schreibe.
  • Wenn du glaubst zu scheitern dann liegt das nicht an dir, sondern an Zielen, die nicht deine sind.
  • Wenn du meinst zu scheitern, dann schreibe über das Scheitern.
  • Schreibe über das Atmen, das Schauen, das Radfahren, das Tanzen, das Schreiben.
  • Beschreibe, was du siehst, hörst, riechst, spürst und schmeckst.
  • Schreib einen Blog im Namen einer fiktiven jungen Frau, und versprich dir, dass es jeden Tag einen neuen Blogbeitrag gibt – selbst wenn der noch so kurz ist. (Bei Blog kann man die Beiträge ja auch vordatieren – also an einem Wochenende etwa 4 Beiträge schreiben, die dann Tag für Tag veröffentlich werden)
  • Wenn du dich dabei ertappst, im Kreis zu denken, setz dich hin und schreibe alles auf, was dir jetzt durch den Kopf geht.
  • Versuche nicht, etwas Neues zu erfinden – denn deine Sichtweise alleine ist schon einzigartig, weil du – wie jeder Mensch – einzigartig bist.
  • Denke dir: Nicht nur das Schwierige zählt. Es darf auch leicht sein. Es darf auch einfach sein.

Ein Teil von dir ist schon so herrlich klar! “Das einzige was ich will, ist etwas eigenes zu erfinden -lebendig machen- und die Menschen damit zu berühren. Der Welt etwas Neues schenken, etwas von mir.” Ja, tu das. Und etwas Neues schaffst du ganz automatisch, weil deine Sichtweise – per Definition – einzigartig ist. Weil du einzigartig bist, ist deine Sichtweise für die anderen neu.

Sag, darf ich deine E–Mail auf meinen Blog stellen? Natürlich Anonym … weil die Mail kann vielen anderen Menschen auch helfen – schlichtweg damit sie merken, sie sind nicht alleine.

Halte mich am Laufenden!

Liebe Grüße

Thomas

Gemeinsam an einem Roman schreiben mit Google Drive. Es geht auch offline.

Mit Google den Roman online zu tippen ist cool.

Aber was ist, wenn ich nicht online sein will? Kann ich dann noch arbeiten?

Ja.

Das geht mit dem Web-Browser Google Chrome. Dafür braucht man bloß eine App namens “Google Drive” installieren.

Und wenn ich offline bin, kann ich also weiterarbeiten – genauso als wäre ich online. Das ist praktisch, wenn ich im Zug oder im Flugzeug sitze. Ich gehe einfach zur Seite docs.google.com/offline, und obwohl ich keine Internetverbindung habe, stehen die Dokumente zur Verfügung als wäre ich im Netz.

Was ist nun, wenn ich offline arbeite, und Isolde schreibt inzwischen online weiter? Wenn ich wieder online bin: was macht Google mit dem Romantext? Nimmt Google meine Änderungen oder die von Isolde?

Nun, ich habe es ausprobiert. Und habe entdeckt: Google achtet darauf, dass alle unsere Änderungen korrekt zusammengeführt werden.

Bravo, Google!

Gemeinsam an einem Roman schreiben mit Google Drive.

Isolde Bermann und ich arbeiten gemeinsam am selben Roman.

Wir wollen nicht E-Mails mit Texten hin- und hersenden, wir wollen nicht Textstücke mühsam zusammenstückeln, und wir wollen nicht – versehentlich – die Änderungen des anderen löschen.

Wir schreiben unseren Roman mit Google Drive. Es bietet unter anderem ein leicht verständliches Textverarbeitungsprogramm, mit dem wir an unserem Roman online arbeiten – siehe obiges Bild.

Wir beide können zur selben Zeit am selben Romantext arbeiten. Dieses gleichzeitige Arbeiten ist witzig – letztens beobachtete ich Isolde beim Tippen. Ist schon erstaunlich, wenn sich so ein Roman scheinbar von selbst weiterschreibt.

Außerdem sind Autorinnen und Autoren nur theoretisch sexy und anziehend.

Über das Beschreiben von Sex in der Literatur, aus der Sicht der Lektorin Susann Rehlein, gefunden in Der Freitag.

Als bekennender Fan von Henry Miller sehe ich manches anders, doch wie steht es doch geschrieben: Alles ist wahr, was über das Schreiben gesagt wird. Für gewisse Menschen, in gewissen Situationen.

Wünsche viel Freude beim Lesen dieses kurzweiligen Artikels.

