Adjektive kürzen oder: Robuste Einschläge von Granaten

Die meisten Adjektive, die ich üblicherweise zu lesen kriege, sind unnötig oder störend. Literarischen Neulingen rate ich: Streicht jedes Adjektiv in eurem Text weg – außer der Text verfehlt sein Ziel ohne dieses Adjektiv.

Adjektive, die verstärken sollen, erreichen meist das Gegenteil. Oft eingesetzt, stumpfen sie den Leser ab. Sparsam verwendet ist ihre Wirkung stärker.

Die hohe Kunst der Adjektive ist, dass sie Bilder erzeugen mit Worten, die nicht augenscheinlich zusammengehören. Dies ergibt eine Spannung zwischen den Worten; diese Spannung ist ein Werkzeug des Autor für sein Spiel mit den Emotionen des Lesers.

Hier ein Beispiel aus Herbert Zands „Letzte Ausfahrt“:

Manchmal klirrten die Fensterscheiben im gelockerten (1) Rahmen, und am Horizont toste die Schlacht wie ein angegriffenes (2) Großtier. In augenblickskurzen (3) Pausen vernahm man bereits das Bellen der Maschinengewehre, das sich neben den robusten (4) Einschlägen der Granaten ausnahm wie das Spiel eines Kindes mit seiner Klapper.

Zand arbeitet grandios mit Bildern, so auch in dieser Textstelle. Jedes der vier Adjektive zieht Information und Emotion mit sich.

(1) Information: Das Fenster ist wartungsbedürftig, es funktioniert nicht richtig. Emotion: Alles funktioniert nicht mehr so richtig.

(2) Information: Der Feind war angegriffen worden. Nun schlägt er zurück. Emotion: Der Krieg ist gnadenlos, die Menschen haben Angst – beachte hier meine platte Wortwahl, die ähnlichen Inhalt hat wie die Worte von Zand aber eben nicht so wirkt.

(3) Information: Die Pausen sind sehr kurz. Emotion: Die Pausen im Kampf sind trügerisch; sie sind nur augenblickskurz. Die Worte „Pause“ und „augenblickskurz“ haben zwar beide mit der Zeit zu tun, doch wortmelodisch passen sie nicht zusammen. Dieser Widerspruch zeigt die Spannung.

(4) Information: Eher keine. Emotion: Das Wort „robust“ passt nicht zu „Einschlag“ – das eine ist Beständigkeit, das andere ist Zerstörung. Dieser Widerspruch schafft Spannung. In ihrer Zerstörungskraft haben die Einschläge etwas Beständiges, vielleicht das einzig Beständige, jedenfalls beständiger als die gelockerten Fensterrahmen.

Kritik am Handwerk eines Autors

In einem Krimi las ich folgende Stelle:

[Er] war ein kränklicher Mann von kleinem Wuchs; er war Beamter in irgendeiner Behörde, war geradezu auffallend blond und hatte einen kurzen Backenbart, auf den er sehr stolz war. Überdies schmerzten ihn fast ständig die Augen. Sein Herz war ziemlich weich, doch seine Rede höchst selbstsicher und manchmal geradezu anmaßend – was im Verein mit seiner zarten Gestalt fast immer lächerlich wirkte.

  1. Der Autor wertet, anstatt zu zeigen (vergleiche dazu: Show, don’t tell): Es wird gesagt, dass der Mann klein sei, ohne zu zeigen, wie groß er nun ist; der Mann wirkt lächerlich, aber dem dem Leser wird keine die Möglichkeit gegeben, diese Lächerlichkeit zu erleben. Der Autor schreibt vor, was der Leser empfinden soll (Regieanweisung).
  2. Viele Adjektive: Statt „geradezu auffallend blond“ würde eine „auffallend blond“ genügen – denn was ist der Unterschied zwischen „geradezu auffallend“ und „auffallend“? (Robert Schindel nennt diese überflüssigen Worte „Füllselworte“) Wie darf ich mir einen „geradezu auffallend blonden“ Mann vorstellen? Rotstichig? Albinohaft? Der Autor hätte mir das vermitteln können.
  3. Übertreibungen haben den gegenteiligen Effekt: „selbstsicher“ wirkt beim Leser stärker als „höchst selbstsicher“, und „sehr stolz“ schmälert den „stolz“.
  4. Übertreibungen, die durch ein Adjektiv relativiert werden: Was bedeutet „fast ständig“? Ein „ständig“ mit einem „fast“ zu mindern, solche sprachlichen Hakenschläge stumpfen ab; hier würde ein „oft“ wohl genügen. Ähnlich bei „fast immer lächerlich“, da täte es ein „lächerlich“; denn die Zeitraumbeschreibung „fast immer“ bringt den Leser (gefühlsmäßig) nicht näher an den beschriebenen Mann.
  5. Literarische Ungerechtigkeit: Einen Mann gleich von Anfang an als lächerlich zu werten widerspricht dem Prinzip der erzählerischen Gerechtigkeit, wie sie etwa von Robert Schindel eingefordert wird.

