Manuskript liegt bereit. Für rentsnik.

Das Manuskript liegt bereit. Für rentsnik – ich treffe sie kommende Woche, sie hat versprochen, mir feedback zu geben.

Es umfasst die ersten 250 Buchseiten, 134 A4-Seiten, 440.000 Zeichen und 500 Tippfehler (4 Stück pro A4-Seite sollten schon drin sein).

Ich habe in den letzten Monaten das Ding – wieder einmal – gründlich überarbeitet. 20% rausgeworfen. Ich mag es jetzt nimmer anschauen, ich will endlich weiter.

Mehr noch, ich denke an einen Zeitsprung – Den beginnenden Frühling im Roman gar nicht weiterverfolgen, sondern voll in den Sommer einsteigen. Und zwischenzeitlich hat sich in der übersprungenen Zeit einiges aufgebaut. Ich werde an Geschwindigkeit gewinnen.

Abschied, mehrfach

Erstens. Abschied vor Worten im Rahmen des normalen Kürzungsprozesses.
Gewisse Kapitel sagen mir einfach nichts mehr – ich lese sie und denke mir: ja, nett, okay, ich verstehe, welche Information ich mit denen verbreiten wollte, aber … sie berühren mich nicht. Also fort. Und die Info – so unbedingt nötig – im Rahmen anderer Kapitel mittransportieren.

Zweitens. Abschied von der Vorstellung, dass dieser Roman so-und-so dick wird. Werden muss.
Die Einleitung ist der derzeit auf 440.000 Zeichen zusammengeschmolzen (250 Buchseiten). Aber ich muss die 700 Seiten nicht erreichen, es reichen 500. Denn: Ist mein Ziel, einen guten Roman abzuliefern oder einen so-und-so dicken Roman abzuliefern?

Drittens. Ich muss nicht alles schreiben, was mir im Rahmen des Romans an (Neben-)Handlung begegnet. Selbst wenn es interessant ist!
Etwa die Geschichte, was vor Viola in dem Ort passiert war (Beginen, also ein Zusammenschluss selbständiger und darum verfolgter Frauen). Oder die Auswirkungen jahrhundertelanger Verdrängungskämpfe mit den Benediktinern (Weil: frauengeführtes Krankenhaus und am anderen Flussufer kontemplative Benediktiner, das verträgt sich nicht).

27% gekürzt

Bin am Überarbeiten. Ich gebe dem Roman mehr Geschwindigkeit und Zielgerichtetheit. Die 8. Fassung mit ihren 600.000 Zeichen (in etwa die Romanhälfte) ist Rohmaterial für die nun 9. Fassung.

In den vergangenen beiden Wochen habe ich aus den ersten 163.000 Zeichen einen Text mit 118.000 Zeichen geformt. Dessen Beginn könnt ihr hier nachlesen.

Es erinnert mich an die Arbeit eines Bildhauers: Der bestehende Text ist mein Stein, und so wie Henry Moore von truth to the material spricht, so lasse ich dem Stein sein Wesen und entferne das, was ich mittlerweile als unwesentlich erkannt habe. Es ist der Stein, der mit seinem Wesen das Werk bestimmt.

Eine Person ausgelöscht. Bahnfahrt mit rentsnik.

Mit dem Zug von Graz nach Wien. rentsnik saß neben mir, und ich führte sie durch die Mindmaps meines Romans.

Resultat: Zwei Romanpersonen werden zu einer einzigen. Sehr konstruktiv – ich selbst wäre nicht auf die Idee gekommen. Obwohl so naheliegend.

Wenn ich Personen zusammenführe, schärft das – automatisch – die Familiengeschichte, samt inneren Konflikten.

Bei mir sieht es jetzt nur mehr so aus (grün die Lebenden, rot die Toten):

Vergleiche dazu: Vor einem halben Jahr legte ich Zwillingsschwestern zusammen.

Schreibwerkstatt ’99: Der Wasserspeier

Letztens fiel mir folgende Schreibübung in die Hände, die aus der legendären Schreibwerkstatt von Julian Schutting 1999 in Maria Trost stammt. Es war die zweite Aufgabe. Sie lautete: Zur Kirche von Maria Trost hinüber gehen und etwas mit fremdartiger Sichtweise zu beschreiben.

Der Wasserspeier (Finale Fassung, 13.7.1999)

Wasserspeier gegenüber der Wallfahrtskirche Maria Trost. Errichtet 1934. Renoviert 1984 und zur Labung der Pilger wieder in Betrieb genommen.

Du gehst auf mich zu, ganz nahe stehst du bei meinem Gesicht, ich will mich abwenden, weil mir ekelt. Du berührst mich, ich kotze, du bückst dich zu meinen Lippen und saugst das Erbrochene ein.

Ich will dich nicht sehen! Mir tun die Augäpfel schon weh, so fest schiele ich nach rechts. Gefesselt in Stein, nur mit dem Kopf in der Welt draußen, zur Unbeweglichkeit verdammt.

