Das Erschrecken an den eigenen Gedanken

Capricho nº 52: ¡Lo que puede un sastre! de Goya, serie Los Caprichos

Letzten Freitag, irgendwann um Mitternacht. Ich hocke mit Peter Heissenberger (GRAUKO) in Graz zusammen und erkläre ihm den Roman, an dem ich arbeite. Lege müde und dennoch voll Elan meine literarischen Probleme aus. Er sagt, was ihm dazu einfällt, und dann habe ich sie, die letzte große Idee, die ich brauche, damit die Handlung schlüssig vor sich gehen kann.

Genauer: Ich verfüge über ein stimmiges Szenario, um meine Heimatstadt in den Bürgerkrieg zu schicken.

Heute Sonntag. Ich denke weiter, kombiniere die Ethnien in meinem Roman mit den Ereignissen vergangener Kriege und sehe Mütter, denen man die neugeborenen Kinder entreißt, weil sie einer fremden Ethnie angehören – und da ich als Literat klarerweise eine ausmalende Phantasie habe, höre ich das Schreien und die versetze mich hinein in die Verzweiflung, mit der die Frauen ihre Neugeborenen verstecken und um Hilfe rennen und flehen …

Also trinke ich ein Glas Rotwein, weil die Bilder im Kopf schon heftig sind und ich meine Heimtatstadt in Gräben und Schutthaufen wandle. Da habe ich natürlich auch gleich eine wichtige Romanfigur geschaffen – die Mutter mit dem Neugeborenem – und das ganze kombiniert mit meinem Protagonisten, der irgendwie überleben will und dennoch einen Weg sucht, um Mensch zu bleiben.

Und da erschrecke ich.

Und ich beobachtete mein Erschrecken über mein Konzept und sitze auf meinem Sofa, als Zeuge eines emotionalen Prozesses, der nun angestoßen bis ans Ende des Romans rollen würde, vielleicht jahrelang.

Ich schreibe! Ich schreibe! Hurra, ich schreibe!

Thomas schreibt!

Mehr Arbeit ist es, so scheint es, mich und das Projekt in jenen Zustand zu bringen, in dem das Schreiben fließt. Doch wenn es dann wie von selbst läuft, dann ist das tiefes Glück.

Letztes also schrieb ich:

Autobiographie eines Raubtiers

Roman

Was ich nach dem Orchideenball beobachtet hatte, vor 20 Jahren, ist vielleicht ein gutes Beispiel für die Wandlung, die ich meine. Gegen drei Uhr morgens ließ ich mir an der Garderobe Mantel und Schal reichen und ging hinaus auf den Heldenplatz, wo schon die Taxis in langer Reihe auf die Ballgäste warteten. Ich wollte aber noch etwas spazieren, das Treiben und Tanzen der letzten Stunden abklingen lassen, und herrlich klar war diese Nacht. Ich schlenderte in das Innere der Hofburg, angenehm ruhig war es jetzt um mich. Die einzigen Geräusche kamen von meinen Schritten auf dem Kopfsteinpflaster. Ich durchquerte das Schweizer Tor und kam in den Burghof mit dem steinernen Brunnen, wo oben, hinter warmgelbhellen Fenstern, sich die letzten Ballgäste tummelten, vielleicht schon müde, eine Pause noch, und dann zum letzten Walzer … Mein Atem war wolkig, die Nacht kalt, meine Wangen warm, mein Kopf klar, und ich stand inmitten dieser Stille, im Herzen der Millionenstadt streckte. Dann hörte ich ungelenke Schritte, erst dachte ich an eine Frau, die mit hochhackigen Schuhen lief, aber es war ein Reh. Es lief durch das Schweizertor und schlitterte mit seinen Hufen auf dem glatten Stein. Jetzt stand es vor mir. Es starrte mich an, ich sah es atmen, der Hauch vor seinen Nüstern, der pulsierende Brustkorb, die Ohren, die nach Gefahr lauschten. Es war dieser Blick, und ich bin heute immer noch nicht imstande, für diesen Blick die passenden Worte zu finden, für diese Mischung aus Erstaunen und Furcht. Und alles war schemenhaft in diesem Hof – und dann floh das Tier, seine Hufe haltlos auf den Pflastersteinen zwischen seinen Sprüngen, wie im Alptraum, wo man fliehen mochte, aber man kam nicht voran. Und ein Mann rannte hinterher, an mir vorbei, seine Schritte in Stiefeln, er trug eine grüne Jacke und Hut, und in beiden Händen hielt er vor sich ein Gewehr. Als sich die Schritte und die Hufe in Stille aufgelöst hatten, atmete ich ein. Den Schuss hörte ich beim Ausatmen. Ich lief hinterher, bis auf den Josefsplatz, und schaute mich um. Menschenleer und autofrei, matte Lichtkegel, und in der Mitte das Denkmal des Kaisers auf seinem Pferd. Dorthin ging ich, und auf einer Marmorstufe schimmerte etwas, das wie Wasser glänzte und nach Blut roch.

