es tropft

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Vor ein paar Stunden hat sich der Tag also in den Abend hineingekrümmt, dieses Ritual, mit dem die zweite Hälfte der Schreibzeit beginnt, ohne Licht, das von draußen irritiert, und nach halb Zehn muss man auch nirgends wo sein, sind alle Geschäfte geschlossen, sind die Liebenden miteinander und die Einsamen auf der Suche und die Depressiven vor den TV-Geräten, und ich tippe, ohne Zwang, es tropft ein Wort nach dem anderen – nicht wie es geplant war, weil jeder Plan ist Fiktion! nicht so wie es sein sollte, denn jedes Ziel ist Fiktion!

Ich komme näher.

Als Christian von der Lesung heimkam, setzte er sich auf die Ledercouch. Er wartete auf den Sonnenaufgang. Danach wartete er bis zu jenem Zeitpunkt, bei dem er vermutete, dass in einer halben Stunde die Geschäfte öffnen würden. Er verließ die Wohnung und kaufte Müllsäcke. Aber nicht die kleinen Großmüttersäcke, wo nach einem Sonntagsbesuch die Keksbrösel eingesammelt wurden, sondern die großen, reißfesten, die rave-tauglichen. Er kaufte auch Putzmittel. Aber nicht das Zeug, mit dem man Saftflecken vom Plastiktisch wischte, sondern Flaschen, aus denen es so scharf roch, dass es jede Lebensform auflösen würde, die sich zum Verrecken in den Abfluss gerobbt hatte. Er kaufte Zahnpasta, eine elektrische Zahnbürste und fünfzig Meter Zahnseide. Er kaufte zehn Unterhosen, zehn Paar Socken, zehn weiße T-Shirts, zehn weiße Hemden. Er kaufte zwei Garnituren Bettwäsche – eine in Blau und eine in Grau, für den Fall, dass Natalie blau nicht ausstehen konnte. Er kaufte Rasierschaum, Kondome und grüne Gummihandschuhe.

Das Töten steht nicht im Mittelpunkt.

Art-LanguageV3No1-1974

Was ich vor August geschrieben habe, kommt mir so unpassend, viel zu klein vor.

Im August bin ich mit Isolde zusammengesessen, und wir haben die Handlung des Romans festgezurrt. Es ist ein Roman der Liebe. Von zwei Lieben. Von mehreren, eigentlich. Und von Liebenden, die in ihrem Streben die Grenzen überschreiten.

Das Töten steht nicht im Mittelpunkt. Es ist die Liebe. Dafür braucht es andere Worte und Wege. Ich verfüge über all diese literarischen Mittel, zum Glück, bin beschenkt mit Erfahrung durch fünfzehn Jahre schreiberischer Arbeit.

Eine Verwandlung.

Ich will eine Szene schreiben, in sich mein Protagonist einer Verwandlung bewusst wird.

Carl Offterdinger - Mucks Verwandlung

Alles ist anders, innen und außen, weil er sich verliebt hat. Mir schweben als Vorbilder die herrlich grundlosen Veränderungen von Kafka und Saramago vor – denn es fragt ja auch keiner: warum hast du dich verliebt? Verlieben ist – rational gesehen – nicht logisch ableitbar. Das macht es ja spannend.

Anderseits: ich will keine öde Innenschau zeigen.

Idee: Ich beschreibe die Welt, wie sie nun anders ist.

Doch wie soll ich das tun, wenn ich eben gar nicht in Stimmung einer solchen Verwandlung bin? Ich habe Kaffee (schwarz), Topfenstrudel (süß), ich habe Internet (Pfui! Ablenkung!), Raumtemperatur 25 Grad, Wetter mäßig sonnig, und ich habe ca 4 Stunden Zeit.

Hm.

Eine Architektur in Worte fassen!

Ein Haus beschreiben.

Wozu? Weil hier das Leben, der Roman stattfindet. Weil die Leserin etliche Stunden hier verbringen soll.

Wie? Mit wenig Worten Orientierung schaffen. Soll ich schreiben: unten gibt es Gras, auf Höhe des ersten Stocks queren Brücken den Innenhof? Soll ich Assoziationen mit einem Gefängnis nennen? Ach, zu platt! Schwierig ist das Schreiben über die einfachen Dinge.

Innenhof

Herkunft des Fotos: Messequartier Graz

Es hilft nicht, dir einen Lover zu suchen, der – während er schläft – schreit.

Du wirst mich immer hören, denn ich sprech aus dir zu dir.
Mein Empfänger liegt tief wie eine Pirat deinem Körper. Du musst ihn mit der Stimmgabel suchen.

Ich bin das Schweigen der Lungenmaschinen.

Ich hab seinen Ring verschluckt, damit ich ihn mit meiner Scheiße abtreiben kann.

(Ich schreibe, und währenddessen habe ich das Hörspiel Radio Noir von Albert Ostermaier an meinen Ohren)

Was, so schnell kann ich schreiben?

Anzahl der Worte - Gemeinschaftsroman - 2013-05-09

Das zweite Romanprojekt, das ich mit Isolde Bermann gestartet habe, hat bereits 68.000 Zeichen – das sind 40 Romanseiten, obwohl wir erst vor drei Wochen mit dem Schreiben losgestartet sind!

Und die Qualität? Da wir zu zweit arbeiten, braucht es keine kompletten Überarbeitungen mehr – da wir uns laufend abstimmen.

Wir haben – gefühlt – kaum noch begonnen, und schon ist ein Zehntel des Romans fertig. Unglaublich. Schön.

Reinfühlen! Neuer Romanbeginn!

Ein neuer Romanbeginn. Hineinfühlen! Stimmungen aufsaugen! Den Schreibraum zu einem emotionalen Schlachtfeld machen. Hilfsmittel? Filme. Ja, das gibt es diesen einen Film, der immer wieder mich vorantreibt, der schon bei vielen Romanen emotionales Rohmaterial war.

Und diesmal: Ein Zimmer in Graz. Darin ein Romanautor. Der etwas schreiben muss, was er niemals schreiben kann, und der sein Schicksal um einen Lebenssinn anfleht. Und weil jeder bekommt, was er will, bekommt er einen. Mit dermaßen einer Gewalt, dass binnen Sekunden nichts mehr ist wie vorhin.