Auf der Suche nach der Idee, die alles rettet

GRAUKO hat mir Feedack auf mein aktuelles Romanprojekt gegeben.

Das Feedback war ausführlich und hat mich mit der Erkenntnis zurückgelassen: Der Roman funktioniert nicht. Er wird erst ab der Hälfte spannend, und er ist nicht schlüssig. Jene Stellen, die mir so sehr am Herzen lagen (“Darlings”), sind flau.

Puh.

Also, erstens, danke an GRAUKO. Nach 18 Jahren funktioniert das Feedback immer noch toll.

Zweitens: Ich suche eine Idee, die mir das Projekt hinbiegt.

Ich suche seit Wochen.

Das Erschrecken an den eigenen Gedanken

Capricho nº 52: ¡Lo que puede un sastre! de Goya, serie Los Caprichos

Letzten Freitag, irgendwann um Mitternacht. Ich hocke mit Peter Heissenberger (GRAUKO) in Graz zusammen und erkläre ihm den Roman, an dem ich arbeite. Lege müde und dennoch voll Elan meine literarischen Probleme aus. Er sagt, was ihm dazu einfällt, und dann habe ich sie, die letzte große Idee, die ich brauche, damit die Handlung schlüssig vor sich gehen kann.

Genauer: Ich verfüge über ein stimmiges Szenario, um meine Heimatstadt in den Bürgerkrieg zu schicken.

Heute Sonntag. Ich denke weiter, kombiniere die Ethnien in meinem Roman mit den Ereignissen vergangener Kriege und sehe Mütter, denen man die neugeborenen Kinder entreißt, weil sie einer fremden Ethnie angehören – und da ich als Literat klarerweise eine ausmalende Phantasie habe, höre ich das Schreien und die versetze mich hinein in die Verzweiflung, mit der die Frauen ihre Neugeborenen verstecken und um Hilfe rennen und flehen …

Also trinke ich ein Glas Rotwein, weil die Bilder im Kopf schon heftig sind und ich meine Heimtatstadt in Gräben und Schutthaufen wandle. Da habe ich natürlich auch gleich eine wichtige Romanfigur geschaffen – die Mutter mit dem Neugeborenem – und das ganze kombiniert mit meinem Protagonisten, der irgendwie überleben will und dennoch einen Weg sucht, um Mensch zu bleiben.

Und da erschrecke ich.

Und ich beobachtete mein Erschrecken über mein Konzept und sitze auf meinem Sofa, als Zeuge eines emotionalen Prozesses, der nun angestoßen bis ans Ende des Romans rollen würde, vielleicht jahrelang.

Was sind meine Probleme?

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Ich weiss nicht wo ich beginnen soll

Ich kenne die Handlung nicht

Ich mag das Kindheitszeug nicht schreiben

Ich brauche eine Handlung

Ich brauche das Schreibgefühl um reinzukommen …

Idee: keine Handlung, stattdessen dunkles Schreibgefühl

Aber wie führt das zu Ziel?

Was ist das Ziel?

Bewusst kein Ziel haben?

Was stattdessen? Eine ganz eigene Sicht der Welt

Hey, das hier soll neues Schreiben für mich sein, und Schreiben kommt von Schrei

Meine Gedanken flüchten mir vom Schreibtisch.

Ich mache einen Schritt und meine Gedanken stieben auseinander, runter vom Schreibtisch, und huschen in dunkle Löcher.

Ich setze Kopfhörer voller Musik ein, um sie herauf zu zwingen.

Meine Erfahrung lehrt mich: Ich habe eine Chance. Nämlich dieses Flüchten zu meiner Schreibhaltung zu machen. Es meinem Romanhelden umzuhängen, der nicht dort sein will, wo er ist. Der nie dort sein will, wo er ist, daher die Unruhe, die ihn frisst.

Das ist Arbeit. Grobe Worte. Henry Miller, schau oba!

PS: Folgendes Video zeigt so ein Gedankenwesen, das auf einem Tisch geboren wird, sich umschaut. Einer ruft “Don’t touch it!”, und dann haut es ab, das Gedankenwesen. Versteckt sich im Dunklen, aber es ist nicht weit. Hinter mir. Ich höre sein Atmen.

PPS: Lieber tippe ich Blogeinträge und suche passende Videos als zu schreiben … na, wenn das nicht symptomatisch ist!

Erstes Ergebnis meiner Sprachsuche: Eine Sprache, die Regeln bricht.

Die Sprache soll der Dringlichkeit des Romanhelden gerecht werden. Sie soll dennoch verständlich sein. Hier nun das Zwischenergebnis meiner Suche nach der geeigneten Sprache für den kommenden Roman.

Erstens.

Wegen der Dringlichkeit breche ich mit Üblichem. Regeln bewusst widersprechen. Eine Regel lautet: Eine Geschichte wird entweder in der Ich-Form, von einem personellen Erzähler oder von einem auktoriellen Erzähler vermittelt. Beachte das Entweder-Oder-Oder.

