Schreibwerkstatt ’99: Mein Wortmisstrauen

Am zweiten Tag der Schreibwerkstatt mit Julian Schutting erfuhr ich, dass es so etwas wie Kürzen gibt. Dass es sogar etwas Produktives und Normales ist, seine eigenen Worte wegzustreichen. Entsprechend dem Ziel des Texts. Wenn ein Wort dem Textziel nützt, ist es lassen. Sonst nicht. So einfach ist das, eigentlich. Aber woran soll ich, der bloß 4 Jahre autodidaktischer, hobbymäßiger Literaturbildung aufzuweisen hat, denn wissen, was ein gutes Textziel ist?

Anders ausgedrückt: Worüber kann ich denn eigentlich schreiben?

In den folgenden Jahren verschanzte ich mich dahinter, brutal wegzustreichen. Die Archäologin zum Beispiel: als ich mir mühsam 150 Buchseiten abgerungen hatte, habe ich – aus purem Wortmisstrauen – beschlossen: da müssen 10 Seiten weg. Denn von mir Hingeschriebenes könne doch nicht einfach gut sein! Da müsse an jedem Wort herumgelitten sein, und nur dann dürfe das Wort womöglich bestehen.

Auch als mein erster Roman 2004 veröffentlicht wurde, war mein literarisches Wachstum längst nicht abgeschlossen – im Gegenteil. Sprachliche und inhaltliche Krisen waren Vermurungen und Steinschläge auf meinen weiteren Weg. Mehr dazu später.

Schreibwerkstatt ’99: Die Keimzelle von GRAUKO

Maria Trost bei Graz, 5. bis 16. Juli 1999. Schreibwerkstatt von und mit Julian Schutting. 11 andere Schreibende und ich.

Meine literarische Vorerfahrung: 1995 begann ich, freiwillig Romane zu lesen (vorher nur gezwungenermaßen zur Matura, und ich hatte 1986 maturiert). Von 1997 bis 1999 schrieb ich einen Roman mit mehr als 500 Buchseiten. Das Werk war von allen Verlagen abgelehnt worden (zu Recht, wie mir während der Schreibwerkstatt klar wurde).

Mit dabei: Maria Edelsbrunner, Ursula Kiesling, Peter Heissenberger, Charly Hofbauer – von ihnen wurde 1999 GRAUKO gegründet.

Ebenfalls dabei waren Anna Kim und Jürgen Lagger.

Schutting Schreibwerkstatt - Abschlusslesung 1999
Schutting Schreibwerkstatt - Abschlusslesung 14. Juli 1999

Sinneseindrücke oder: Das Einfache ist das Schwierige

„Geh hinaus und notiere, was deine Sinne wahrnehmen.“ – So lautet die zentrale Übung vom ersten Seminartag des Texthobels. Einfach, nicht wahr?

Und damit nichts schiefgehen kann, teile ich Zettel aus, auf denen steht: Gefragt sind ausschließlich Sinneseindrücke, nichts Gedachtes und keine Wertungen. Es müssen keine ganzen Sätze sein. Die Notizen müssen weder zusammenhängend noch geordnet sein.

Emotionen werden beim Leser über Sinneneindrücke ausgelöst. Autoren müssen daher imstande sein, Sinneseindrücke einzusetzen. Sie müssen unterscheiden können, welche ihrer Worte unmittelbare Wahrnehmungen transportieren und welche ihrer Worte Interpretationen sind.

Wenn die Teilnehmer von ihrer Arbeit zurückkehren und mir ihre Texte vorlesen – was höre ich? Zusammenhängende Geschichten, geschliffen formulierte Gedanken, wertende Adjektive und witzige Anmerkungen. Eloquent sind sie allemal, die Schreibenden, aber was sie von dieser Welt sinnlich wahrnehmen, darüber scheinen viele nicht gern zu sprechen.

Erstaunlich, wie schwierig es ist, nicht zu denken und stattdessen zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu sehen und zu spüren.

Adjektive kürzen oder: Robuste Einschläge von Granaten

Die meisten Adjektive, die ich üblicherweise zu lesen kriege, sind unnötig oder störend. Literarischen Neulingen rate ich: Streicht jedes Adjektiv in eurem Text weg – außer der Text verfehlt sein Ziel ohne dieses Adjektiv.

Adjektive, die verstärken sollen, erreichen meist das Gegenteil. Oft eingesetzt, stumpfen sie den Leser ab. Sparsam verwendet ist ihre Wirkung stärker.

