schreiben – Autorenblog von Thomas Wollinger.
1. Mai 2012
Beitrag 982

Und eigentlich will ich wie Sartre beginnen

Ganz am Anfang anfangen. Bei meinen Sinnen. Bei meinen Eindrücken. Einen Roman aus dem Kleinen, aus dem Minimalen, aus dem Atmen heraus beginnen.

Seit ich schreibe, will ich beginnen wie Sarte. Einen Roman, der mit einer kleinen Bewegung meiner Hände beginnt.

Irgendetwas ist mit mir geschehen…

Als ich eben mein Zimmer betreten wollte, bin ich wie angewurzelt stehen geblieben, weil ich in meiner Hand einen kalten Gegenstand spürte …

(Zwei Jahre, nachdem ich “Der Ekel” gelesen hatte, begann ich selbst mit meinem Schreiben)

Themengebiet Romanprojekt "ausgegraben"
Schlagwort ,

Eva Jancak meint: Das ist bei mir auch öfter so, ich lese ein Buch und nehme eine Idee daraus mit. Bei den "Zwillingswelten" war es Ulrich Bechers "Kurz nach vier" und die Idee jemanden wohin fahren zu lassen und dabei sein Leben zu reflektieren und der "Wiener Stadtroman" wurde irgendwie, ganz wenig von James Joyces "Ullyces" inspiriert. Es wird nachher natürlich etwas anderes viel Realistischeres, am Boden Verhafteteres daraus und jetzt habe ich auch wieder so eine Idee, nach dem ich gerade einen frühen Rolf Lappert lese und man ja auch immer hört, daß jede Zeile unbedingt so spannend sein muß und man zum Beispiel kein banales Frühstück beschreiben darf. Der Lappert schildert eine Reise nach Amerika mit durchaus packenden Alltagsskurilitäten. Da wird jemand von der Rettung aus einem Supermarkt getragen und der Sanitäter kauft sich noch schnell dabei einen Schokoriegel. Da habe ich mir gedacht, mein Übernächstes, das Nächste werden ja die Blogtexte sein, könnte eine Frau in ihrem Alltagstag sein. Mal sehen, wie es wird und jetzt geht es noch ein bißchen zum Lesen in die Badewanne und dann zum ersten Mai zur Albertina

30. April 2012
Beitrag 981

Ich habe Angst vor der Sprache, die sich in mir entwickelt.

Die Abgründe meines Protagonisten werden tief sein. Sie werden sich durch die Erdschichten einer Kindheit ziehen und viel weiter.

Natürlich sind es meine Abgründe, in die ich sehen werde! Denn woher sonst soll alles kommen, außer aus mir?

Es darf kein Zurückhalten geben. Kein Kopf, kein Denken mehr, keine gescheiten Halbheiten im Geschriebenen. Es geht um das blanke Nicht-Krepieren im Angesicht einer Vergangenheit, die sich aggressiv in seine Gegenwart herauf frisst.

Ich habe Angst vor der Sprache, die sich in mir entwickelt.

(Bin nun eben intensiv am Heranreifen meiner Schreibhaltung. Ein Prozess, der sich weniger in Geschriebenem als in verbrachter Zeit äußert. … Coole Angst! Nützliche Angst. Wird meinem Romanhelden umgehängt.)

Themengebiet Romanprojekt "ausgegraben"
Schlagwort

Eva Jancak meint: Was mir an diesem Blog und an den letzten Artikeln, die ich nur sehr unachtsam verfolgte, da mich mich auf "Lesereise" nach Salzburg begab, so besonders gut gefällt, ist die Intensität des Einlassens in den Schreibprozeß. Daran haperts bei mir ja höchstwahrscheinlich immer noch ein bißchen und bin zu gehemmt dazu, wirklich durch die Straßen zu gehen und alles aufzusaugen, was es da zu sehen, zu hören und zu staunen gibt und daraus das Eigene zu machen. Denn so sollte es ja sein und es gibt auch viel zum Umormen. Wem das gelingt, dem gratuliere ich herzlich und lese ansonsten den Blog als Ermutigung daran zu bleiben und das zu Üben, denn Schreiben ist ja etwas Urgewaltiges, Schönes und nicht nur das, das die sechs bis zwanzig deutschen Buchpreisfinalisten und dann vielleicht noch ein paar andere dürfen, aber man selber ist zu schlecht dazu und darf das gar nicht herzeigen und darüber sprechen. Übrigens Applaus, es gibt ein neues Buch von mir, die Details sind auf meinen Blog zu finden!

