Über das Nichtschreiben und das Nichtschreibenkönnen

Sehen wir der Tatsache ins Auge: der Autor schreibt die meiste Zeit seines Lebens nicht. Er schläft. Isst. Trinkt (Alkohol und Schreiben – das ist auch so ein Thema). Er hat Sex und was immer es sonst noch braucht, um sich einem literarischen Thema zu nähern. Und selbst Recherche, das Fundament des Schreibens, ist zugleich ein Nichtschreiben!

Letztens, in Kroatien, erlebte ich eine wunderbare Qualität des Nichtschreibens: Ich war umgeben von heftig schreibenden Literaten und hatte dennoch – oder gerade deshalb – stundenlang keine Lust zu schreiben und – jetzt kommt’s! – ich fühlte mich gut dabei. Ich las Lolita und schaute auf das Meer auf die Segelschiffe, zwischen 25 bis 35 waren es, jawohl, ich las und zählte Schiffe, ohne einen Roman über einen pädophilen Seglerzähler zu planen.

Achtung: Nichtschreiben meint nicht das Nichtschreibenkönnen. Denn Nichtschreibenkönnen ist grausam. Es formt mit dem Schreibenwollen ein gnadenloses Spiel. Nichtschreibenkönnen kann Unruhe sein, Lärm, Dringliches, kann ein Telefonat oder die Mutter oder eine E–Mail sein. Es kann Beisammensein sein oder – weit schlimmer – ein mehrtägiger Urlaub mit dem/den/der Liebsten in einem Land voll Strand und gutem Essen und mit der urlaubsmittigen Frage: »Was ist dir wichtiger, das Schreiben oder ich?«

Anfang in Kroatien

GRAUKO bei der Arbeit.

Nun schreiben alle: Margarita unter dem Feigenbaum redigiert ihren Roman. Isolde, Peter und Maria auf der Terrasse arbeiten an ihrem Theaterstück.

Und ich? Wie fange ich es an? Soll ich meinen bisherigen Roman durcharbeiten und Dagmar nach den neuesten Erkenntnissen schärfen? Aber Dagmars Mutter. Die muss ich mir noch überlegen. Schließlich ist der Master Plot „Rivalry“ eine wichtige Strömung im Roman, da muss ich schon wissen, wie die Gegnerinnen (Mutter und Tochter) aufgestellt sind.

Weite

Beim Frühstück auf der Terrasse konfrontierte ich meine GRAUKO–Kollegen mit meinem aktuellen literarischen Problem, in dem es darum ging, zwei Romanpersonen zu einer zusammenzulegen. Isolde – sie kannte das Thema aus meinem Blog – reagierte mit Abscheu (wie die meisten Leute, denen ich von diesem Plan erzählte). Denn das bedeutete, dass ich die Mutter eines herzkranken Mädchens zur Mörderin machte. Ich erklärte Isolde und den anderen die Situation. Durch meine Erklärungen schärfte sich für mich die Lösung. Und ebenso klarer wurde der Eindruck für die anderen, so dass Isolde am Ende meinte, diese neugeschaffene Dagmar würde eine sehr interessante Romanperson werden.

Wir verbrachten die Mittagszeit am Meer. Ein paar Stunden hatte ich gar keinen Drang zu schreiben. Ich beobachtete die Wellen und Maria, wie sie Peters Romanmanuskript las und einen Buben, dessen Angelschnur sich am Seil eines Boots verhängte. Das alles genügte mir – so lange, bis es mich zum Haus zurückdrängte. Auf der Terrasse arbeitete bis in den frühen Abend an der Mindmap für die Romanperson Dagmar.

Schreibraum Feigenbaum

Feigenbaum

Das erste, was eine Autorin macht, wenn sie sich irgendwo einquartiert: sie richtet sich den Schreibraum ein. Das tat Margarita gleich nach dem Frühstück unter einem Feigenbaum.

Dieser Feigenbaum befindet sich hier:


Größere Kartenansicht

(Wir wohnten in Murter, in der Ferienwohnung Anita – Anita Schellnegger war uns eine sehr angenehme Gastgeberin)