Begehren!

In meiner Literatur geht es darum, dass Menschen etwas wollen. Es unbedingt wollen. Und dass sie anderen in die Quere kommen, die ebenso etwas wollen – doch oft etwas anderes, vielleicht das Gegensätzliche. Und jeder dieser starken Menschen in meiner Literatur fühlt sich im Recht und ist es wohl auch.

Es hat mit Begehren zu tun. Zu meiner Literatur passt gut folgende Definition:

Begehren = Die ständige Unmöglichkeit, das angestrebte Ziel zu erreichen.

Das stammt aus der Fernsehsendung Arte Philosophie: Begehren, die mich letztens beeindruckt hat. Weil sie fundamentalen Einblick in das Wesen der Begierde gibt, und das in Form eines leichten, klaren Gesprächs von zwei engagierten Männern.

(Danke, Silke, für den Hinweis!)

Wie geht Weinen? Oder: Ein loses Textstück, hier mal angeleint

Zufällig und vorhin fand ich in der Romanfassung vom 12.1.2009 folgendes Textstück, das irgendwann wohl rausgefallen ist und nun herrenlos im Archiv hängt; vielleicht findet es später einen Platz – ich tu es mal hier am Blog anleinen.

Diese Stelle zeigt gut, mit welcher Technik ich an schwere Emotionen herangehe: ich achte genau auf Sinnenwahrnehmungen, die mit dem Gefühl einhergehen. Dabei gehe ich nach „VAKOG“ vor – sprich, ich frage mich, was ich visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustativ wahrnehme. Und die für dieses Gefühl relevantesten Sinnenwahrnehmungen nenne ich.

Das Weinen beginnt im Rachen. Ich greife mir an den Hals, oberhalb vom Kehlkopf. Dort steckt es. Trocken, lässt sich nicht wegschlucken. Es drückt auf die Brust, von vorne, und es drückt auf die Augen, von hinten. Ich schlucke, immer nur schlucken. Dann zieht es von der Brust in mein Gedärm, und in meinem Gesicht drückt es Tränen hervor. Das ist doch nur ein verdammtes Kindertheaterstück, und die Handlung kenne ich, und ich wünsche mir so sehr, dass endlich jemand meine Hand nimmt und mir flüstert: es ist alles gut. Du bist bei mir.

Ein Tag der Schwermut. Gut so.

Schwermut ist ein erstaunliches Gefühl. Das ist so etwas Dichtes um mich, da bekommt jeder Schritt eine Bedeutung. Das Tastengeklimper geht zügig vor sich – nicht mit Leichtigkeit, aber die Worte – ich habe das Gefühl die Worte wiegen schwerer als sonst.

Dabei sind es Szenen der Leichtigkeit und der Lebensfreude, die ich schreibe! Depressives Zeug, das interessiert mich nicht, das kann sich jeder selbst ausdenken, wer will. Ich nehme diese Schwermut heute als Geschenk, das Leben zeigt mir meine Rolle. Und die ist vor dem Laptop. Dem einzigen Ort, wo die Schwermut wirklich gut aufgehoben ist und zu Gold werden kann.

Schwermut befreit mich vom Herumzappeln; ich will nicht dies oder das, auch nicht an mir in Kreisen herumdenken, sondern dieses Große, Schwere, Schöne gleich einer Masse zu etwas formen, das ich in die Landschaft stelle. Die vorbeiziehenden Leser können es ansehen, können es berühren, und jeder Leser nimmt auf seinem Weg den Eindruck mit, der ihm am nächsten ist.