Bei allem, was über Literatur gesagt wird, ist davon auszugehen, dass auch das Gegenteil wahr sein kann.

Dieser Imperativ stammt von Julian Schutting. Er sagte das 1999, bei einer Eröffnungsrede der Schule für Dichtung, als eine Vorrednerin gemeint hatte, man müsse “lesen, lesen und nochmals lesen”, um gut schreiben zu können, und er meinte, man müsse nicht.

Für mich fügt sich das alles gut zusammen, wenn ich Karl Poppers Wissenschaftstheorie im Hinterkopf habe:

Popper schlägt stattdessen vor, dass Theorien (abstrakt betrachtet) frei erfunden werden dürfen. Im Nachhinein werden dann Experimente angestellt, deren Ausgang als Basissätze konventionell festgelegt werden. Durch diese Basissätze können dann die Theorien widerlegt (falsifiziert) werden, wenn die Folgerungen, die aus ihnen deduziert werden, sich im Experiment nicht bestätigen.

In einem evolutionsartigen Selektionsprozess setzen sich so diejenigen Theorien durch, deren Widerlegung misslingt.

Wenn ich also etwas über das Schreiben aussage, dann meine ich das aus meiner Erfahrung heraus. Solange sich meine Aussage (mein Imperativ) bei einigen Schreibenden bewährt, ist es gut. Werde ich widerlegt, dann freut mich das, heißt es doch, dass sich jemand mit meinen Gedanken auseinandersetzt.

PS: Wenn ich etwas über das Schreiben sage, und damit auch das Gegenteil wahr sein kann, ist diese Aussage auch sich selbst unterworfen, oder? :-) Siehe “Epimenides der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner”.