Es atmet leise

Es nieselt leise
und der Alte und ich nachts
uns ähnlich werden.

(Buson. Quelle: Haiku, Japanische Dreizeiler, Reclam. Seite 193)

Es atmet leise
und mein Roman und ich nachts
uns ähnlich werden.

(Wollinger)

Zum Wintermondlicht
das vergebliche Rufen
des blinden Knaben.

(Issa. Quelle: Haiku, Japanische Dreizeiler, Reclam. Seite 219)

Zum Wintermondlicht
das vergebliche Schreiben
des Literaten.

(Wollinger)

Betrachtet den Mond

Der arme Knabe,
der sich Reis mahlen wollte,
betrachtet den Mond.

(Basho. Quelle: Haiku, Japanische Dreizeiler, Reclam. Seite 146)

Der Romanautor,
der weiterschreiben wollte,
betrachtet den Mond.

(Wollinger)

Die Fischersleute
vom ganzen Dorf sind draußen:
Der Mohn in Blüte!

(Kyorai. Quelle: Haiku, Japanische Dreizeiler, Reclam. Seite 197)

Die Literaten
vom ganzen Dorf sind draußen:
In der Schreibwerkstatt!

(Wollinger)

Zeitloser Dostojewskij

In Schuld und Sühne gibt es eine Diskussion über die Grundannahme unseres heutigen Wirtschaftssystems – nämlich, dass Selbstsucht zum Wohle aller sei. (Siehe Auszug am Ende dieses Artikels).

Wenn etwas zeitlos ist, dann reicht seine Gültigkeit nicht bloß in die Gegenwart herüber, sondern auch tief in die Vergangenheit.

Das will ich zeigen, indem ich Dostojewskijs Diskussion in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs versetze (und zwar in Form eines der vielen Briefe, den Stephan als Nachruf über seine Geliebte Viola schreibt; diese Stephanbriefe sind Teil meines Romans).

52. Stephanbrief – Viola und der Händler

Viola trat zum Viktualienhändler und sprach:
Weshalb ist der Schäffel Roggen gar so teuer?

Der Händler sagte:
Es ist der Krieg.
Es ist die Missernte.
Es ist die Hungersnot.
Das treibt es die Preise an.

Und Viola sprach:
Hat der Krieg schon dein Gehöft erreicht?
Hat Hagel deine Felder zerstört?
Muss deine Familie hungrig zu Bette gehen?
Gibst du das Korn für weniger her,
so können auch die Armen
einmal satt den Tag beenden.

Der Händler sprach:
Ach, ich weiß alles über Nächstenliebe!
Ich riss meinen Mantel in zwei
und gab einen davon meinem Nächsten,
und wir blieben beide zur Hälfte nackt.
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Heydrich und Eichmann sitzen am Ufer des Wannsees

1942. Heydrich und Eichmann sitzen am Ufer des Wannsees. Sie tragen ihre SS–Uniformen. Sie sehen hinaus auf die Nebelschlieren über dem Wasser. Sie rauchen. Sie frieren leicht.

Heydrich: Das ist noch nicht gut so.

Eichmann: Was meinst du?

Heydrich (hält ein Blatt Papier in der Hand): Dein Entwurf für das Protokoll. (liest vor) Dem Wunsch des Reichsmarschalls, ihm einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden, erfordert … (schaut auf) Wie das klingt!

Eichmann: Du sollst meine Worte nicht immer aus dem Kontext reißen! Der Satz geht weiter (zitiert aus dem Gedächtnis) … erfordert die vorherige gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen in Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung.

Heydrich: Das ist zu kitschig. Was wir tun, braucht neue Sprache.

Eichmann: Immer geschieht alles bei dir nach Lust und Laune. Das macht mich betrübt.

Heydrich: Sei dualer! Sei wie Teilchen und Welle.

Eichmann: Wie genau?

Heydrich: Finde eigene Worte.

Eichmann: Ich bin ein Mann der Zahlen, nicht der Gefühle.

Heydrich: Ach Adolf, klar hast du Gefühle. Du brichst zusammen, wenn du ein Lager schon von weitem riechst. Hast eine empfindsame Seele, verleih ihr Worte!

Eichmann: Meine Worte sind immer nur Versuche.

Heydrich: Es wird! Es wird!

Eichmann: Ich muss mein Herz üben.

Heydrich (springt auf und springt umher): Ganz famos! Und weiter?

Eichmann: Alles springt … alles entspringt allem und jedem. Der Jude aber wird nicht die europäischen Völker ausrotten.

Heydrich: Lass die Juden weg. Ihre Frage ist seit heute beantwortet.

Eichmann: Du meinst …  alles entspringt allem und jedem und rottet sich zusammen?

Heydrich: Der Klang, er ist gefunden! Nun bist du bereit zu verstehen. (Zieht weiteres Blatt aus seiner Uniformjacke. Er liest vor) In Lust und Laune, Welle und Teilchen / Und ich steh in der Gegend / Plump, betrübt, hilflos, verliebt. – gezeichnet Reichsmarschall Göring.

Eichmann: Mein Gott.

Die beiden Männer schauen schweigend in den See.


Dieser Text entstand in der Lyrik-Schreibwerkstatt von Silvia Waltl. Die Aufgabe lautete, eine Paraphrase zu einem Gedicht zu schreiben. Ich wählte folgendes Gedicht von Angela Krauß:

Ich muss mein Herz üben !
Alles entspringt allem und jedem
und rottet sich zusammen
in Lust und Laune, Welle und Teilchen
und ich steh in der Gegend :
plump, betrübt, hilflos, verliebt.