Die hohe Kunst der Adjektive ist, dass sie Bilder erzeugen mit Worten, die nicht augenscheinlich zusammengehören. Dies ergibt eine Spannung zwischen den Worten; diese Spannung ist ein Werkzeug des Autor für sein Spiel mit den Emotionen des Lesers.

Hier ein Beispiel aus Herbert Zands „Letzte Ausfahrt“:

Manchmal klirrten die Fensterscheiben im gelockerten (1) Rahmen, und am Horizont toste die Schlacht wie ein angegriffenes (2) Großtier. In augenblickskurzen (3) Pausen vernahm man bereits das Bellen der Maschinengewehre, das sich neben den robusten (4) Einschlägen der Granaten ausnahm wie das Spiel eines Kindes mit seiner Klapper.

Zand arbeitet grandios mit Bildern, so auch in dieser Textstelle. Jedes der vier Adjektive zieht Information und Emotion mit sich.

(1) Information: Das Fenster ist wartungsbedürftig, es funktioniert nicht richtig. Emotion: Alles funktioniert nicht mehr so richtig.

(2) Information: Der Feind war angegriffen worden. Nun schlägt er zurück. Emotion: Der Krieg ist gnadenlos, die Menschen haben Angst – beachte hier meine platte Wortwahl, die ähnlichen Inhalt hat wie die Worte von Zand aber eben nicht so wirkt.

(3) Information: Die Pausen sind sehr kurz. Emotion: Die Pausen im Kampf sind trügerisch; sie sind nur augenblickskurz. Die Worte „Pause“ und „augenblickskurz“ haben zwar beide mit der Zeit zu tun, doch wortmelodisch passen sie nicht zusammen. Dieser Widerspruch zeigt die Spannung.

(4) Information: Eher keine. Emotion: Das Wort „robust“ passt nicht zu „Einschlag“ – das eine ist Beständigkeit, das andere ist Zerstörung. Dieser Widerspruch schafft Spannung. In ihrer Zerstörungskraft haben die Einschläge etwas Beständiges, vielleicht das einzig Beständige, jedenfalls beständiger als die gelockerten Fensterrahmen.

Erfreue mich an einem „Danke“

Ab und an so eine Rückmeldung, und der Tag ist ein schöner… hier eine E-Mail von einer Schreibwerkstatt-Teilnehmerin (gesendet an Viktoria Frysak, Organistorin des Texthobels):

Danke für die tolle Betreuung bei den Kursen, davor und danach. Dass in einem Textseminar soviel möglich wird, hängt nicht zuletzt von dem Hintergrund (der ja eigentlich kein Hintergrund ist) ab,von der ganzen Atmosphäre, die du und natürlich auch Thomas gestaltet.

Es ist so wertvoll, dass es so eine Einrichtung wie den Texthobel gibt! Da geht es wirklich um aufrichtige Kreativität! Als Musikerin bin ich ja quasi Workshop geschädigt – würden alle Kurse auf so einer konstruktiven und ehrlichen Ebene ablaufen, wäre ich das mit Sicherheit nicht.

Den Tipp von Thomas, mich jeden Tag hinzusetzten, nehme ich sehr ernst. Und es bringt soviel auch, wenn an manchen Tagen scheinbar nur ganz wenig weiter geht. Diese kleinen Schritte braucht es auch.

Vielen Dank an Thomas an dieser Stelle.

13./14.Februar: DER TEXTHOBEL, DIE SCHREIBWERKSTATT FÜR TEXTTECHNIK

Diesmal mit der Gastautorin Elfriede Hammerl („Hotel Mama“, „Mausi oder das Leben ist ungerecht“ u.v.m.). Sie wird uns am Sonntag für einen Halbtag begleiten und für Fragen zur Verfügung stehen.

Samstag 13. und Sonntag 14. 02. 2010, jeweils 10 bis 18 Uhr.
Anmeldung bitte hier.

Der Wolf und das Schaf

Silvester rannte, weil er nicht auf eine Straßenbahn warten wollte. Er rannte alle drei Stockwerke hinauf, weil ihm jetzt der Aufzug zu langsam war. Er drückte die Klingel, so lange und so fest, bis Papa die Tür öffnete.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Papa.

Silvester keuchte und rief: „Ich bin endlich in der Bande vom Kowalski.“

Papa gab Silvester einen Kuss auf die Stirn, streichelte ihm über die Wange und sagte: „Toll.“

Im Vorzimmer ließ Silvester seine Schultasche zu Boden gleiten. Dann hüpfte er in das Wohnzimmer zum gedeckten Esstisch. Er setzte sich, und da trug Papa schon die dampfende Schüssel herein. Überbackener Nudelauflauf. Papa hatte die weiße Schürze umgebunden, die ihm Silvester zu Weihnachten bemalt hatte. Mit Schwein, Kuh, Würstel und mit einem Brokkoli.