29. April 2012
Beitrag 980

Textskizze, entstanden bei der Arbeit an meiner Schreibhaltung

Diese Dialogskizze entstand letztens, als ich an meiner Schreibhaltung gearbeitet habe und mir ein Musikvideo immer und immer wieder angehört habe:

(In einem Salsa-Tanzlokal)

Er: »Die Vergangenheit ist ein Abgrund. Ich habe hinabgesehen. Aber ich bin nicht gesprungen! Ich habe mich umgedreht und bin weggegangen. Hierher. Jeden Tag springe ich nicht in den Abgrund.«

Sie: »Jeden Tag drehst du dich um und gehst weg?«

»Ja. In der letzten Zeit mehrmals am Tag.«

»Wo willst du denn hin?«

»Muss denn jeder etwas wollen? Ich will nichts wollen. Ich will tanzen. Komm, wir tanzen!«

Mit solchen Textstücken nähere ich mich den Romanpersonen und meiner Schreibhaltung.

(Die jetzt gestrichenen Sätze kommen mir geschwätzig vor. Waren aber wohl nötig geschrieben zu werden, um mich zu nähern.)

Themengebiet Romanprojekt "ausgegraben"
Schlagwort

28. April 2012
Beitrag 979

Schreibhaltung aufbauen. Meine wichtigste literarische Arbeit.

Schreibhaltung ist jenes Gefühl, mit dem ich die Arbeit an einer Szene beginne.

Ich habe gelernt: Mein Text lebt und fällt mit meiner Schreibhaltung. Wenn mein Gefühl nicht passt, nützt mir mein ganzes handwerkliches Können nichts.

Im meinem Leben musste ich viele Szenen streichen – nicht, weil sie schlecht formuliert waren – sondern weil meine Schreibhaltung nicht passte.

Darum die wichtige Vorarbeit: Dass ich in mir ein Gefühl aufbaue. Für die Schreibhaltung. Für den Protagonisten. Für seine Dringlichkeit. Wichtig: ich muss mir emotional völlig klar sein sein, was für ein Gefühlscocktail das das ist. Bin ich mir unsicher, starte ich vorschnell mir dem Schreiben, dann haben alle Worte maximal die Wertigkeit von vorläufigen Skizzen und Näherungen.

Es geht also um Gefühle. Nehmen wir als plakatives Beispiel eine Begräbnisszene, und meine Aufgabe ist es, einen Besucher zu zeigen. Dann habe ich mich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen. Trauert er? Wenn ja: In welcher Phase des Trauerns steckt er denn gerade? Ist es Wut, Verweigerung, Verzweiflung, oder ist dem Besucher alles egal? Auf dieses Gefühl ist die Beschreibung des Begräbnisses auszurichten.

Und nun die gute Botschaft (für mich): wenn die Schreibhaltung stimmt, echt stimmt, dann fließt der Text. Dann passen die Worte und die gezeigten Beobachtungen.

Widersprüchlichkeiten in den Texten (etwa, wenn Beobachtungen nicht zur Gefühlslage des Beobachters passen) treten nicht auf, wenn die Schreibhaltung stimmt.

Wie komme ich nun zu meiner Schreibhaltung? Durch Musik. Durch Spielfilme. Durch Fernsehdokus. Durch Für-mich-sein. Eigentlich kaum durch Lesen.

Obiges Video ist ein Beispiel – wenn ich dieses Lied höre, verstärkt sich meine Antipathie gegen Vergangenes und die Notwendigkeit, sich an der Gegenwart zu betrinken – ein wichtiger Charakterzug meines aktuellen Romanprotagonisten Keichlo.

Das Wort Schreibhaltung verdanke ich übrigens von Gustav Ernst. Habe es von ihm in der Leondinger Akademie für Literatur 2006 gelernt. Danke dir!