Ich schreibe das hier, weil ich die Wandlung aufspüren will, die den Krieg gebracht hat. Ich meine nicht die Ereignisse rund um die ersten Toten – das ist Aufgabe der Geschichtsschreiber und Kriegsreporter. Die wirkliche Wandlung musste weit früher passiert sein, unbemerkt von Radfahrern auf der Donauinsel, von Touristen im Riesenrad und von Joggern im Wienerwald. Ich will die Anzeichen dingfest machen. Nicht für mich, sondern für die Generation, die nach all dem Töten unsere Stadt wieder zusammensetzen wird. Damit wenigstens einige gewarnt sind, wenn sich die Geschichte wiederholt.

15 Sekunden Wahnsinn

Diese 15 Sekunden des Wahnsinns widme ich Euch Schreibenden.

Mögen eure Gefühlswelten hochschaubahnartig all eure Protagonisten in das Tiefste zerren und auf das Höchste hinaufschießen!

Schreibt die Welt in Schutt und Asche, und stellt neue Welten auf, nebeneinander, übereinander, gegeneinander. Und schreibt über die Liebe! Ja, über die Liebe sollt ihr schreiben.

es tropft

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Vor ein paar Stunden hat sich der Tag also in den Abend hineingekrümmt, dieses Ritual, mit dem die zweite Hälfte der Schreibzeit beginnt, ohne Licht, das von draußen irritiert, und nach halb Zehn muss man auch nirgends wo sein, sind alle Geschäfte geschlossen, sind die Liebenden miteinander und die Einsamen auf der Suche und die Depressiven vor den TV-Geräten, und ich tippe, ohne Zwang, es tropft ein Wort nach dem anderen – nicht wie es geplant war, weil jeder Plan ist Fiktion! nicht so wie es sein sollte, denn jedes Ziel ist Fiktion!

Ich komme näher.

Als Christian von der Lesung heimkam, setzte er sich auf die Ledercouch. Er wartete auf den Sonnenaufgang. Danach wartete er bis zu jenem Zeitpunkt, bei dem er vermutete, dass in einer halben Stunde die Geschäfte öffnen würden. Er verließ die Wohnung und kaufte Müllsäcke. Aber nicht die kleinen Großmüttersäcke, wo nach einem Sonntagsbesuch die Keksbrösel eingesammelt wurden, sondern die großen, reißfesten, die rave-tauglichen. Er kaufte auch Putzmittel. Aber nicht das Zeug, mit dem man Saftflecken vom Plastiktisch wischte, sondern Flaschen, aus denen es so scharf roch, dass es jede Lebensform auflösen würde, die sich zum Verrecken in den Abfluss gerobbt hatte. Er kaufte Zahnpasta, eine elektrische Zahnbürste und fünfzig Meter Zahnseide. Er kaufte zehn Unterhosen, zehn Paar Socken, zehn weiße T-Shirts, zehn weiße Hemden. Er kaufte zwei Garnituren Bettwäsche – eine in Blau und eine in Grau, für den Fall, dass Natalie blau nicht ausstehen konnte. Er kaufte Rasierschaum, Kondome und grüne Gummihandschuhe.