Ein Brokkoli ist leicht zu zeichnen, wenn man einen Baum zeichnen kann. Auf Papas Schürze waren noch ein Wolf und ein Schaf. Ein Schaf ist leicht zu malen, wenn man eine Wolke zeichnen kann. Nur ein Wolf ist schwierig, weil der leicht wie ein Hund aussieht.

Beim Essen fragte Papa: „Und, was war heute los in der Schule?“

»Papa. Ich bin in der Bande vom Kowalski.«

»Das ist ja toll«, sagte Papa und kaute an einem Brokkolibäumchen. »Und, was für eine Bande ist das?«

Silvester beugte sich über seinen Teller und sagte: »Das ist geheim.«

»Und was macht ihr in eurer Bande?«

»Das ist geheim«, sagte Silvester.

»Oh«, sagte Papa. Er spießte ein Stück Wurst auf und legte es auf Silvester Teller. Silvester fand dafür etwas Grünes für Papa.

»In der Bande haben wir einen Geheimsatz«, sagte Silvester. »Nur wer den Geheimsatz kennt, der darf mitmachen.«

»Und wie lautet euer Geheimsatz?«, fragte Papa.

Silvester überlegte. Er konnte Papa doch unmöglich den echten Geheimsatz sagen! Deshalb sagte Silvester: »Der Wolf hat das Schaf erschreckt.«

»Warum hat er das getan?«, fragte Papa.

»Wer?«

»Der Wolf.«

»Papa, das mit dem Wolf ist egal. Es ist halt irgendein Satz, den der Kowalski erfunden hat.«

»Ich werde den Satz auch nicht weitersagen«, flüsterte Papa.

In der Nacht hatte Silvester einen Piratentraum. Er war wieder einmal der böseste Pirat des Meeres. Nach einem wilden Raubzug segelte er zurück in seine Piratenbucht. Auf dem Landungssteg stand schon Kowalski. Ihm musste Silvester den geheimen Satz sagen, damit er das Piratenland betreten durfte.

Silvester sagte: »Der Wolf hat das Schaf geneckt.«

Kowalski schüttelte den Kopf. Silvester wurde heiß.

Silvester sagte: »Der Wolf hat das Schaf entdeckt.«

Kowalski schüttelte den Kopf. Silvester brach der Schweiß aus.

Silvester sagte: »Der Wolf hat das Schaf geweckt.«

Kowalski schüttelte den Kopf, und aus dem Piratentraum wurde ein Drachentraum. Kowalski verwandelte sich in einen roten Feuerdrachen und jagte Silvester durch dampfende Brokkoliwälder, zur Strafe dafür, dass er den Geheimsatz vergessen hatte. So lange, bis Papa Silvester mit einem Kuss aufweckte und damit vor Kowalskis Rache rettete.

Silvesters Pyjama war nass geschwitzt. Blöd auch, dachte Silvester. Dass ich im Traum den richtigen Satz nicht rausgekriegt habe. Am besten, werde übe den Satz noch etwas.

Heute gab es Frühstück zu dritt, denn Rolf war da. Rolf war Papas Freund seit letzem Jahr. Manchmal arbeitete Rolf abends recht lange und kam erst, wenn Silvester schon schlief. Papa aß sein Marmeladebrot. Rolf teilte mit Silvester sein gebratenes Spiegelei und einen Streifen vom knusprigen Speck. Silvester aß und übte murmelnd den Geheimsatz.

»Hmm, was meinst du?«, fragte Rolf.

»Das ist geheim«, sagte Silvester.

»Sehr geheim ist das«, sagte Papa und holte einen weiteren Klacks Marmelade aus dem Glas.

Silvester murmelte weiterhin. Beim Anziehen. Im Stiegenhaus. In der Straßenbahn. In der anderen Straßenbahn, weil er eine Station zu früh ausgestiegen war. Auf dem Gehsteig vor der Schule. In der Aula, wo die Mädchen zu ihm herübersahen, weil er mit sich selbst redete.

Da packte ihn jemand von hinten am Arm. Kowalski. Er zischte: »Wie lautet der geheime Satz?«

Silvester flüsterte: »Rolf hat sich im Schlaf gestreckt?«

»Hm«, sagte Kowalski. »Und ich habe mir echt eingebildet, es war irgendetwas mit einem Fuchs.«


Diesen Text schreib ich am 22.3.2009 in der Kinderbuch–Schreibwerkstatt des Texthobels, geleitet von Saskia Hula.