Donner rollt über das Weidenkätzchen

Sexbeschreibung Wie schreib ich über Sex? Ist Auslassen feige oder ein Dienst am Leser? Wer jetzt oder demnächst einen Roman schreibt, wird für die 61 Tipps einer Lektorin dankbar sein

Sex ist so außerordentlich angenehm bis erschütternd, weil man ihn nicht reflektiert. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum in der Literatur überraschend wenig ausführlich über Sex geschrieben wird. Erstens ist man nie ganz bei sich, wenn er passiert, wie wollte man also angemessen davon erzählen, und zweitens sind literarische Mittel einfach zu schwach, um das Numinose zu beschreiben. Wobei verrückterweise gerade über Sex – allen voran Altmeister Philip Roth – häufig versucht wird, Todesangst beziehungsweise Todessehnsucht auszudrücken. Das heißt, den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Ist doch das eine nur eine Spur weniger unergründlich als das andere. Aber über ein Frühstück kann Todesangst nun mal nur sehr schwer ausgedrückt werden. Außer vielleicht von Raymond Carver, und der ist tot.

Viele Autoren umschiffen das Thema. Danke, möchte man sagen. Benedict Wells zum Beispiel, ein Jungspund, der mit Becks letzter Sommer einen überraschend reifen Roman geschrieben hat. Für mittelalten Sex ist der Autor eindeutig zu jung und entscheidet sich klugerweise, die Fresse zu halten: „Danach fielen sie erst aufs Bett, dann übereinander her.“ Auch die ansonsten eher nicht für Dezenz bekannte Autorin Alina Bronsky (schon allein das Pseudonym!) zieht sich halbwegs geschickt aus der Affäre: „Ich schließe die Augen und öffne sie wieder, und das Gefühl dabei ist, als würde es mich nicht wirk­lich betreffen.“

Anders verhält es sich mit der erotischen beziehungsweise pornografischen Literatur. Aber die Textsorte ist heute nicht das Thema. Oder wollen Sie, dass sich über Ihrem in der Heiligen Nacht begonnenen Roman jemand einen runterholt?

1 Lassen Sie’s. Sie wären in guter Gesellschaft. Etliche Autorinnen und Autoren der Weltliteratur haben wunderbar sinnliche Romane geschrieben, ohne dass darin irgendwer Sex hätte. Pascal Mercier zum Beispiel erreicht nicht wegen seiner saftigen Sexszenen Millionenauflagen, sondern weil der Bildungsbürger in seinen Büchern etwas lernt – und wegen der schönen Melancholie, mit denen der Leser sich in Gleichklang fühlen darf.

2 Andererseits – falls in Ihnen ein echter Erotomane schlummert, wäre es doch jammerschade, müssten wir auf Ihren tollen Sex verzichten. Stellen Sie sich die Welt nur mal ohne die Romane von Henry Miller oder Philipp Roth vor – ein Jammertal!

3 Denken Sie jedoch beim Schreiben Ihrer Roth’schen Sexszenen ein Minütchen an Ihre arme Lektorin, der ganz blümerant wird, wenn Sie sich zwangsläufig vorstellt, dass Sie die minutiös beschriebene Prostatamassage genossen haben müssen, um SO darüber schreiben zu können. Auch peinlich: Wenn sie Ihnen den multiplen Orgasmus Ihrer weiblichen Hauptfigur anstreicht und mit dem Kommentar versieht: „Bei dem trostlosen Stecher – unglaubwürdig!“

4 Sie kriegen immer Fremdschäm-Schüttelfrost, wenn sich im Theater ohne erkennbaren Grund die Leute ausziehn müssen? Na also! Lassen Sie Ihr Personal nicht ficken um des Fickens willen. In Bestsellerautor Peter Stamms Roman Sieben Jahre zum Beispiel findet für diesen Autor ungewöhnlich viel Sex statt (meistens übrigens ziemlich jämmerlicher). Aber nicht etwa, weil Stamm sich in der Midlife Crisis befände und an nichts anderes mehr denken kann als an Sex, sondern weil er seinen Helden hin- und hergerissen zeigt zwischen einer Frau, die ihn karrieretechnisch motiviert und intellektuell inspiriert, und einer, bei der er sich einfach nur frei fühlt. Und Stamm ist keineswegs so dumm, das Freisein ganz simpel an geilem Sex festzumachen.

Für die Literatur gilt: Nichts steht zufällig und grundlos zwischen zwei Buchdeckeln. Jedes Croissant, jede Falte im Laken, jeder Samenerguss hat was zu bedeuten, auch wenn Ihnen als Autor das gar nicht bis ins Letzte klar sein muss. Nicht umsonst sagt man, das Buch sei klüger als sein Autor.