Themengebiet Schreibtipps
Schlagwort ,

27. April 2012
Beitrag 978

Etwas zum Mitfreuen

Emily Waltons “Mein Leben ist ein Senfglas” auf einer Bestsellerliste. Schön ist das.

Zudem sind die Lagerbestände bei Amazon im Moment leergekauft – auch ein toller Erfolg!

Themengebiet Vom Rand des Schreibens
Schlagwort

26. April 2012
Beitrag 977

Die Geschichte, die ich niederschreibe, die muss mir ja erst erzählt werden.

Von überall in meinem Alltag höre ich Stücke meiner künftigen Geschichte. Aber widersprüchlich ist, was ich bekomm. Und lückenhaft. Muss mir vieles zusammenreimen.

Letztens, grundlos, inmitten eines Tags, der Gedanke: Ich müsste mir den Film “Angel Heart” wieder ansehen. Denn der würde etwas für meine Geschichte bereit halten.

Tat ich also. Der Film hat mir etwas Erschreckendes über meinen Romanhelden gezeigt (Hat nur bedingt mit dem Film zu tun).

Mir scheint, dass ein Denkakt, der sich nun schon über Wochen zieht, seinen Höhepunkt überschritten hat.

Themengebiet Romantagebuch
Schlagwort

Fredi meint: Genau! Das ist der Schweinehund am schreiben. Zuerst muss man sich die Geschichte erzählen, und dann so niederschreiben, dass es einen Leser interessiert. Und dann einen zweiten Leser, einen dritten, einen vierten, und und und. Das ist der Schweinehund. Alles ständig nocheinmal zu schreiben. Ständig kondensieren, destillieren, fokussieren und dann nochmal und nocheinmal. Schreibenschreibenschreibenschreiben bis der Schweinehund kleiner wird, und kleiner und kleiner. Bis er so klein ist, daß ein Windstoß ihn davonweht. Und er über die Kontinente fliegt, über Wiesen und Felder und in den Baumwipfeln Kanadas hängen bleibt. Ja so ein Schweinehund ist gut in einem Film zu suchen, damit man ihn Schritt für Schritt entlarvt und entarnt, damit man ein Gefühl bekommt, was so ein Schweinehund alles drauf hat, wie tief in die Trickkiste so ein Schweinehund greifen kann um das nächste Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Den Schweinehund niederschreiben, genau!

25. April 2012
Beitrag 976

Eine Kuh stand am Gatter und schlug mit der Stirn gegen den Holzpfahl. (Romanausschnitt)

Dies ist ein Kapitel aus meinem Romanprojekt “Violanum”. Timon, der Ich-Erzähler, lebt mit Dagmar, ihrer 14jährigen Tochter Angelika und dem achtmonatigen Pflegekind Dorian in Friedstatt. Timon hat übrigens keinen Geruchssinn. Zu Besuch kommt Christian, Angelikas neuer Freund.

Es kam der Tag, an dem Christian bei uns zum Abendessen eingeladen war. Ich pürierte die Kartoffel mit dem Stabmixer, Dagmar kümmerte sich um die faschierten Laibchen. Angelikas Lieblingsspeise. Und auch meine. Ich mag alles, was ich nicht schneiden und beißen muss. Der Marillenkuchen war längst fertig und stand – noch warm – auf der Arbeitsplatte. Angelika kam herunter, in Jeans, und dann kam sie wieder, aber in einem Rock diesmal. Einmal waren ihre Lippen rötlich, dann wieder trug sie transparentes Gloss. Sie fragte Dagmar, wo denn die Kerzen wären. Und keiner von uns dürfte unter irgendwelchen Umständen in ihr Zimmer! Dagmar reichte ihr eine Schachtel und sagte, sie solle aufpassen, dass sie das Haus nicht abfackele.

