Außerdem sind Autorinnen und Autoren nur theoretisch sexy und anziehend.

Über das Beschreiben von Sex in der Literatur, aus der Sicht der Lektorin Susann Rehlein, gefunden in Der Freitag.

Als bekennender Fan von Henry Miller sehe ich manches anders, doch wie steht es doch geschrieben: Alles ist wahr, was über das Schreiben gesagt wird. Für gewisse Menschen, in gewissen Situationen.

Wünsche viel Freude beim Lesen dieses kurzweiligen Artikels.

Donner rollt über das Weidenkätzchen

Sexbeschreibung Wie schreib ich über Sex? Ist Auslassen feige oder ein Dienst am Leser? Wer jetzt oder demnächst einen Roman schreibt, wird für die 61 Tipps einer Lektorin dankbar sein

Sex ist so außerordentlich angenehm bis erschütternd, weil man ihn nicht reflektiert. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum in der Literatur überraschend wenig ausführlich über Sex geschrieben wird. Erstens ist man nie ganz bei sich, wenn er passiert, wie wollte man also angemessen davon erzählen, und zweitens sind literarische Mittel einfach zu schwach, um das Numinose zu beschreiben. Wobei verrückterweise gerade über Sex – allen voran Altmeister Philip Roth – häufig versucht wird, Todesangst beziehungsweise Todessehnsucht auszudrücken. Das heißt, den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Ist doch das eine nur eine Spur weniger unergründlich als das andere. Aber über ein Frühstück kann Todesangst nun mal nur sehr schwer ausgedrückt werden. Außer vielleicht von Raymond Carver, und der ist tot.

Viele Autoren umschiffen das Thema. Danke, möchte man sagen. Benedict Wells zum Beispiel, ein Jungspund, der mit Becks letzter Sommer einen überraschend reifen Roman geschrieben hat. Für mittelalten Sex ist der Autor eindeutig zu jung und entscheidet sich klugerweise, die Fresse zu halten: „Danach fielen sie erst aufs Bett, dann übereinander her.“ Auch die ansonsten eher nicht für Dezenz bekannte Autorin Alina Bronsky (schon allein das Pseudonym!) zieht sich halbwegs geschickt aus der Affäre: „Ich schließe die Augen und öffne sie wieder, und das Gefühl dabei ist, als würde es mich nicht wirk­lich betreffen.“

Anders verhält es sich mit der erotischen beziehungsweise pornografischen Literatur. Aber die Textsorte ist heute nicht das Thema. Oder wollen Sie, dass sich über Ihrem in der Heiligen Nacht begonnenen Roman jemand einen runterholt?

1 Lassen Sie’s. Sie wären in guter Gesellschaft. Etliche Autorinnen und Autoren der Weltliteratur haben wunderbar sinnliche Romane geschrieben, ohne dass darin irgendwer Sex hätte. Pascal Mercier zum Beispiel erreicht nicht wegen seiner saftigen Sexszenen Millionenauflagen, sondern weil der Bildungsbürger in seinen Büchern etwas lernt – und wegen der schönen Melancholie, mit denen der Leser sich in Gleichklang fühlen darf.

2 Andererseits – falls in Ihnen ein echter Erotomane schlummert, wäre es doch jammerschade, müssten wir auf Ihren tollen Sex verzichten. Stellen Sie sich die Welt nur mal ohne die Romane von Henry Miller oder Philipp Roth vor – ein Jammertal!

3 Denken Sie jedoch beim Schreiben Ihrer Roth’schen Sexszenen ein Minütchen an Ihre arme Lektorin, der ganz blümerant wird, wenn Sie sich zwangsläufig vorstellt, dass Sie die minutiös beschriebene Prostatamassage genossen haben müssen, um SO darüber schreiben zu können. Auch peinlich: Wenn sie Ihnen den multiplen Orgasmus Ihrer weiblichen Hauptfigur anstreicht und mit dem Kommentar versieht: „Bei dem trostlosen Stecher – unglaubwürdig!“