5 Apropos Samenerguss: Der Sex muss sich stilistisch in den Roman einfügen, und falls Sie darauf verzichtet haben, die Raufasertapete im Schlafzimmer zu kartografieren, verzichten Sie am besten auch auf die Beschreibung von Konsistenz und Schattierungen des Spermas Ihrer Hauptfigur.

6 Sind Sie in einer finanziellen Notlage, wollen sich aber nicht völlig kompromittieren, indem Sie den 18. Abklatsch von Feuchtgebieteverfassen, entscheiden Sie sich für eine Mischform aus Pascal Mercier und Porno: Ein Buch, das die geneigte Leserin für Literatur hält und bedenkenlos in der U-Bahn lesen kann, das aber ausreichend explizit ist, damit sie ein bisschen auf ihrem Sitz hin- und herrutscht. Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger wäre ein Beispiel für diese Art Literatur. Oder auch Fegefeuer von Sofi Oksanen.

7 Ein Großteil aller Leser ist weiblich. Schrei­ben Sie also Sex, wie Frauen ihn mögen. Vielleicht wünschen Sie sich dann vom Weihnachtsmann zunächst einmal den Ratgeber She Comes First, der so zermürbend ist, wie ich mir die Grundausbildung bei der Bundeswehr vorstelle, und verschieben das mit dem Roman auf Weihnachten 2011 (da gibt’s auch mehr freie Tage). Sollten Sie eine Frau sein – es gibt auch den nicht weniger zermürbenden Ratgeber He Comes Next.

8 Versuchen Sie also lieber, ein guter Liebhaber, eine gute Geliebte zu sein, als ein Autor, eine Autorin. Jährlich erscheinen hierzulande an die hunderttausend neue Bücher. Und jetzt wollen auch noch Sie Ihre Nächte damit verschwenden, ein Buch zu schreiben, auf das niemand wartet?

9 Außerdem sind Autorinnen und Autoren nur theoretisch sexy und anziehend. Gehen Sie bloß mal auf eine Lesung. So wollen Sie doch nicht sein: schlechte Kleidung, lausiges Parfüm, Gestammel. Bei näherer Betrachtung sind die meisten Autoren zudem kindisch und egomanisch, was Ihnen jede Lektorin bestätigen wird, wenn man über so etwas sprechen würde.

10 Beschreiben Sie nie den ganzen Sex von vorne bis hinten – oder haben Sie schon mal über ein vollständiges Frühstück gelesen, samt Messer in die Hand nehmen, Brötchen in die Hand nehmen, Brötchen aufschneiden, mit Butter bestreichen, zwischen Nutella und Pflaumenmus wählen und, und, und? Schreiben Sie den Teil, der am besten ausdrückt, worum es Ihnen bei der Szene geht. „… Es war, als tasteten unsere Körper nacheinander, während wir noch im Halbschlaf lagen. Sonja küsste mich, sie stieß mir ihre Zunge in den Mund, die sehr groß zu sein schien, und ich schmeckte ihren Schlaf. Sie hatte die Unterwäsche abgestreift und sich auf mich gelegt, ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wie schwer sie war und wie warm“, heißt es bei Peter Stamm in der einzigen innigen Sexszene zwischen dem Helden Alexander und seiner zukünftigen Frau. Reicht doch, oder?

11 Und jetzt kommt der nächste Rat, der vielleicht etwas seltsam klingt: Verzichten Sie weitgehend auf Metaphern und Umschreibungen. Und damit meine ich nicht mal nur unbedingt auf Metaphern wie Zauberstab oder Lustgrotte. Bei Peter Stamm geht die Szene nämlich weiter mit dem folgenden durchaus entbehrlichen Satz: „Wir bewegten uns langsam, zwei schläfrige wollüstige Tiere, die eins werden wollen.“ Tiere, die eins werden wollen – Sie lachen? Dabei ist das noch gar nichts. Nehmen Sie dies: „das Gesicht über dem duftenden Dunkel ihrer aufgeknöpften Bluse, sein ganzes Blickfeld ausgefüllt von dem Spalt zwischen ihren schwellenden Brüsten.“ Diese Stelle stammt aus Solar, dem neuen Roman von Ian McEwan, und sagt was über dessen literarisches Können? Genau!