Dagmar flüsterte mir zu: »Hast du ihr Parfum gerochen? Als hätte sie darin gebadet.«

»Ich habe nichts gerochen.«

»Aber es riecht doch so stark … ach ja. Entschuldige, bitte.«

»Liebe heißt, sich niemals entschuldigen zu müssen.«

»Love Story«, sagte Dagmar. »Endet nicht gut.«

Dorian krabbelte uns zwischen den Beinen umher und wollte beim Kochen mithelfen. Der Stabmixer und das spritzende Kartoffelpüree hatte es ihm angetan. Ich hob ihn zum Herd, damit er die brutzelnden Fleischleibchen mit dem Bratenwender wenden konnte. Ich gab ihm zu kosten, so lange, bis er vorab schon satt war. Dann gab ich ihm noch sein Fläschchen. Beim Saugen rieb er sich die Augen. Dagmar bat Angelika, den Tisch zu decken, aber Angelika, irgendwo oben, rief, sie habe keine Zeit jetzt. Als Dorians Fläschchen leer war, wickelte ich ihn und brachte ihn in sein Zimmer. Ich blätterte mit ihm noch ein Buch über Tiere im Wald durch, dann gab ich ihm einen Kuss auf die weiche, warme Stirn und bettete ihn im Gitterbett neben seine Stoffsonne. Ich ging hinaus. Er fing zu weinen an. Er weinte all die Minuten, während denen ich unten im Wohnzimmer den Esstisch deckte. Sein Weinen war kein zorniges oder unwilliges, sondern dieses Tränenlose, und es klang eher wie ein Abschiednehmen von einem wunderbaren Tag, und darin war etwas von der Melancholie, die in jedem Sonnenuntergang mitschwang. Ein Tag weniger im Leben, und gleichzeitig eröffnet eine frische Nacht die Chance auf einen wunderbaren Morgen. – Er lachte mich an, als ich wieder oben bei ihm war, um nach ihm zu sehen, um ihm den Rücken zu streicheln. Lachen und Weinen in Dorian – beides so federleicht nebeneinander, so wie eben mehrere Stimmungen in einem Menschen zur selben Zeit sein konnten. Mit dem Unterscheid, dass Dorian seine Stimmungen mit uns teilte, spontan und ohne Gedanken. Er brabbelte, ich sagte ihm, dass er Recht hatte. Nach ein paar Minuten war er leise, als habe er sich vom Schlaf überzeugen lassen.

Unten, im Wohnzimmer, wurden mittlerweile die Minuten knapp. Angelika ging auf und ab, und als sie zu ihrer Mum sagte, sie sollte durchlüften, wegen des Küchengeruchs, da reichte es Dagmar, und sie schickte ihre Tochter hinauf: »Dein Stress ist ja nicht auszuhalten.«

Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit stürmte Angelika hinunter – »Er kommt«, sagte sie mit versuchter Zurückhaltung. Es klingelte.

»Willst du nicht aufmachen?«, fragte Dagmar.

»Meinetwegen«, sagte Angelika.

Christian kam herein, mit weißem Hemd und einem Pullover um die Schultern. Er brachte eine kleine Kühlbox und reichte sie Dagmar.

»Danke«, sagte sie und öffnete den Deckel. Sie hob eine Plastikschüssel heraus. Darin lagen T–Bone–Steaks in Öl.

Christian sagte: »Das ist eine Geschenk von meinem Vater. Die Steaks sind seit drei Wochen eingelegt. Die sind so mürbe, die kann man fast schon ohne Messer essen.«

Dagmar dankte und schob das Plastik in den Kühlschrank.

»Die Kühlbox muss ich heute wieder mitnehmen, die gehört meinem Vater«, sagte Christian und trug sie hinaus, in den Vorraum, und stellte sie dort ab, wo er seine Schuhe hingestellt hatte. Wohl, um die Kühlbox ja nicht zu vergessen. Wir setzten uns zu Tisch. Dagmar und ich nebeneinander, gegenüber Christian und Angelika. Ich teilte das Püree aus dem dampfenden Topf aus, und als es zu den Faschierten Laibchen kam, sagte Christian: »Für mich nicht, bitte.«

»Warum denn nicht?«

»Ich esse Fleisch nicht so gerne.«

»Warum hast du mir das nicht gesagt?«, herrschte Dagmar ihre Tochter an.

»Es tut mir leid«, sagte Christian.