Ein Ich-Erzähler kann deshalb niemals wissen, was im Kopf eines anderen Menschen vor sich geht. Das macht es ja auch spannend, sagt man, denn dann ist es dem Leser überlassen, zu spüren, was in anderen Menschen passiert, das ist wie in einem Film, sagt man …

Der Roman ist in der Ich-Form und zugleich in der auktoriellen Erzählperspektive. (In nachfolgendem Beispiel gibt es eine Stelle, die auktoriell ist … findet ihr sie?)

Zweitens.

An meinem Grundsatz “Show, don’t tell” möchte ich dadurch rütteln, dass ich mich auf eine wertende Innensicht konzentriere (inspiriert durch Henry Miller). Im Vordergrund stehen Wertungen und Meinungen, sie überdecken das Gesehene. (Aber nur augenscheinlich. Denn tatsächlich ist das Darstellen von Wertungen wertungsfrei – denn eine Wertung/Meinung sehe ich hier als sinnlich erfahrbares Objekt. So habe ich Henry Millers wertenden Stil auch erfahren.)

Drittens.

Die Dringlichkeit und Zerrissenheit stelle ich durch ein inneres Streitgespräch dar. Denken ist Widerstreit.

Hier die aktuelle Fassung des Romanbeginns:

Ich biege in die Johannesgasse ein und stehe vor dem La Cabaña. Das ist, von außen betrachtet, eine Metalltür. Eine mit Sichtfenster. Gegen die schon einmal jemand getreten hat, mit dem Fuß, denn unten hat das Metall eine Delle. Aber das ist nicht wichtig, denn das La Cabaña ist ein Tanzlokal, und Samstagnachts rasten Menschen nun einmal aus, und wer weiß, wann das passiert ist, vielleicht schon vor Jahren, und vielleicht ist gar keiner mit dem Fuß dagegen, sondern es war ein Versehen und es hat mit der Baustelle nebenan zu tun …

– Hör auf, so hektisch herumzudenken!

– Was soll ich sonst denken?

– Dass heute Sonntag ist, und dass du tanzt.

Ich drücke gegen die Tür. Ohne Erfolg.

– Und wie soll ich tanzen, wenn die Tür nicht aufgeht? Ich kann Salsa ohnehin nicht ausstehen.

Ich ziehe am Türgriff. Die Tür geht auf, und vor mir ist eine Treppe. Die führt mich hinab, wo die Musik herkommt. Salsa. Dieses hektische Netz aus Trommelschlägen und Trompetengetue, wo ich mir beim Tanzen so schwer tue, den ersten Schritt herauszuhören. Nach der letzten Stufe stehe ich an der Garderobe. Eine zierliche Frau mit langen, dunklen Haaren reicht dem Mann hinter der Garderobe ihre Jacke. Er ist ein Schwarzer, kleiner als ich, aber mit einem Oberkörper, wie man ihn mit nur viel Arbeit im Fitnessstudio bekommt, mit Oberarmen so prall, dass ich sie nicht mit beiden Händen umfassen könnte.

Als die Frau ihm eine Münze hingeschoben hat, dreht sie sich zu mir um. Ihr Blick schnell an mir, von unten nach oben. Binnen einer Sekunde denkt sie sich: Schlank, groß, aber zu jung. Ich brauche doch einen, mit dem ich ein Kind kriegen kann, bevor ich vierzig bin.

– Ja, ihr Frauen, ihr entscheidet euch sofort. Ja oder nein. Sex oder nicht. Binnen des Bruchteils eines Gedankens. Soweit kenne ich die Zusammenhänge schon.

Salsa. Oder das Schreiben von Romananfängen.

Nein. Nur nicht tanzen heute! Außerdem ist morgen Montag, dann geht der Stress im Projekt weiter, und ich muss doch schlafen. Was war das für eine Idee, ausgerechnet sonntags! Nicht nur heute, sondern alle kommenden fünf Sonntage. Ich will ein Buch lesen. Und acht Stunden Ruhe will ich haben. Aber stattdessen stehe ich auf der Kärntnerstraße herum, soeben vom U–Bahnschacht rolltreppenhaft emporgespien. Fußgängerzone mit seitlichem Schaufensterlicht, und ich friere, obwohl eigentlich Frühling sein sollte. Und schon gar nicht ertrage ich jetzt eine Salsa! Weil ich diese Musik nicht ausstehen kann. Dieses hektische Netz aus wirren Trommelschlägen und Trompetengetue, wo ich beim Tanzen keinen Einstieg für den ersten Schritt heraushöre, wo ich dazu verdammt bin, nach den Füßen der anderen Paare zu sehen, damit ich nicht außerhalb vom Takt wie der ärgste Anfänger herumimprovisiere. Lieber umkehren, lieber schnell nach Hause, ich schwöre, heute ich die Nacht, da könnte ich endlich wieder durchschlafen!

Eineinhalb Stunden, Heinz. Dann kannst du nach Hause. – Aber fünfmal hintereinander! – Heute ist es nur einmal, Heinz. Und wenn du daheim bist, stell dir vor, was wird dann wieder sein, mit dir?

