Erstes Ergebnis meiner Sprachsuche: Eine Sprache, die Regeln bricht.

Die Sprache soll der Dringlichkeit des Romanhelden gerecht werden. Sie soll dennoch verständlich sein. Hier nun das Zwischenergebnis meiner Suche nach der geeigneten Sprache für den kommenden Roman.

Erstens.

Wegen der Dringlichkeit breche ich mit Üblichem. Regeln bewusst widersprechen. Eine Regel lautet: Eine Geschichte wird entweder in der Ich-Form, von einem personellen Erzähler oder von einem auktoriellen Erzähler vermittelt. Beachte das Entweder-Oder-Oder.

Ein Ich-Erzähler kann deshalb niemals wissen, was im Kopf eines anderen Menschen vor sich geht. Das macht es ja auch spannend, sagt man, denn dann ist es dem Leser überlassen, zu spüren, was in anderen Menschen passiert, das ist wie in einem Film, sagt man …

Der Roman ist in der Ich-Form und zugleich in der auktoriellen Erzählperspektive. (In nachfolgendem Beispiel gibt es eine Stelle, die auktoriell ist … findet ihr sie?)

Zweitens.

An meinem Grundsatz „Show, don’t tell“ möchte ich dadurch rütteln, dass ich mich auf eine wertende Innensicht konzentriere (inspiriert durch Henry Miller). Im Vordergrund stehen Wertungen und Meinungen, sie überdecken das Gesehene. (Aber nur augenscheinlich. Denn tatsächlich ist das Darstellen von Wertungen wertungsfrei – denn eine Wertung/Meinung sehe ich hier als sinnlich erfahrbares Objekt. So habe ich Henry Millers wertenden Stil auch erfahren.)

Drittens.

Die Dringlichkeit und Zerrissenheit stelle ich durch ein inneres Streitgespräch dar. Denken ist Widerstreit.

Hier die aktuelle Fassung des Romanbeginns:

Ich biege in die Johannesgasse ein und stehe vor dem La Cabaña. Das ist, von außen betrachtet, eine Metalltür. Eine mit Sichtfenster. Gegen die schon einmal jemand getreten hat, mit dem Fuß, denn unten hat das Metall eine Delle. Aber das ist nicht wichtig, denn das La Cabaña ist ein Tanzlokal, und Samstagnachts rasten Menschen nun einmal aus, und wer weiß, wann das passiert ist, vielleicht schon vor Jahren, und vielleicht ist gar keiner mit dem Fuß dagegen, sondern es war ein Versehen und es hat mit der Baustelle nebenan zu tun …

– Hör auf, so hektisch herumzudenken!

– Was soll ich sonst denken?

– Dass heute Sonntag ist, und dass du tanzt.

Ich drücke gegen die Tür. Ohne Erfolg.

– Und wie soll ich tanzen, wenn die Tür nicht aufgeht? Ich kann Salsa ohnehin nicht ausstehen.

Ich ziehe am Türgriff. Die Tür geht auf, und vor mir ist eine Treppe. Die führt mich hinab, wo die Musik herkommt. Salsa. Dieses hektische Netz aus Trommelschlägen und Trompetengetue, wo ich mir beim Tanzen so schwer tue, den ersten Schritt herauszuhören. Nach der letzten Stufe stehe ich an der Garderobe. Eine zierliche Frau mit langen, dunklen Haaren reicht dem Mann hinter der Garderobe ihre Jacke. Er ist ein Schwarzer, kleiner als ich, aber mit einem Oberkörper, wie man ihn mit nur viel Arbeit im Fitnessstudio bekommt, mit Oberarmen so prall, dass ich sie nicht mit beiden Händen umfassen könnte.

Als die Frau ihm eine Münze hingeschoben hat, dreht sie sich zu mir um. Ihr Blick schnell an mir, von unten nach oben. Binnen einer Sekunde denkt sie sich: Schlank, groß, aber zu jung. Ich brauche doch einen, mit dem ich ein Kind kriegen kann, bevor ich vierzig bin.

– Ja, ihr Frauen, ihr entscheidet euch sofort. Ja oder nein. Sex oder nicht. Binnen des Bruchteils eines Gedankens. Soweit kenne ich die Zusammenhänge schon.

Sehen, hören, fühlen, riechen, berühren. Schreiberische Alltagsarbeit.

Beim Schreiben geht es um das Leben. Schreiben hat etwas mit sehen, hören, fühlen, riechen, berühren zu tun. Es handelt weit eher von all diesen Dingen als vom Denken.

