Spannungsbogen? Plot? Nur das nicht!

Ein Plot motiviert nicht einmal zum Weiterlesen.

Ein Plot hindert den Leser lediglich am Aufhören.

Der nicht ganz naheliegende, bei näherem Hinsehen jedoch zwingende Unterschied liegt in Folgendem: Wenn ein Leser weiterlesen möchte, dann liest er weiter, weil ihm das Buch gefällt. Wer hingegen einem Plot folgt, liest nicht deshalb weiter, weil ihn das Buch gerade jetzt, an der Stelle, die er liest, in sich hineinzieht, sondern weil er denkt, daß ihm das Buch gleich, sobald er diese Stelle hinter sich hat, gefallen wird; der Leser bekommt in jeder Zeile suggeriert, daß das Spannendste noch kommt. Die gerade gelesene Stelle erzeugt eine unerträgliche Spannung, der Moment ist nicht erfüllt, muß sich aber erfüllen, wenn die Zeit, die man dafür aufwendet, sich gelohnt haben soll. Der Leser wird durch das Versprechen einer Bedürfnisbefriedigung am Ende der Lektüre bei der Stange gehalten. Nicht weil ihm die Geschichte gefällt, liest er, sondern des Versprechens wegen.

Aus: Jagoda Marinic: Netzhaut

Spannungsbogen

Werden dem Leser Ereignisse versprochen, ist er bereit abzuwarten, und jeder Hinweis, dass bald etwas passieren könnte, erhöht seine Bereitschaft. Damit entsteht Spannung.

Beispiel 1: Ein Paar frühstückt. Er sagt, dass er erst um zehn in der Arbeit sein muss. Sie meint, da könnte er sie doch zum Friseurtermin fahren. Er will nicht. Sie drängt ihn.

… banal?

Beispiel 2: Im Keller eines Hauses ist eine Bombe. Der Zeitzünder ist auf 9:30 eingestellt. Vier Meter über dem Keller: Ein Paar frühstückt. Er sagt, dass er erst um zehn in der Arbeit sein muss. Sie meint, da könnte er sie doch zum Friseurtermin fahren. Er will nicht. Sie drängt ihn.

… nun ist dasselbe anders, irgendwie.