Der Autor, so scheint es mir, wollte sich nicht die Arbeit antun, dem Leser zu vermitteln, was er sieht – der Leser erfährt bloß die Zusammenfassung, die Schlussfolgerungen. Dem Leser wird hier keine Chance gelassen, sich selbst ein Bild zu machen.

Welchem Krimi ich diese Stelle wohl entnommen habe?

Über das Kürzen

Ich hasse Wiederholungen und Geschwätzigkeit in der Literatur, auch als Leser. Daher streiche ich so viel wie irgendwie möglich, bis kein Wort mehr verzichtbar ist. Oft sind es bis zu 40 Seiten, die ganz am Schluss noch aus einer 170-Seiten-Erzählung herausfallen.

(Walter Kappacher. Er erhielt 2009 den Georg-Büchner-Preis)

Kill All Darlings

Da gibt es diese lieb gewonnenen Textstellen, Figuren und Handlungsstränge. Wegen denen ich meinen Roman verbiege, bloß um sie zu behalten.

Beispiel gefällig? Mein aktueller Roman sollte Abschluss einer Trilogie werden. Sprich, ich übernehme die Personen von Teil 1 & 2 und füge frische Handlung hinzu. 2 Jahre habe ich gearbeitet, um Alt und Neu zu verknüpfen. Diesen Mai gestand ich mir ein: Ich bekomme die Komplexität nicht in den Griff. Meine Rahmenbedingung, dass dieser Roman ohne Teile 1&2 lebt, konnte nicht halten – zu groß waren die Schatten der Vergangenheit, die nichts zur aktuellen Romanhandlung beitrugen.

Ich befreite den Roman und mich. Ich machte ihn zum eigenständigen Werk. Den Romanbeginn, den ich vor Mai produziert hatte, legte ich beiseite. Im Juni schreib ich ihn neu. Neue Namen, neue Sprache, und die Vergangenheit der Personen richtete ich auf die Handlung aus.

Kill all darlings.

Ein Darling ist etwas, das dem Autor am Herzen liegt, aber nicht dem großen Ziel dient, schlimmer, es ist hinderlich. Damit das Darling Teil des Texts bleibt, muss der Autor die Handlung anpassen und muss Personen so hinbiegen, dass das Darling irgendwie Sinn macht.

Ein Darling ist die größte Bedrohung des literarischen Werkes! Eben weil es nicht wie ein Feind wirkt, sondern sich als lieber Freund des Autors einschleicht. Es macht den Autor blind. Nicht mehr die literarische Notwendigkeit entscheidet über den Verbleib des Darlings, sondern die Textverliebtheit.

Ein Darling gehört zu meiner literarischen Eitelkeit; es ist etwas, womit ich mich gerne umgebe (n würde), weil es so schön scheint.

Fragen, die mir helfen, um ein Darling zu identifizieren:

1) Magst du es?

2) Wenn es nicht da wäre, was würde der Handlung fehlen?

3) Gehört es zu deinen Lieblingstextstellen?

Übrigens. In der Mindmap der Romanfiguren gibt es eine Figur, die „Monstrum“ heißt. Wenn etwas Schreckliches in Kronstein passiert, wird dieses Monstrum gesehen. Eine Art Fata Morgana des Schreckens. Ich habe eine gute Szene geschrieben, in der mein Timon die Furcht vor dem Monstrum durchlebt.

zu Frage 1) Ich liebe es!

zu Frage 2) lass mich nachdenken …

zu Frage 3) JA! Unbedingt.

Ich gebe es zu: ich bin noch nicht bereit, dieses Monstrum zu entfernen. Soeben habe ich den ganzen Roman umgeschrieben, also da ist ein bisschen Geduld angesagt, ja? Schon wieder von etwas Abschied nehmen …

Einen Roman zu schreiben heißt, von vielen Ideen Abschied zu nehmen, damit neue Ideen ihre Plätze finden.