4 Sie kriegen immer Fremdschäm-Schüttelfrost, wenn sich im Theater ohne erkennbaren Grund die Leute ausziehn müssen? Na also! Lassen Sie Ihr Personal nicht ficken um des Fickens willen. In Bestsellerautor Peter Stamms Roman Sieben Jahre zum Beispiel findet für diesen Autor ungewöhnlich viel Sex statt (meistens übrigens ziemlich jämmerlicher). Aber nicht etwa, weil Stamm sich in der Midlife Crisis befände und an nichts anderes mehr denken kann als an Sex, sondern weil er seinen Helden hin- und hergerissen zeigt zwischen einer Frau, die ihn karrieretechnisch motiviert und intellektuell inspiriert, und einer, bei der er sich einfach nur frei fühlt. Und Stamm ist keineswegs so dumm, das Freisein ganz simpel an geilem Sex festzumachen.

Für die Literatur gilt: Nichts steht zufällig und grundlos zwischen zwei Buchdeckeln. Jedes Croissant, jede Falte im Laken, jeder Samenerguss hat was zu bedeuten, auch wenn Ihnen als Autor das gar nicht bis ins Letzte klar sein muss. Nicht umsonst sagt man, das Buch sei klüger als sein Autor.

5 Apropos Samenerguss: Der Sex muss sich stilistisch in den Roman einfügen, und falls Sie darauf verzichtet haben, die Raufasertapete im Schlafzimmer zu kartografieren, verzichten Sie am besten auch auf die Beschreibung von Konsistenz und Schattierungen des Spermas Ihrer Hauptfigur.

6 Sind Sie in einer finanziellen Notlage, wollen sich aber nicht völlig kompromittieren, indem Sie den 18. Abklatsch von Feuchtgebieteverfassen, entscheiden Sie sich für eine Mischform aus Pascal Mercier und Porno: Ein Buch, das die geneigte Leserin für Literatur hält und bedenkenlos in der U-Bahn lesen kann, das aber ausreichend explizit ist, damit sie ein bisschen auf ihrem Sitz hin- und herrutscht. Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger wäre ein Beispiel für diese Art Literatur. Oder auch Fegefeuer von Sofi Oksanen.

7 Ein Großteil aller Leser ist weiblich. Schrei­ben Sie also Sex, wie Frauen ihn mögen. Vielleicht wünschen Sie sich dann vom Weihnachtsmann zunächst einmal den Ratgeber She Comes First, der so zermürbend ist, wie ich mir die Grundausbildung bei der Bundeswehr vorstelle, und verschieben das mit dem Roman auf Weihnachten 2011 (da gibt’s auch mehr freie Tage). Sollten Sie eine Frau sein – es gibt auch den nicht weniger zermürbenden Ratgeber He Comes Next.

8 Versuchen Sie also lieber, ein guter Liebhaber, eine gute Geliebte zu sein, als ein Autor, eine Autorin. Jährlich erscheinen hierzulande an die hunderttausend neue Bücher. Und jetzt wollen auch noch Sie Ihre Nächte damit verschwenden, ein Buch zu schreiben, auf das niemand wartet?

9 Außerdem sind Autorinnen und Autoren nur theoretisch sexy und anziehend. Gehen Sie bloß mal auf eine Lesung. So wollen Sie doch nicht sein: schlechte Kleidung, lausiges Parfüm, Gestammel. Bei näherer Betrachtung sind die meisten Autoren zudem kindisch und egomanisch, was Ihnen jede Lektorin bestätigen wird, wenn man über so etwas sprechen würde.

10 Beschreiben Sie nie den ganzen Sex von vorne bis hinten – oder haben Sie schon mal über ein vollständiges Frühstück gelesen, samt Messer in die Hand nehmen, Brötchen in die Hand nehmen, Brötchen aufschneiden, mit Butter bestreichen, zwischen Nutella und Pflaumenmus wählen und, und, und? Schreiben Sie den Teil, der am besten ausdrückt, worum es Ihnen bei der Szene geht. „… Es war, als tasteten unsere Körper nacheinander, während wir noch im Halbschlaf lagen. Sonja küsste mich, sie stieß mir ihre Zunge in den Mund, die sehr groß zu sein schien, und ich schmeckte ihren Schlaf. Sie hatte die Unterwäsche abgestreift und sich auf mich gelegt, ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wie schwer sie war und wie warm“, heißt es bei Peter Stamm in der einzigen innigen Sexszene zwischen dem Helden Alexander und seiner zukünftigen Frau. Reicht doch, oder?

