Spannend!

Die Verwendung des Worts “mörderisch” beschäftigt mich seit Weihnachten. Letztens erfuhr ich, dass etwa die Wortkombination “mörderisch gut” in unserem Sprachgebrauch mittlerweile üblich und keineswegs negativ belegt wäre.

Okay. Ich denke bloß zu kompliziert. Brauche “mörderisch” nur durch etwas Positives ersetzen. Statt “mörderisch” vielleicht “spannend” – ja, es wirkt! Mörderische Dinnerparty – Spannende Dinnerparty. Mörderischer Lesespaß – Spannender Lesespaß. Na bitte. Es geht ja. Bin stolz auf mich, und weil es so gut geklappt hat, manche ich weiter:

  • Spannende Einkindpolitik
    Die Chinesen töten ihren weiblichen Nachwuchs: Was wird aus den 17 Millionen überschüssigen Jungen?
  • Spannende Realität
    Dass täglich 25.000 Menschen an den Folgen von Unterernährung sterben, ist eine mörderische spannende Realität.
  • Spannende Wirtschaftskrise
    Ein Vierfachmord ist seit vergangene Woche das Topthema der spanischen Medien. Im katalanischen Olot hat ein 57jähriger Bauarbeiter seinen Chef, dessen Sohn und zwei Bankangestellte erschossen. Anschließend ging er zur Polizei und gestand seine Tat. Spaniens rechte Privatsender bemühen sich jetzt, den Täter als geistig verwirrt darzustellen.
  • Spannende Dienstgeschäfte der Diplomaten
    Die Verstrickung des diplomatischen Corps mit der braunen Regierung war jahrzehntelang ein Tabuthema in Deutschland. Erst der damalige Außenminister Fischer gab die Erforschung durch Historiker offiziell in Auftrag.
  • Spannende Grippe-Epidemie in Mexiko
    Eine schwere Grippe-Epidemie hat in Mexiko bereits 68 Tote gefordert. Mehr als 1000 Menschen wurden infiziert.

Mörderische Verharmlosung

Mörderische Spreefahrt, mörderische Weihnacht, mörderischer Lesespaß, mörderische Ostsee, mörderische Dividende …

Mörderisch ist ein Marketingwort für eine Literatursparte geworden.

Wenn ich Sterben schreibe, meine ich den Schmerz und die Trauer und das Trauma. Wenn ich Mord schreibe, dann meine ich das Schlimmste, das ein Mensch einem anderen Menschenleben antun kann.

Ich bin wohl anders. Ich nehme Worte beim Wort.