Bekämpft die Gleichheit!

Literatenfrühstück mit GRAUKO in Graz. Alexandra erzählt vom Stöbern in einer Buchhandlung: „Du liest einen Klappentext, und entweder animiert dich der zu einem Lachanfall oder es ist dieselbe Geschichte, die du schon vorher gelesen hast.“

Sie nennt als Beispiel die Thriller „Der Federmann“ (Vögel liegen auf der Brust auf den Ermordeten) und „Der Vogelmann“ (Vögel eingenäht Herzen der Ermordeten) und ruft uns Literaten auf, dass wir etwas tun müssen.

Ich frage sie nach den Arten der Literatur, die ihr denn so üblicherweise begegnen…

  1. Chicken Literature (Etwa: Frau lernt Mann kennen, Mann ruft nicht an, Frau auch nicht, denkt aber darüber nach, ihn anzurufen, was ihre beste Freundin nicht zulassen will. 199 Seiten später: Happy End)
  2. Ermittlerkrimis, pseudomäßige. Mit einem Ermittler, der keine Befähigung hat, zu ermitteln Der verwirrt ist, der Katzen oder so etwas liebt, was aber alles nichts mit der Handlung zu tun hat.
  3. Psychothrillerserienkillergerichtsmedizinprofilerbücher
  4. Fantasyromane („Du hast einen Magier, der ist weder gut noch böse, das entscheidet sich erst später. Dann der Junge, der zu Großem geboren ist, aber nichts davon weiß und schon vor der Geburt verfolgt wird.“)
  5. Historische Roman (Eine starke Frau überwindet soziale Grenzen ihrer Zeit und findet dann doch die Erfüllung den Armen des Geliebten. Oder: Eine schwache Frau in den Armen eines starken, toll gepflegten Seemanns mit langen Haaren.)
  6. Cornwallgeschichten („Und weil es in Cornwall so viele Bauernhöfe gibt, steht in den Büchern mindestens ebenso viel Mist drinnen.“)
  7. Weltuntergangsromane (Da geht die Welt unter, was sonst)
  8. Horrorbücher (Etwa von Stephen King. Diese Kategorie ist noch halbwegs authentisch. Die schreiben über etwas, wo eine ewige Quelle ist)

Der Unterschied von Krimi und Thriller. Versuch einer Begriffsbestimmung.

Neulich sah ich mir „The Killing“ an. Ein 20teiliger TV-Thriller, in dem es um die Klärung eines Mordes geht.

Dabei fiel mir ein Muster auf.

Es wird massiv mit dem Archetyp des Schwellenhüters gearbeitet (wobei ich hier den „Schwellenhüter“ nach Christopher Vogler meine). Jeder Schwellenhüter erscheint erstmals als Verdächtiger, und erst, als die Heldin sein Rätsel löst, kommt sie weiter – zum nächsten Schwellenhüter/Verdächtigen. Die Lösung des Rätsel ist stets eine andere Sichtweise auf den Mord.

So komme ich zu folgender Aussage:

Ein Krimi basiert auf einer eine Abfolge von Begegnungen des Helden mit Schwellenhütern.

Ein Krimi wird als Thriller bezeichnet, in dem es eine große Anzahl von Schwellenhütern gibt und/oder die Begegnungen mit den Schwellenhütern zu einer Veränderung des Heldens führen.

(Dies ist eine Aussage und bewusst keine Definition. Sprich, ein literarisches Werk, das diesen Überlegungen entspricht, muss nicht Krimi oder Thriller sein)

Was meint ihr dazu? Passt das zu eurem Krimi / Thriller-Verständnis?

Shakespeare hat doch nie ein Buch geschrieben, oder hab ich da was verpasst?

Eine facebook-Diskussion auf meiner Pinnwand, vor ein paar Tagen.

Thomas Wollinger: Soeben las ich auf der Webseite einer Autorin: “Ich kann kein Buch wie Shakespeare schreiben, aber ich kann mein eigenes schreiben.” – Shakespeare hat doch nie ein Buch geschrieben, oder hab ich da was verpasst?

A: Bist Du pingelig!

B: Wann schreibt man denn „ein Buch“?

Thomas Wollinger: Ein Buch ist für mich ein Werk, das primär dazu geschaffen ist, gelesen zu werden. Ein Drama/Drehbuch ist für mich ein Werk, das primär dazu geschaffen ist, aufgeführt zu werden.

B: Klingt plausibel … Im landläufigen Sprachgebrauch ist ein Buch öfter aber das zusammengefasste Papierbündel, das einen Text enthält (egal für welchen Zweck). Dreh-Buch hast du eh selbst genannt, Gesang-Buch ein anderes Beispiel. Beim Hör-Buch endet aber auch meine Definition ;-)

C: ist ein reclam heftl ein buch?