11 Und jetzt kommt der nächste Rat, der vielleicht etwas seltsam klingt: Verzichten Sie weitgehend auf Metaphern und Umschreibungen. Und damit meine ich nicht mal nur unbedingt auf Metaphern wie Zauberstab oder Lustgrotte. Bei Peter Stamm geht die Szene nämlich weiter mit dem folgenden durchaus entbehrlichen Satz: „Wir bewegten uns langsam, zwei schläfrige wollüstige Tiere, die eins werden wollen.“ Tiere, die eins werden wollen – Sie lachen? Dabei ist das noch gar nichts. Nehmen Sie dies: „das Gesicht über dem duftenden Dunkel ihrer aufgeknöpften Bluse, sein ganzes Blickfeld ausgefüllt von dem Spalt zwischen ihren schwellenden Brüsten.“ Diese Stelle stammt aus Solar, dem neuen Roman von Ian McEwan, und sagt was über dessen literarisches Können? Genau!

Auch eher okay als brillant – Haruki Murakami in 1Q84: „Tamaki hatte zarte, feinporige Haut. Ihre Brustspitzen wölbten sich zu einer wunderschönen Ellipse. Sie erinnerten an Oliven. Sie hatte seidiges, feines Schamhaar, weich wie Weidenkätzchen.“

12 Je weniger detailliert Sie Sex erzählen, desto weniger Lösungen müssen Sie auch finden, ob und wie Sie die involvierten Geschlechtsorgane und die daran und damit vollzogenen Handlungen benennen beziehungsweise umschreiben. Die Benennungsproblematik kann problemlos echten Sex kippen, falls sie etwa ihr Geschlecht Mumu nennt und er über 20 ist oder Liebende sich – beide in verschiedenen Stadien der Erregung – in der Textschublade vertun. Denken Sie daran, Ihre Leser sind bei der Lektüre wahrscheinlich eher von der Handlung oder dem gedanklichen Reichtum Ihres Textes gefesselt als sexuell erregt, verschonen Sie sie mit allzu Explizitem, das eher Befremden auslösen würde, es sei denn, es gibt einen Grund für allzu Explizites. Thomas Klupp hat mit Paradiso einen hinreißenden kleinen Roman über ein veritables Arschloch geschrieben, dessen Arschlochsex einfach ausführlich beschrieben werden muss, weil der Ich-Erzähler sich so mordsgeil findet: „Leni hat die Augen geschlossen, und für einen Moment legt sich Johannas Gesicht über ihres, dann spüre ich, wie es vorne an der Eichel kribbelt, und ich spritze in sie hinein.“

13-60 Lassen Sie lieber die Finger davon.

61 Andererseits. Mal abgesehen von dem roten Luftballon, den ich zu fett finde, hat Thomas Pletzinger in Bestattung eines Hundes eine sehr poetische und gleichzeitig sehr explizite (und damit perfekte) Sexszene geschrieben. „Hinter ihr beginnt die Ostsee zu schäumen, ein Luftballon weht am Wasser entlang (rot). Als sie sich auf mich setzt, und obwohl sie sich viel langsamer bewegt als sonst, kommt sie viel zu schnell (außen nasse Gänsehaut und innen unerwartet warm). Ich schließe mich an, dann der Donner, dann der Regen (als hätte sie das alles zu verantworten).“ Wenn Sie so was können – schreiben Sie, schreiben Sie um Himmels willen!

Wie ich ein sexlastiges Kapitel schreibe, erklärt anhand eines Beispiels

(1) In Endlosschleife dieses Lied hören und (2) dabei an Henry Miller denken und (3) bedingungslos in die Szene hinein tippen, von hinten oder von vorne, ganz egal, Hauptsache reinkommen und (4) damit erst nach zehn Stunden aufhören.

Verliebt sein wie Henry Miller

Ich will schreiben können. Wie Henry Miller. Ohne Kompromiss und so grobschlächtig, wie es eben das Gefühl erfordert.

