Zyklische Fragen oder: Ein Trick, um aus dem Scheibloch zu kommen

Nun ist es also soweit. Mein Magen. Stresssymptome. Mein Literatenkörper gibt mir zu verstehen: so soll es nicht weiter gehen.

Der Gedanke, nicht schreiben zu können, hat dieselben Auswirkungen wie der Moment, in dem ich mich vor meine Word-Datei setze und vergeblich den geeigneten Einstiegspunkt suche.

Jetzt muss ich Abstand gewinnen. Klarheit schaffen. Indem ich mein Vorgehen strukturiere. Und darüber in diesem Blog schreibe.

Meine Aufgabe: Angelika (12) verkündet ihrer Familie, sich keiner Herzptransplantation zu unterziehen. Beschreibe dieses Ereignis, seine Folgen und Reaktionen aller Betroffenen.

Randbedingungen:  (1) Mein Protagonist Timon ist bei diesem Gespräch nicht dabei. (2) Die Persönlichkeiten von Timons Umfeld sind zeigen.

Meine Frage (die mir Bauchweh macht): Und wie verdammt nochmal mache ich das?

Heute war ein unruhiger Tag. Hin- und hergedacht. Diese und jene Kleinigkeit gemacht. Nachgedacht und müde gewesen. Und dann mein Trick:

Stell dir vor, Thomas, ein befreundeter Literat hätte ebendiese Aufgabe  zu lösen. Er wendet sich an dich und bittet dich um einen Rat. Was würdest du ihm raten?

Was ich ihm sagen würde? Ist doch sonnenklar! Schreibe für jede Person aus Angelikas Umfeld eine Szene. Darin eröffnete diese Person ihre Sichtweise. 5 Personen, 5 Szenen. Plus eine Szene mit Angelika. Weitere Szenen werden sich wie von selbst ergeben.

Ich glaube, ich hab’s.

Wenn ich vom Roman erzähle, arbeite ich am Roman

Wenn ich über meine Romanpersonen rede, dann erschaffe ich sie dadurch (konstituierende Wirkung des Aussprechens). Letztens habe ich von Angelika erzählt. Und meine Gedanken zu ihr konnte ich nicht gut vermitteln. Und wenn ich eine Idee nicht vermitteln kann, liegt es womöglich daran, dass die Idee gar nicht so gut ist.

Wie ich letztens ihre Persönlichkeitsstruktur beschrieben habe, finde ich heute gar nicht mehr gut.

Viel besser: Es verweigert seine Herztransplantation, weil es nicht mehr leiden, passiv, gezwungen sein will. Weil es leben, aktiv, selbstbestimmt sein will. Weil es durch das Chemotrauma seiner Kindheit resilent geworden ist.

Ich konstruiere ein herzkrankes Mädchen (Folge 217)

Erstens.

Angelika (12) leidet nicht an Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD), das ist mir nun klar (Danke euch Bloglesenden für eure Kommentare und Mails).

Sehr wohl war ihre Chemo (als 4jährige) ein Trauma . Sie hat das Trauma überwunden, sie hat überlebt. Angelika ist resilent.

Resiliente Personen haben erlernt, dass sie es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Sie vertrauen nicht auf Glück oder Zufall, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand. Sie ergreifen Möglichkeiten, wenn sie sich bieten. Sie haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten.

  • Resiliente Personen gehen mit Stress effektiv um.
  • Sie haben gute Problemlösefähigkeiten.
  • Bei Problemen bitten sie um Hilfe.
  • Sie glauben, dass es Möglichkeiten gibt, mit Lebensproblemen umzugehen.
  • Ihre Beziehungen zu Freunden und Familienmitgliedern sind eng.
  • Mit Freunden und Familie sprechen sie über das Trauma und ihre Gefühle.
  • Sie sind spirituell/religiös eingestellt.
  • Statt als „Opfer“ sehen sie sich als Überlebende.
  • Sie helfen anderen.
  • Sie versuchen, dem Trauma etwas Positives abzugewinnen.