Du heuchelst Interesse für die Inschrift über meinem Kopf und starrst dabei nur mich an. Hör auf damit! Ich bin häßlich, ich weiß. Ein Engelsgesicht mit Pausbacken hätte ich sein sollen, doch die Stirnfalten entlarven ich als Greis. Laß dir den Mund von einer Metallröhre entstellen, laß dir von schwitzenden Männern die Hand auf das Gesicht legen, wenn sie sich zu deinen Lippen beugen, um deinen Ausfluß zu lecken! Deinen Zorn könnte auch kein Stein für sich behalten.

Und jetzt laß mich alleine.

Hier nun die beiden vorangegangen Entwürfe, die ich auf Anraten Schuttings einkürzte:

Der Wasserspeier (Fassung 1, 12. 7. 1999)
(Feedback: zu manieriert, in der Art „Ein Christbaum erzählt“, pseudonaiv, geht nicht auf, Perspektive stimmt nicht, im Zuschauen wäre dieser Ansatz gut.)

Du gehst auf mich zu, ganz nahe stehst du bei meinem Gesicht, ich will mich abwenden, weil mir ekelt. Du berührst mich, ich kotze, du bückst dich zu meinen Lippen und saugst das Erbroche ein. Dir graut vor gar nichts, du bist wohl Schriftsteller. Davon muß es in der Nähe ein Nest geben, denn ein Dutzend deinesgleichen führt unbeflecktes Papier spazieren, ich sehe die verbissenen Gedanken, die den Kampf gegen die Allgemeinplätze längst verloren haben.
Ich schaue dich nicht an, auf den Haupteingang sehe ich, mir tun die Augäpfel schon weh, so fest biege ich meinen Blick nach rechts. Gefesselt in Stein, nur mit dem Kopf in der Welt draußen, bleibt mir nichts anderes übrig. Nur dort, auf den Stiegen, finde ich gelegentliche Abwechslung, wenn ich Brautpaare ins Glück treten sehe.
Du trinkst, als müßte ich deine geistige Leere füllen. Du ärgerst dich, daß der Strahl zu früh erlischt. Das will ich erleben, wie du mit fünfundsechzig so wie ich auf Knopfdruck Wasser lassen kannst!

Du heuchelst Interesse für die Inschrift über meinem Kopf und starrst dabei nur mich an.

Hör auf damit! Ich bin häßlich, ich weiß es selber, ein Engelsgesicht mit Pausbacken, das kitschiger ist als es selbst das Barock zuließe. Doch die Stirnfalten entlarven mich als Greis, sie verraten dir meine Leiden. Laß dir den Mund von einer Metallröhre entstellen, laß dir von schwitzenden Männern die Hand auf das Gesicht legen, wenn sie sich zu deinen Lippen beugen, um deinen Ausfluß zu lecken! Du würdest auch nicht glücklich dreinschauen.

Du trinkst noch einmal, gierig.

Ersticken sollst du an mir!

Du weichst zurück, bist du erschrocken? Weil du glaubst, mich grinsen gesehen zu haben? Du hustest, armer Mensch, die Luft will sich nicht von dir atmen lassen, vergänglicher Mensch! Du änderst deine Farbe, das kann ich nicht, du sinkst auf die Knie, das kann ich auch nicht.

Aber eines kann ich.

Dich überleben.

Der Wasserspeier (Fassung 2, 12. 7. 1999)

Mir ekelt vor dir. Du berührst mich, ich kotze, du bückst dich zu meinen Lippen und saugst das Erbrochene ein. Dir graut vor gar nichts, du bist wohl Schriftsteller.

Der Schriftsteller fährt zurück. Hat diese Worte tatsächlich jemand gesagt? Er schaut sich um. Niemand hier. Nur der Trinkbrunnen vor der Kirche. Der Schriftsteller liest die Tafeln, die anläßlich der Errichtung 1934 und der Renovierung 19xx angebracht worden sind. Der Wasserspeier erinnert den Schriftsteller an das Gesicht der barocken Engeln, die sich im Inneren der Kirche tummeln.

Ein zweiter Versuch, der Durst zwingt den Schriftsteller dazu. Er drückt nochmals den silbrigen Knopf unter dem Wasserbecken, doch das Wasser will nicht in seinen Magen.

Denn da ist das Lachen.

Der Schriftsteller hustet, das Flüssige schneidet die Luft ab, es brennt in der Nase.

Das Gesicht verliert plötzlich die kindlichen Züge. Die Stirnfalten entlarven es als Fratze eines Greises. Der Schriftsteller wendet sich ab, damit er wieder atmen kann.

„Gönnt euch doch mal ein Adverb!“

Ja, genau genommen – warum bei zwanzig- oder dreißigtausend aufhören? Wieso überhaupt noch schreiben? Warum kritzelt man nicht einfach einen Plot und ein paar Motive auf einen Briefumschlag und belässt es dabei? […] Na los, Jungschriftsteller – gönnt euch doch mal einen Witz oder ein Adverb! Lasst euch nicht lumpen! Den Leser stört das nicht! Habt ihr euch mal angesehen, wie dick Bücher sind, die an Flughäfen verkauft werden? Die Menschen mögen das Überflüssige.

Aus: Nick Hornby: Mein Leben als Leser