Auch eher okay als brillant – Haruki Murakami in 1Q84: „Tamaki hatte zarte, feinporige Haut. Ihre Brustspitzen wölbten sich zu einer wunderschönen Ellipse. Sie erinnerten an Oliven. Sie hatte seidiges, feines Schamhaar, weich wie Weidenkätzchen.“

12 Je weniger detailliert Sie Sex erzählen, desto weniger Lösungen müssen Sie auch finden, ob und wie Sie die involvierten Geschlechtsorgane und die daran und damit vollzogenen Handlungen benennen beziehungsweise umschreiben. Die Benennungsproblematik kann problemlos echten Sex kippen, falls sie etwa ihr Geschlecht Mumu nennt und er über 20 ist oder Liebende sich – beide in verschiedenen Stadien der Erregung – in der Textschublade vertun. Denken Sie daran, Ihre Leser sind bei der Lektüre wahrscheinlich eher von der Handlung oder dem gedanklichen Reichtum Ihres Textes gefesselt als sexuell erregt, verschonen Sie sie mit allzu Explizitem, das eher Befremden auslösen würde, es sei denn, es gibt einen Grund für allzu Explizites. Thomas Klupp hat mit Paradiso einen hinreißenden kleinen Roman über ein veritables Arschloch geschrieben, dessen Arschlochsex einfach ausführlich beschrieben werden muss, weil der Ich-Erzähler sich so mordsgeil findet: „Leni hat die Augen geschlossen, und für einen Moment legt sich Johannas Gesicht über ihres, dann spüre ich, wie es vorne an der Eichel kribbelt, und ich spritze in sie hinein.“

13-60 Lassen Sie lieber die Finger davon.

61 Andererseits. Mal abgesehen von dem roten Luftballon, den ich zu fett finde, hat Thomas Pletzinger in Bestattung eines Hundes eine sehr poetische und gleichzeitig sehr explizite (und damit perfekte) Sexszene geschrieben. „Hinter ihr beginnt die Ostsee zu schäumen, ein Luftballon weht am Wasser entlang (rot). Als sie sich auf mich setzt, und obwohl sie sich viel langsamer bewegt als sonst, kommt sie viel zu schnell (außen nasse Gänsehaut und innen unerwartet warm). Ich schließe mich an, dann der Donner, dann der Regen (als hätte sie das alles zu verantworten).“ Wenn Sie so was können – schreiben Sie, schreiben Sie um Himmels willen!

Kleine Online-Schreibwerkstatt 6/6: Zu Besuch in deiner Wohnung, aus der Sicht eines Fremden.

Großartig, dass du bei unseren kleinen Schreibwerkstatt bis zum Abschluss dran bleibst!

Mitmachen ist ja ganz einfach: du fügst deinen Übungstext als Kommentar an diesen Blogbeitrag, und danach gibst dein konstruktives/wertschätzendes Feedback zu den Texten der anderen.

So hilfst du anderen, genauso wie die anderen dir helfen.

Voraussetzung für diese Übung ist: Du hast die erste, zweite und dritte Übung bereits gemacht.

Hier die letzte Übung:

Schreibe einen kleinen Text über eine Person, die deine Wohnung besucht, und zwar aus Sicht dieser Person. Darin liegt der Reiz der Aufgabe: das, was dir vertraut ist, aus einem fremden Blickwinkel wahrzunehmen.

Ziel des Texts ist, einen Eindruck deiner Wohnung zu vermitteln; die Leserin soll das Gefühl bekommen, etwas von deiner Wohnung kennengelernt zu haben.

Die Person, die deine Wohnung besucht, ist jemand, die nicht in deiner Wohnung lebt (Freund, Einbrecherin, Kunde, Installateurin, Briefträger,…).

Vermeide Wertungen und Gedanken dieser Person. Du brauchst nicht alle Zimmer zu beschreiben – in der Kürze liegt die Würze.

Arbeite hauptsächlich mit den sinnlichen Wahrnehmungen (Was sieht die Besucherin? Was riecht sie? Was fühlt sich wie an? Siehe die Übung zu VAKOG), vermeide Schlussfolgerungen.

In der Wochenend-Schreibwerkstatt, die ich in den letzten Jahren gehalten hatte, war dies die Hausübung gewesen – mit dieser Aufgabe wurden die Schreibenden in den Samstagabend entlassen, und die Ergebnisse wurden Sonntag Früh besprochen.

Der Sonntag war der Tag, wo wir uns nochmals die Ziele der Schreibenden ansahen – in Hinblick auf die oft fundamentalen Erkenntnisse des Samstags – und in den verbleibenden Übungen konsequent darauf hinarbeiteten. Für Sonntag gab es keinen vorgefertigen Ablauf mehr – jedem Teilnehmer gab ich jene Übungen, die er gerade brauchte. Ja, ja, mit den Jahren kam schon ein ganz großer Bauchladen an guten Übungen zusammen.