Das passt alles gut zu Angelika, so wie ich sie schon früher erlebt habe.

Angelika entscheidet also aus sich heraus. Sie wägt ab: Der Weg ohne Herztransplantation, der Weg mit Herztransplantation. Beide Wege sind keine leichten. Sie entscheidet sich, dass sie leben will. Nicht für das Sterben entscheidet sie sich, sondern für das Leben ohne Operation.

Sie ist fest in ihrem Entschluss, denn…

Zweitens.

Angelika ist stur. Sehr stur.

Ein Herz oder: Was mir beim Recherchieren so begegnet

Patient mit Berlin Heart
Berlin Heart

Das Berlin Heart ist ein Apparat, der wie ein Herz funktioniert und ein Überleben bis zur Transplanation ermöglicht.

Dabei ragen dem Patienten 4 dicke Schläuche aus dem Bauch – wochenlang, monatelang, bis ein passendes Spenderherz verfügbar ist. Mobilität ist insofern gegeben, als man den Apparat auf Rollen herumschieben kann.

Eine Innsbrucker Krankenschwester gab mir ihre Diplomarbeit über das Berlin Heart (Danke!). Der junge Patient auf dem Foto meinte: „Nicht jeder hat ein Herz, auf das man sich lehnen kann!“

Angelika in meinem Roman wird kein Berlin Heart benötigen, ihr Herz geht nicht so schnell kaputt.

Ich weiche immer noch aus

Bin immer noch nicht nahe genug an meiner herzkranken Angelika. Ich recherchiere eben Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD), mit der Idee, dass ihre Chemotherapie ebendieses Trauma ist. Und das mit den Trauerphasen nach Kübler-Ross zusammenbringen. Aber PTSD passt nicht so recht, weil meine Angelika immer noch starkes und waches Interesse an der Welt zeigt. Ich könnte bei meinen Tiroler Freunden anrufen, mit von Krankenschwestern das Verhalten der Kinder wieder einmal erzählen lassen…

Nein! Weitere Recherche wäre wieder eine Ausflucht! Niemand kann für mich diesen Weg gehen. Denn niemand außer mir hat Zugang zu Angelika, keiner kennt sie besser als ich. Ich weiß genug. Ich muss aus mir heraus Angelika schaffen.

Wie man sich dieses Schaffen vorstellen kann? Auf und abgehen in meinem Schreibraum. Und die einzige Ablenkung, die ich mir erlaube, ist, dieses Blogeintrag zu tippen. Um klarer zu werden.

Schmerzenskind und Lebenskind

Mindmap zu Angelika
Mindmap zu Angelika

Angelikas Weigerung, eine Herztransplantation durchführen lassen, fußt in ihrem Kindheitstrauma: mit 4 eine Chemotherapie.

Seit der Chemo sieht Angelika zwei Kinder in sich:
1) das Schmerzenskind und
2) das Lebenskind.

Das Schmerzenskind hat schier Unerträgliches auf sich genommen, um dem Lebenskind leben zu geben. Und jetzt, mit 12, wo Angelika wieder viel Leid droht, sagt Angelika: „Das kann ich dem Schmerzenskind nicht nochmals antun.“ Und so beschließt sie, zu leben ohne zu leiden, so lange es geht.

Letztens, im Zug von Graz nach Wien, habe ich Mindmap erstellt, um mich Angelikas Entscheidung zu nähern. Und um einzuordnen, wer in Angelikas Umfeld wie reagiert.

Zug

Einmal im Monat zu GRAUKO. Das bedeutet zweimal zweieinhalb Stunden Schreiben im Zug. Draußen schiebt sich verschneites Land vorbei, Eiskristalle werfen sich gegen die Fenster, und drinnen im Großraumwagen ist viel Freiheit: für Beine, fürs Hinausschauen, fürs Gedankenschweifen.

Ich höre Musik aus dem Laptop, nippe am Kaffee und bin bei Angelika und Timon.