Ich bin ein Desperado der Liebe, ein Skalpjäger, ein Totschläger. Ich bin unersättlich. Ich esse Haare, schmutziges Ohrenschmalz, trockene Blutklumpen, alles und jedes, was von dir stammt. Zeig mir deinen Vater mit seinen Papierdrachen, seinen Rennpferden, seinem Freibillet für die Oper: Ich werde alle in mich hineinstopfen, mit Haut und Haaren verschlingen. Wo ist der Stuhl, auf dem du sitzt, wo dein Lieblingskamm, deine Zahnbürste, deine Nagelfeile? Zeig sie her, damit ich sie auf einen Sitz verschlinge.

Du hast eine Schwester, schöner als du, sagst du. Zeig sie mir – ich will ihr das Fleisch von den Knochen lecken.

(Aus: Henry Miller: Sexus. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009. Seite 13.)

„Ohne Erregung ist gar nichts. Können’S gleich im Bett liegenbleiben.“

Irgendwann will man entscheidende Abschnitte – wie heißt’s – festhalten.

Da kann man sich Freunde von früher reinziehen, zwischen die Buchdeckel. Und halt sie fest. Fotografiert sie. Liefert das aus. Das macht der Verleger.

Ohne Erregung ist gar nichts. Können Sie gleich im Bett liegenbleiben.

Ist ja auch eine Art Geschlechtsverkehr, nicht, ein Buch schreiben.

(Thomas Bernhard über Holzfällen)

Kein Sex ohne Grund

Erstmals seit fünf Jahren habe ich heute wieder eine Sexszene geschrieben. Der Unterschied zu früher? Ich habe die Ehrfurcht verloren. Sex ist auch nur etwas, was eine Romanfigur tut, wie Essen, Trinken oder einer Kuh beim Kalben helfen. Es sind zwar andere Arten von Tätigkeiten, aber die Beschreibung verlangt von mir dieselbe Achtsamkeit und Zielorientiertheit.

Es gilt: Kein Sex ohne Grund. Denn genauso, wie ich nicht aus bloßem Jux ein Essen, ein Besäufnis oder eine Kalbsgeburt in meinen Roman stelle. Sex im Roman hat für mich zwei Berechtigungen: Entweder (1) er treibt die Handlung voran oder (2) er eröffnet etwas über das Wesen der Romanperson.

So. Die Szene habe ich mal im GRAUKO-Schreibraum abgelegt und bin gespannt, was meine Kolleginnen und Kollegen meinen.

Lolita oder: Wertende Beschreibungen und literarische Gerechtigkeit

Naturhistorisches Museum, Hauptstiege

Lolita ist eine Säule der erotischen Literatur.

Ein Glanzstück von Nabokovs Erzählkunst ist etwa jene Szene, in der sich der Protagonist »die Süße eines Orgasmus erlistet, ohne die Moral einer Minderjährigen anzutasten.« (Seite 101).

Nabokovs Beschreibungen sind oftmals wertend. Etwa wie er die Mutter von Lolita schlecht macht:

Sie war offenbar eine jener Frauen, deren gewählte Sprache ihren Buchklub oder Bridgeclub oder eine andere todlangweilige konventionelle Einrichtung reflektiert, niemals aber ihre Seele; (Seite 60)

(Beachte die seltsame Zeitenfolge) – Doch dann gewinnt diese Frau massiv an Profil:

…fände Sie jemals heraus, dass ich nicht an Unseren Christlichen Herrgott glaubte, dann nähme sie sich das Leben. Sie sagte es so feierlich, dass er mir kalt über den Rücken lief. Und da wusste ich: Sie war eine Frau mit Grundsätzen. (Seite 123)

… und so gleicht er die Schieflage mit der vielgepriesenen literarische Gerechtigkeit aus.

Vielleicht soll ich mir an Nabokovs wertenden Beschreibungen ein Beispiel nehmen. Denn ein Blog – und mein Roman ist nun einmal der Blog von Timon – ist etwas Persönliches, Ungeschliffenes. Es ist ein Ort der Unklarheit und der Mühe, sich selbst Klarheit zu verschaffen. Ein Ort des Worte–um–sich–werfens und des Hin–und–her–wankens.

(Die Seitenangaben beziehen sich auf folgende Ausgabe: Vladimir Nabokov, Lolita, Rowohlt Taschenbuch Verlag, überarbeitete Ausgabe 2007)