Ich gehe weiter.

Dies ist der aktuelle Beginn von “ausgegraben”. Zugleich alles, was ich vom Roman in der 6. Fassung habe. Vor ein paar Stunden hatte ich ein paar Seiten mehr, habe es hinfortgekürzt. Weil ich eine kräftige Sprache brauche. Eine, die der Kellerszene von Violanum würdig ist.

Vor ein paar Tagen gab es folgenden Anfang:

Hinter meinen Augen, im Inneren meines Kopfes, dort drinnen arbeitet ein Räderwerk von kleinen und ganz kleinen Rädchen mit einem Surren, einem dermaßen pulsierendem Surren, dass ich es stillmachen muss und mir die Handflächen an meine Ohren presse. Aber das Vibrieren, das kann ich nicht aufhalten, das durchzieht meinen Schädel, das geht weiter zu den Knien, zu den Füßen, so dass ich mit den Beinen wippen muss, weil ich sonst nicht weiß, wohin mit meinen Bewegungen. Das einzig Stille in meinem Kopf ist das große Zahnrad. Das sitzt in der Kopfmitte. Es surrt nicht. Es dreht sich still – nein, drehen ist übertrieben, es bewegt sich weiter, bedächtig von einem Zahn zum nächsten. Aber unaufhaltsam! Und an ihm hängen andere Zahnräder. Kaskadenweise diese kleinen hin zu den kleinsten, aneinander gekoppelt mit wahnwitzigsten Übersetzungen, dass ein unmerklicher Bewegungshauch des Großen Rades ein Rasen in den Kleinen hinterlässt, dass es nur mehr Surrendes und Vibrierendes gibt, tausendfach, und eines treibt das andere und treibt hundert weitere, dass die Mechanik heiß wird und glüht vor lauter innerer Reibung. Aber das große Rad hört nicht auf. Es macht weiter mit einer Kraft, die unerbittlich ist, denn es ist die Zeit höchstpersönlich, die dieses Rad vorantreibt.

Und in der Fassung Nummer 5 von 2006 klang der Anfang so:

Bettina sitzt in ihrem Büro im Institut für Ur- und Frühgeschichte. Vor sich, auf ihrem Schreibtisch, stapeln sich Seminararbeiten über die Auswertung von Gräberfeldern. Jemand öffnet die Tür, ohne anzuklopfen. Bettina und schaut auf, bereit, den Hereinkommenden zurecht zu weisen. Es ist Keichlo.
„Was machst du hier?“, fragt sie. Groß ist er geworden, denkt sie. Fast stößt er oben an den Türrahmen.
„Und was machst du hier?“
Er kommt herüber, hebt ein korrigiertes Blatt hoch. Bettina hat Rechtschreibfehler rot markiert. „Immer noch die Perfektionistin, hm?“
„Lass mich arbeiten.“
Er lächelt. „Immer noch die Verbissene, hm?“
Sie schaut zu ihm hinauf. Wie alt ist er mittlerweile? Einundzwanzig? Seine Augen. Scharf umgrenzt von einer dunklen Linie, drinnen im Grün ein helles Geflecht. Bernsteinfarbene Flüsse, die einem schwarzen Zentrum zustreben. Sind seine Augen schon früher so gewesen?
„Gehen wir tanzen“, sagt er.
„Was soll ich?“
„Tanzen.“
„Weshalb soll ich mit dir tanzen?“
„Vielleicht, weil es Spaß macht?“
„Ich habe Spaß genug.“
„Ich sehe es.“
Ich sollte jetzt etwas Freches erwidern, denkt sie. Einen Atemzug später fällt ihr ein: „Stellst du dich immer noch auf Gleise und hältst Züge an?“
„Nein“, sagt er. „Ich mache nur mehr die ganz gefährlichen Sachen.“
„Und das wäre?“
„Mit dreißigjährigen Frauen tanzen gehen.“
„Klingt letal.“
Er hebt die Augenbrauen. „Freitag, zehn Uhr abends. Wir treffen uns vor dem Stephansdom und gehen dann ins La Cabaña.“
„Freitag habe ich sicher keine Zeit.“

… klingt so, als hätten diese drei Anfänge nichts miteinander zu tun, nicht wahr? Ist aber doch verwoben. Weil es darum geht, dass Keichlo (der Romanheld) mit Bettina Salsa tanzt. Natürlich hat sich die Handlung so verändert, dass der Anfang von 2006 nicht mehr passt – weil ich beschlossen habe, diesem Wieder-Treffen der beiden viel mehr Raum zu geben. Die Romanfassung von 2006 ist mir zu sparsam.

Hier zeigt es sich mir wieder einmal: Der Anfang ist das instabilste Stück Text am ganzen Roman. Aber für mich ist es wichtig, einen zu haben, ihn halbwegs zu haben, damit ich mit der richtigen Emotion/Schreibhaltung/Sprache losstarten kann.