Wir haben die Vorstellung, Schriftsteller müssen „intelligent“ sein. Mit „intelligent“ meinen wir „raffiniert“. Wir wissen, wie Raffinesse beim Schreiben aussieht: Es sind Sätze verlangt, die Kurven so mühelos nehmen wie ein Porsche, und kritische Kommentare mit einer Geschwindigkeit und Eleganz in die Ecke treiben, die uns normale Menschen meist nicht zur Verfügung stehen. Ja, das ist eine Art zu schreiben, mit Effekthascherei, doch ist das Schreiben mehr als nur das.

(Quelle: Julia Cameron: Von der Kunst des Schreibens)

Julia Cameron beschreibt so treffend, weshalb Sinneseindrücke im Zentrum stehen, am ersten Tag der Schreibwerkstatt Texthobel.

Gefühle löse ich bei der Leserin nicht dadurch aus, indem ich sie nenne („Anita ist verliebt.“). Klar darf ich jederzeit Emotionen nennen – bloß wundern darf ich mich nicht, dass die Leserin keine Marionette ist, die fühlt, was ich ihr befehle. Stattdessen die Leserin spüren lassen, dass Anita verliebt ist – indem sie Anita beobachtet. Darum frage ich mich als Autor: Woran erkenne ich, dass Anita verliebt ist? Solches ist meine schreiberische Alltagsarbeit.

Zuschreibung – ein wichtiges Wort. Paul Watzlawick im Video.

Dieses Video ist für mich eine Sichtweise auf das das, was ich als Autor mache: Das, was ich sehe, von dem zu trennen, was ich darüber denke. Watzlawick sagt gleich eingangs, dass er mit den Begriffe Wahrheit und Wirklichkeit nicht arbeitet – und im Gegenzug spricht er von Zuschreibungen. Ein schönes Wort: ich schreibe etwas. Ich schreibe etwas zu. Ich schiebe meine Worte zu etwas hin, ein Berg von Worten vielleicht, mit denen ich das zudecke, was ist – vielleicht kann ich nicht anders, vielleicht ist das meine Art, es wahrzunehmen. Es für-wahr-zu nehmen. Am Ende sagt der Worteberg mehr über mich aus und macht das Ding zum ein Anlass. Wer weiß.

Die Schönheit des Videos liegt für mich im Strahlen des großen Mannes. In seiner Art, Sätze vollständig und einfach zu formulieren. In seinem so wertschätzenden Umgang mit mir, dem Zuhörer.

Seinen Vortrag zum Thema „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ findest du hier in vier Teilen auf youtube.

Die Dinge losgelöst von einer Notwendigkeit anzuschauen. Lernen von Spinoza.

Wie spannend es sein kann, sich bestimmte Dinge bewusst zu machen, ohne dass ein spezifisches Interesse daran besteht.

… ist für mich das Wesen des Literaten.

Die Dinge losgelöst von einer Notwendigkeit anzuschauen, ist vielleicht eine der unterschwelligen Lektionen von Spinozas Ethik, die uns lehrt, die Welt losgelöst von all dem zu betrachten, was der Mensch in sie hineinverfrachtet.

… ist meiner Meinung nach das klassische „Show, don’t tell“.

Erfolglos schreiben: Sag dem Leser, was er denken soll.

Sag dem Leser stets, was du von allem hältst. Das erspart dir viel Arbeit.

Anstatt etwa das Beeindruckende eines Bauwerks in vier Sätzen vor dem Leser auszubreiten, reicht es zu sagen: „Die Kirche war beeindruckend.“

Denn Leser sind meist nicht intelligent genug, um schnell zu begreifen, was sie meinen sollen.

Wie gebe ich Feedback?

Die beste Art, einem schreibenden Kollegen zu helfen, ist, ihm ein Feedback zu geben, das ihn weiterbringt. In diesem Video zeige ich, wie ich das angehe.

Der Text, den ich im Video bespreche, ist im Umfeld einer Schreibwerkstatt entstanden. Die Aufgabe lautete: schreibe etwas, wozu dich dieses Bild inspiriert.

Einen kurzen Moment lang hält Eva inne.

Die Sonne brennt heiß auf ihre Schultern, und sie fühlt kleine Schweißperlen zwischen ihren Brüsten hinab rinnen.

Die Messlatte in ihren Händen erscheint ihr plötzlich wie ein Symbol, jede Markierung steht für einen Abschnitt ihres Lebens.

Sie beginnt zu zählen…und markiert mit der linken Hand die Stelle, an der sie gerade steht.

Was habe ich schon alles hinter mir gelassen…was ist unwiederbringlich Vergangenheit…und was steht mir wohl in Zukunft bevor?

Ihre Gedanken kreisen.

Wie wild beginnt ihr Herz zu pochen.

Ein kleiner Schauer rieselt, beginnend im Nacken, die Wirbelsäule hinunter und verursacht trotz drückender Mittagshitze Gänsehaut… und ein durchaus angenehmes Prickeln.

Eva lächelt.

Er steht am Rande der Grube und blickt zu ihr hinunter.