Creativity is the act of rebellion by definition

Creativity is the act of rebellion by definition. You have to be downright subversive to break the rules and to confront conventional wisdom, don’t you? And if everyone accepts what you are doing when you are doing it, you’re obviously not on the forefront and you are doing something that is within the paradigm. If every accepts what I am doing, I’m in the wrong field.

Allan Snyder

Beispiel einer Kritik oder: Neue Lebensphase II

Ich habe I., eine sehr wertgeschätzte Kollegin, um ihre Meinung gebeten. Es ging um eine Stelle, die ich vor ein paar Tagen geschrieben hatte.

Ihre Rückmeldung will ich hier als Beispiel einer gelungenen Kritik anführen. Ich erfahre, was ihrer Meinung nach nicht funktioniert und was sehr wohl funktioniert. I.’s Kritik hilft mir, mich zu orientieren. Kritik muss nicht immer versuchen, objektiv zu sein; so spricht I. auch ihre persönliche Schwierigkeit mit einem Charakter an.

Hi Thomas,

hier mein Statement zu deinem Angelika-Timon-Text: Beispiel einer Kritik oder: Neue Lebensphase II weiterlesen

Kritik am Handwerk eines Autors

In einem Krimi las ich folgende Stelle:

[Er] war ein kränklicher Mann von kleinem Wuchs; er war Beamter in irgendeiner Behörde, war geradezu auffallend blond und hatte einen kurzen Backenbart, auf den er sehr stolz war. Überdies schmerzten ihn fast ständig die Augen. Sein Herz war ziemlich weich, doch seine Rede höchst selbstsicher und manchmal geradezu anmaßend – was im Verein mit seiner zarten Gestalt fast immer lächerlich wirkte.

  1. Der Autor wertet, anstatt zu zeigen (vergleiche dazu: Show, don’t tell): Es wird gesagt, dass der Mann klein sei, ohne zu zeigen, wie groß er nun ist; der Mann wirkt lächerlich, aber dem dem Leser wird keine die Möglichkeit gegeben, diese Lächerlichkeit zu erleben. Der Autor schreibt vor, was der Leser empfinden soll (Regieanweisung).
  2. Viele Adjektive: Statt „geradezu auffallend blond“ würde eine „auffallend blond“ genügen – denn was ist der Unterschied zwischen „geradezu auffallend“ und „auffallend“? (Robert Schindel nennt diese überflüssigen Worte „Füllselworte“) Wie darf ich mir einen „geradezu auffallend blonden“ Mann vorstellen? Rotstichig? Albinohaft? Der Autor hätte mir das vermitteln können.
  3. Übertreibungen haben den gegenteiligen Effekt: „selbstsicher“ wirkt beim Leser stärker als „höchst selbstsicher“, und „sehr stolz“ schmälert den „stolz“.
  4. Übertreibungen, die durch ein Adjektiv relativiert werden: Was bedeutet „fast ständig“? Ein „ständig“ mit einem „fast“ zu mindern, solche sprachlichen Hakenschläge stumpfen ab; hier würde ein „oft“ wohl genügen. Ähnlich bei „fast immer lächerlich“, da täte es ein „lächerlich“; denn die Zeitraumbeschreibung „fast immer“ bringt den Leser (gefühlsmäßig) nicht näher an den beschriebenen Mann.
  5. Literarische Ungerechtigkeit: Einen Mann gleich von Anfang an als lächerlich zu werten widerspricht dem Prinzip der erzählerischen Gerechtigkeit, wie sie etwa von Robert Schindel eingefordert wird.

Der Autor, so scheint es mir, wollte sich nicht die Arbeit antun, dem Leser zu vermitteln, was er sieht – der Leser erfährt bloß die Zusammenfassung, die Schlussfolgerungen. Dem Leser wird hier keine Chance gelassen, sich selbst ein Bild zu machen.

Welchem Krimi ich diese Stelle wohl entnommen habe?

Handwerkliche vs. ästhetische Kritik

Handwerkliche Kritik

Wir beurteilen, inwieweit der Text das Ziel erreicht, das sich der Text setzt.

Das Ziel wird nicht hinterfragt, sondern nur dessen Umsetzung mit Hilfe des vorliegenden Texts.

Ein Indikator für geringe handwerkliche Qualität ist, dass man Textteile kürzen kann, ohne dass sich an der Zielerreichung/Wirkung des Texts etwas ändert. (Was nicht bedeutet, dass ein solcher Text gekürzt werden muss – er kann auch ausführlicher gestaltet werden, um seine Wirkung zu entfalten)

Ästhetische Kritik

Wir beurteilen das Ziel, das sich ein Text stellt.

Hier hinterfragen wir sehr wohl, ob das Ziel passend | schön | gut | lohnenswert ist. Der Kritiker legt seine persönlichen Beurteilungsmaßstäbe an – diese unterscheiden sich je nach persönlichen Einstellungen und Werten der Kritiker.

Verlage beispielsweise beurteilen Manuskripte danach, ob sie zur Verlagslinie passen – wenn ein Verlag etwa nur Krimis verlegt, hat eine noch so gut geschriebene Fabel keine Chance verlegt zu werden.

Zu dieser Art der Beurteilung gehören Literaturrezension. Hier dominiert die persönliche Einstellung des Kritikers – und das ist ausdrücklich gewünscht.

Ästhetische Kritik kann dem Autor den Blick auf das eigene Werk weiten, kann ihm helfen, sich zu positionieren.