Werk und Abgrund. Balzac und Nietzsche reden über das Schreiben

Treffen sich zwei Schreibende. Sagt der eine… sagt der andere…

Sagt Balzac: Das ist mein Werk, der Abgrund, der Krater, der vor mir liegt, das ist der Stoff, den ich gestalten will.

Sagt Nietzsche: Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

(Friedrich Nietzsche zitiert nach Wikiquote. Honoré de Balzac zitiert nach: Stephan Zweig: Balzac. Eine Biographie. Fischer Taschenbuch Verlag 1978. Seite 175)

Qualität um jeden Preis: Die Überarbeitungswut des Balzac (4)

Was mich an der Arbeitsweise des Balzac so fasziniert, bin ich gefragt worden. Es ist dieses Extreme. Ich bin (literarisch) stets auf der Suche nach Extremen, denn in radikalen Situationen treten die Wesenszüge des Menschen am reinsten zu Tage. Mit Wesenszügen meine ich die Archetypen, und Balzac verkörpert für mich den Typus des vom Werk aufgefressenen und des im Werk Zuflucht suchenden (“In der Arbeit vergesse ich meine Leiden; Arbeit ist meine Rettung”). Hier ist er übrigens gar nicht so anders als Thomas Mann, obwohl die Äußerlichkeiten nicht abweichender sein könnten. Im Werk arbeitete Thomas Mann die Versuchung ab, der nachzugeben er sich selbst nicht gestattete. Den körperlichen Preis dafür zahlte nicht er (wie Balzac), sondern seine Familie.

Sehen wir uns nun an, wie Balzac seine Texte überarbeitete…

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Quelle: Stephan Zweig: Balzac. Eine Biographie. Fischer Taschenbuch Verlag 1978

50.000 Tassen überstarker Kaffee: Der Schreibprozess des Balzac (3)

Der Zeitraum, in dem die Inspiration durch den Kaffee vorhält, wird immer kürzer; er regt das Gehirn jetzt nur noch fünfzehn Stunden an…

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Quelle: Stephan Zweig: Balzac. Eine Biographie. Fischer Taschenbuch Verlag 1978

Wo ich mein Leben in den Schmelztigel werfe: Am Schreibtisch des Balzac (2)

Für mich verkörpert Balzac ein Extrem, das auch in mir steckt. Meine Entscheidung ist nun, inwieweit ich mein Leben davon Besitz ergreifen lasse. Darum ist es wichtig für mich, dieses Extrem schon in seinen Anfängen zu erkennen – um rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Oder um mich bewusst hineinfallen zu lassen, allerdings dann der Konsequenzen gewahr zu sein.

Hier nun beschreibt Stefan Zweig den täglichen literarischen Kampf des Balzac:

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Der Schreibprozess des Balzac

Quelle: Stephan Zweig: Balzac. Eine Biographie. Fischer Taschenbuch Verlag 1978

Der Schreibprozess des Balzac (1)

Mühsam, das Romanschreiben, früher, so ohne Computer. Honoré de Balzac arbeitete exzessiv mit Korrekturfahnen – das, was bei uns Literaten als Ausdruck funktioniert und mit Kopieren/Einfügen ein Leichtes ist, das hat damals einen enormen Aufwand bedeutet. Balzacs Handschrift musste von Setzern entziffert werden, der ganze Text wurde gesetzt und gedruckt und dann dem Meister wiedervorgelegt – woraufhin er alles massiv überarbeitete und die Arbeit der Setzer von vorne begann.

Könnte es sein, dass Balzac auf dieser Fotografie tintenfleckige Hände hat?

Aber auch heute, trotz Computer, hätte es sich Balzac nicht leichter gemacht. Und wäre ebenso am Schreiben zugrunde gegangen.

In einer kommenden Artikelserie werde ich auf seinen Schreibprozess eingehen.

Balzac und ich und meine Großmutter und Stefan Zweig

Dieses Buch-Exemplar fand ich als als Zehnjähriger auf dem Nachtkästchen meiner Großmutter. Ich fragte sie, worum es denn in dem Buch ginge. Um Balzac, antwortete sie. Und weil ich nicht wusste, wer Balzac war, sah ich mir das Bild genauer an und setzte ich ihn mit Cyrano de Bergerac gleich, dem Hässlichen mit der Nase.

Und eben mit diesem Buch haben mir meine Großmutter und Stefan Zweig zwei Jahrzehnte später eröffnet, was es heißt, Literat zu sein. In den kommenden Tagen werde ich darauf eingehen, was die Arbeitsweise des Balzac für mich bedeutet.