»Es geht nicht um Sie, Herr Christian, es geht um Angelika. Die ganze Zeit liegt mir meine Tochter mit allem Möglichen in den Ohren, aber das Wichtige erfahre ich natürlich nicht. Etwas Ayurvedisches hätte ich kochen können, oder … es tut mir leid.«

Angelika sagte: »Mum, ich habe es nicht gewusst. Echt nicht.«

»Ich mag Kartoffelpüree, wirklich«, sagte er.

Dagmar sprach das Tischgebet, ich verschränkte meine Finger unter dem Tisch und senkte den Blick, bis sie fertiggesprochen hatte. Als jeder von uns seinen ersten Bissen getan hatte, fragte ich: »Die Idee, uns Steaks mitzubringen, die hatte dein Vater, nicht wahr?«

Christian nickte. »Ich kann ja nicht mit leeren Händen das Haus einer Gefährtin betreten, hat mein Papa gesagt.«

Ich fragte: »Ist dein Vater ein Gefährte?«

»Nein.«

Er machte einen Bissen vom Kartoffelpüree und sagte: »Das schmeckt ausgezeichnet.«

Und dann sagte er: »Ich habe Papa gesagt, dass Angelika eine Gefährtin ist. Da hat er gesagt, Christian, pass auf, dass du das ja gut hinkriegst.«

Dagmar hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Grinsen zu verbergen. Christians Blick bewegte sich tastend zwischen Püree, Angelikas Händen, seinem Glas Orangensaft, Dagmar und mir hin und her. Und in dieses Schweigen hinein sagte ich, wie toll ich es fand, dass Christian nun bei uns sei. Und dass Angelika so viel Positives erzählt habe, und so fragte ich ihn nach diesem und jenem, bis seine Antworten flüssiger kamen und er lächelte. Er erzählte sogar, dass er nach der Matura Veterinärmedizin studieren wolle, um den Tieren ein menschenwürdigeres Dasein zu geben. Ja, er sagte wirklich »menschenwürdig«.

Beim Marillenkuchen erzählte ich vom Vorschlag des Abts, eine Gedenkfeier für Alexandra zu machen. Dagmar fand die Idee sehr gut, typisch sei das für Abt Perntaz, der einem ja stets zu helfen wisse. Sie kannte ihn ja noch von früher. Und fand es schade, dass der Abt nun der Abt war, und dass sie es viel lieber gehabt hätte, er wäre Seelsorger in Friedstatt geblieben. Weil er zuhören konnte.

»Aber er ist schon ein verschlossener Mensch«, sagte sie.

»Wen meinst du?«

»Na, Abt Perntaz. Er ist offen, das merkst du an seinen Fragen. Aber er ist auch verschlossen. Mehr als zwei Sätze am Stück redet er nur, wenn er eine Messe liest«, sagte Dagmar.

Angelika sagte, dass sie bei der Feier für Alexandra dabei sein wolle. Aber mit Christian. Und Christian fragte, wer Alexandra war. So erzählte ich ihm von Bettina und von meiner toten Tochter, und da schaute er mir in die Augen, zum ersten Mal an diesem Abend. Dann war das Essen fertig, und Angelika fragte, ob sie nun ins Zimmer gehen könnten. Dagmar nickte. Angelika stand auf. Christian auch – aber Angelika sagte, er solle erst in zehn Minuten nachkommen.

Angelika ging hinauf. Christian blieb sitzen.

Ich fragte ihn, wie es denn käme, dass er Vegetarier sei. Bei einem Vater, der Fleischer ist, doch sicherlich nicht einfach.

Christian sagte: »Ich bin leider kein Vegetarier. Daheim geht das nicht. Mein Vater ist sehr engagiert. Biologische Landwirtschaft. Nachhaltige Viehzucht. Er hat gute Kontakte zu den Bauern und unterstützt sie sehr.«

Er nahm seinen Pullover, den er auf seine Stuhllehne gelegt hatte, in beide Hände. Hielt ihn mit beiden Händen vor seinen Bauch. Er sagte: »Ich war dreizehn. Da habe ich meinen Vater begleitet. Zu einem Bauern. Der hatte seine Kühe auf einer Alm. Es war ein wunderschöner Nachmittag mit Wolken und Sonne und Kühen und mit einem Geräusch.«

Christian ballte eine Faust, legte sie auf die Tischplatte. Und pochte. Tock. Tock.