Ich hoffe, euch hat diese meine kleine Online Schreibwerkstatt Spaß gemacht, und so wünsche ich euch viel Freude beim Schreiben und beim spannenden Austausch mit Gleichgesinnten.

Kleine Online-Schreibwerkstatt 5/6: Eine Person wartet.

Wunderbar, dass du bei dieser kleinen Schreibwerkstatt immer noch dran bist!

Mitmachen ist ja ganz einfach: du fügst deinen Übungstext als Kommentar an diesen Blogbeitrag, und danach gibst dein konstruktives/wertschätzendes Feedback zu den Texten der anderen.

So hilfst du anderen, genauso wie die anderen dir helfen.

Voraussetzung für diese Übung ist: Du hast die erste und die zweite Übung bereits gemacht.

Hier die dritte Übung:

Schreib einen kleinen Text über eine Person, die auf jemanden wartet. Schreibe aus der Sicht dieser Person. Beschreibe, was die Person wahrnimmt (VAKOG), sage nicht, was sie denkt.

Die Leserin soll merken, dass die Person wartet, ohne dass dies erklärt wird („Er wartete auf eine Straßenbahn.“).

Nutze die vorhin gesammelten Sinneseindrücke. Zeige, ohne zu interpretieren („Show, don’t tell“). Beschreibe nicht, was diese Person denkt („Ihm war langweilig“, „Er denkt an seine Frau“). Der Text soll frei von Interpretationen und Wertungen sein. Die Erzählform ist frei wählbar (Personeller Erzähler, Ich-Form, innerer Monolog,…).

Du hast 45 Minuten Zeit.

Hier geht es darum, die Sinneseindrücke so einzusetzen, dass etwas vermittelt wird. Was macht einen Wartenden aus? Es hat auch damit zu tun, dass ich als Schreibender mir meine Wahrnehmung bewusst mache: Woran merke ich als Beobachter, dass ein Mensch wartet? Bei meinen Schreibwerkstätten machte ich folgende Erfahrung: Nachdem die vorige Übung bei vielen Schreibenden mit der Einsicht geendet hatte, dass sie nicht vorbehaltlos wahrnehmen konnten, war dies nur die Übung mit der größten Anstrengung. Diese Übung war für viele das erste bewusste Ankämpfen der eigenen Widerstände – und damit mit großen Lerneffekten verbunden.

Und hier geht es zur nächsten Übung

Kleine Online-Schreibwerkstatt 4/6: Sinnlichkeit.

Wunderbar, dass du bei dieser kleinen Schreibwerkstatt dabei bist!

Mitmachen ist wie gesagt ganz einfach: du fügst deinen Übungstext als Kommentar an diesen Blogbeitrag, und danach gibst dein konstruktives/wertschätzendes Feedback zu den Texten der anderen.

So hilfst du anderen, genauso wie die anderen dir helfen.

Voraussetzung für diese Übung ist, dass du die erste Übung gemacht hast.

Hier also die zweite Übung. Hier geht es um das Wahrnehmen:

Verlasse deinen Schreibraum, gehe hinaus auf die Straße und notiere, was deine Sinne wahrnehmen.

Sinneseindrücke sind (VAKOG)

  • visuell (sehen)
  • auditiv (hören)
  • kinästhetisch (tasten)
  • olfaktorisch (riechen)
  • gustativ (schmecken)

Gefragt sind ausschließlich Sinneseindrücke und nicht

  • Gedachtes („Der Hund erinnert mich an…“, „Ich dachte…“, „Ich verstehe nicht was er meint.“)
  • Wertungen („Ich sehe einen attraktiven Mann“, „Gegenüber sitzt eine große Frau“)

Es müssen keine ganzen Sätze sein. Die Notizen müssen weder zusammenhängend noch geordnet sein.

Wichtig ist: du lässt dein Denken beiseite und notierst ausschließlich, was deine Sinne wahrnehmen.

Und verlasse deinen Schreibraum! Damit die Eindrücke aus erster Hand sind und nicht Erinnerungen.

Du hast 45 Minuten Zeit.

Aus meiner Erfahrung ist dies diese unscheinbare Übung wohl die schwierigste und erstaunlichste Aufgabe zugleich.

Die meisten (!) Schreibenden kamen mit Wertungen, mit Geschichten und mit Gedanken zurück, und da nützte es nichts, dass ich sie genau davor nochmals gewarnt hatte.

Ja, ja, die inneren Widerstände sind groß.

Und hier geht es zur nächsten Übung