B: :-)

D: Also meinem Germanistenherz tut „Buch“ in Kombination mit „Shakespeare“ weh ;o)

Thomas Wollinger: Was lerne ich daraus? Die Menschheit hat das Thema „Literaturgattungen“ noch immer nicht erschöpfend behandelt, ist ein weites Feld, sozusagen :-)

E: Der liebe Herr Shakespeare (wer auch immer das war) hat mit Sicherheit kein Buch geschrieben. Er war ja nicht einmal am First Folio beteiligt, weil er schon davor die Feder abgegeben hatte. Nicht einmal ein Blättlein seiner Schriften ist überliefert, das haben ja dann die Kollegen zusammengesammelt und aus dem Gedächtnis reproduziert. Die liebe AutorIn wird ergo wirklich niemals ein Buch wie Shakespeare schreiben können. Sie sollte sich wirklich auf Ihr eigenes konzentrieren. :))))))

Eine neue Literaturgattung? “Kindle Single”

Oft erlebe ich in meinem literarischen Umfeld, dass Texte entstehen, die zu kurz sind, um als Roman zu gelten, und doch mehr sind als eine Kurzgeschichte.

Solche Texte sind heimatlos in der Welt der Literaturstandards. Vielleicht hat amazon nun dafür eine passende Literaturgattung geschaffen…

„Kindle Singles“: Digitale Plattform für Novellisten

Alles, was für Magazine zu lang und für Bücher zu kurz ist, erscheint als „Kindle Single“

Autoren von Essays, Kurzgeschichten oder anderer relativ kurzer Textformen haben es oft schwer, für ihre Werke eine publizistische Plattform zu finden. Für Magazine zu lang, für Bücher zu kurz – so muss mancher Text in der Schublade bleiben oder verliert, auf Buchlänge aufgeblasen, seine Prägnanz, nur weil er nicht in traditionelle Printformen passt. Für solche Arbeiten empfehlen sich E-Books, denen die Länge eines Textes egal ist. Amazon bietet dafür jetzt eine eigene elektronische Plattform an: Kindle Singles.

Keine künstlichen Textlängen

Der Titel, im Zeitalter von Online-Datingsites etwas unglücklich gewählt, spielt auf die „Singles“ des Schallplattenzeitalters an: Alles, was etwa 30 bis 90 „gedruckte“ Seiten hat, fällt für Amazon in diese Rubrik. Im Kindle Store soll es dafür eine eigene Abteilung geben, und ohne es dazu zu sagen rechnet Amazon wohl damit, dass die Autoren selbst Werbung für ihre Werke machen.

„Ideen und die Worte, um sie vorzutragen, sollten ihrer natürlichen Länge entsprechen und nicht einer künstlichen, die aus Marketinggründen für nötig gehalten wird, um einen bestimmten Preis zu rechtfertigen“, erklärte Russ Grandinetti, Amazons Kindle-„Verlagschef“. Für Amazon ist Singles ein einfacher Schritt, da es bereits seit längerem Autoren die Möglichkeit zum Eigenverlag auf seiner „Digital Text Platform“ anbietet – elektronisches Manuskript an Amazon schicken, Preis festlegen, fertig.

Zu welchem Preis Singles verkauft werden sollen, ist bisher unbekannt, und es gibt auch noch keine Angebote in einer künftigen Single-Abteilung. Mit seiner Ankündigung wendet sich Amazon zunächst an Autoren, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen.

Für unbekannte Autoren

Zwar werden Verlage nicht ausgeschlossen, auch diese können kürzere Texte als übliche Buchlängen als Singles veröffentlichen, für die sie bisher wahrscheinlich keine Verwendung hatten. Aber Singles gibt vor allem neuen und noch unbekannten Autoren eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, und dazu nicht auf einen Verlag angewiesen zu sein.

Amazon setzt damit einen weiteren Schritt um sich vom reinen Buchhändler zum Verleger zu entwickeln. Einzelne Bestseller-Autoren haben bereits für die Digitalausgabe ihrer Werke den direkten Weg zu Amazon gewählt. Jetzt folgt mit Singles ein Bereich, der großteils wohl nie das Licht der Druckerpresse erblickt hätte, der direkt von Amazon verlegt wird – wobei sich der Onlinekonzern klassische Verlagsaufgaben wie Lektorat ganz, die Bewerbung der Werke teilweise erspart. (Helmut Spudich/ DER STANDARD Printausgabe, 15. Oktober 2010)