Weiterschreiben? Rückwärtsschreiben!

Vor einigen Tagen habe ich hier die Frage gestellt: Wie fühlt man sich, nachdem man jemanden krankenhausreif geschlagen hat?

Eine Frage wie bei etwas, das plötzlich passiert, zum Beispiel, ein Apfel fällt Timon auf den Kopf, und ich muss herausfinden, wie er sich nun fühlt.

Es ist schlichtweg die falsche Frage. Denn weit wichtiger ist: Was fühlt Timon vorher? Es muss in irgendetwas Großem drinnenstecken, sonst würde er nicht so etwas tun. Und dieses Große (sein Schuldgefühl) treibt ihn zu Tat an, und nachher ist es ja nicht weg. Nachher, verstärkt durch die Tat, geht es weiter. Timon hat es dann schwarz auf weiß: er trägt in sich die Erbschuld des Mannes schlechthin, nämlich, die Frau im Stich gelassen zu haben. So etwa hatte er sich bis zu Sophies Tod niemals ernsthaft darauf vorbereitet, mit ihr zusammen zu ziehen. Trotz gegensätzlicher Beteuerungen. Wäre sie nicht gestorben, wäre es aufgeflogen. Ein Teil von Timon wollte niemals das bisherige bequeme Leben aufgeben. Der andere Teil Timons war immer bemüht, dieses Versagen bis zur Selbstaufgabe zu kompensieren.

Das Schlimmste: Ein Teil von Timon war erleichtert, als Sophie tot war. Das ist etwas, das muss Timon vor sich selbst verstecken. Er zimmert er sich ein Idealbild der Beziehung zurecht. Aber Timon entkommt sich nicht. Das will ich so schildern, dass es fast zwangsweise zu der Entladung führt.

(Damit muss selbstverständlich die Textstelle, in der Timon auf Marx eintritt, massiv geändert werden.)

Beim Überarbeiten II

Seite 93 der 7. Romanfassung mit Kaffee und Tippfehlern
Seite 93 der 7. Romanfassung mit Kaffee und Tippfehlern

09:30 Ich mag nicht. Lieber irgendwohin frühstücken gehen. Heute keine Literatur, bitte.
09:38 Ich mache mir Kaffee
09:42 Ich freue mich, in meinem Kühlschrank ein Erdbeerjoghurt zu finden.
09:52 Ich stelle die Kaffeetasse dort ab, wo Platz für sie ist. Neben dem aufgeblätterten Manuskript.
10:01 Oh Gott, ein Fallfehler! Wortwiederholung. Wortwiederholungen. Verben vergessen. Verben doppelt – das kommt davon, wenn man Sätze umstellt ohne sie nachher durchzulesen! Und viel zu viele Rufzeichen im Text!
10:15 Ich schreibe Sätze um – Meine Handschrift zerfließt, ist zum Lesen noch brauchbar. Ich habe das Schreiben verlernt, klar, immer nur Computer.
10:20 Bis zum GRAUKO-Treffen werde ich niemals mit der gesamten Überarbeitung fertig, nicht einmal mit Durchlesen. Das Teil ist ja volumensmäßig schon ein dünner Roman.
10:30 Irgendwie bin ich drin. In der Handlung. Ist ein Formen der weichen Romanmasse. Es ist weit weg von perfekt, aber GRAUKO soll mir bloß sagen, welche Stimmung rüberkommt, welche Fragen offen sind, und wo es hakt.