»Ich habe mich umgeschaut. Wo so ein Geräusch herkommen konnte. Da war eine Kuh. Die stand an einem Gatter und schlug mit der Stirn gegen den Holzpfahl. Tock. Ich habe gefragt, was mit der Kuh los ist. Tock. Vor zwei Tagen hatte man ihr Kalb abgeholt.«

Christian beugte sich vor und flüsterte: »Man muss doch die Dinge selbst gesehen haben, nicht wahr? Aus eigener Anschauung. Das ist wichtig. Darum war ich einmal auf einem Schlachthof.« – Er atmete ein. Er knetete den Pullover. Er atmete aus. – »Ich habe das Töten gesehen. Ich habe das Schreien gehört. Ich habe das Bluten gesehen. Und das schlimmste war: ich habe sie gerochen. Diese Angst. Ich habe die Angst gerochen. Das ist nichts, was ich Angelika gleich erzählen wollte, oder? Das ist doch okay, oder?«

Ich nickte. Dagmar nickte.

»Aber bitte, sagen Sie meinem Vater nicht, dass ich kein Fleisch mag, ja?«

Ich wollte etwas sagen, aber dann nickte ich doch nur. Dagmar sagte: »Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Ihr beide könnt euch ruhig duzen«, sagte ich und wies darauf hin, dass Dagmar mich monatelang und sehr hartnäckig gesiezt hatte. Dagmar lächelte.

»Ich bin Dagmar« sagte sie.

»Christian«, sagte Christian. Er räusperte sich. Er sagte: »Das Kartoffelpüree war ganz ausgezeichnet, Dagmar.«

 

Themengebiet Prosa, Romanprojekt "Violanum"
Schlagwort

Eva Jancak meint: Die Neugier steigt, wann kommt das Buch jetzt endlich in die Buchhandlungen, bis ich es dann wieder im Bücherschrank finde, wird es dann noch dauern und ich hab bis dahin wahrscheinlich wieder zwanzig Bücher geschrieben...

24. April 2012
Beitrag 975

Seither hatte sich der Gegenwartspunkt ein Stück weit verschoben …

… ein winziges Stück vom Anfang der Welt zu ihrem Ende, der Raum der Vergangenheit war größer geworden, der Raum der Zukunft kleiner.

(Herbert Zand: Letzte Ausfahrt. Roman der Eingekesselten. Seite 71)

Große Worte sind das. An denen halte ich mich fest, wenn mir mein Denken zu schlammig ist.

Themengebiet Romantagebuch
Schlagwort ,

23. April 2012
Beitrag 974

Den Morgen festgehalten. Nach dem sich die Literaten getroffen hatten.

Der Morgen nach dem Treffen des Grazer Autorinnen und Autoren Kollektivs GRAUKO. Blick auf die Welt um Veronikas Haus.

(Suchrätsel: Wo ist die Katze?)

Themengebiet Vom Rand des Schreibens
Schlagwort

22. April 2012
Beitrag 973

John Steinbecks Warnung vor einer bösartigen Falle

Beware of a scene that becomes too dear to you, dearer than the rest.

It will usually be found that it is out of drawing.

Quelle: Brain Pickings

Ja. Ja. Ja, so recht hat er, und so oft habe ich nicht darauf gehört! So oft falle ich wider besseres Wissen auf sie herein, auf diese schönen Szenen, diese wunderbare Textstellen, die ach so lesungsgeeignet sind, wo die Zuhörenden sagen: Der Mann kann so gut schreiben! Das sind Fallen. Schlimmer: Das sind Sirenen. Schlimmer: Da nützt kein Festbinden am Mast, kein Wachs in den Ohren. Da hilft mir nur ein Opfer für meinen Schreibgott.

Themengebiet Erfahrungen anderer Autoren, Schreibtipps
Schlagwort , ,

Eva Jancak meint: Jetzt brauch ich, glaube ich, eine kleine Nachhilfe. Was ist damit gemeint? Die schönen Sätze, die eigentlich kitschig sind, nicht tief genug oder nicht richtig Deutsch? Denn da würde mir jetzt nur was anderes einfallen, was mich schon lange stört. Das zum Beispiel, das sehr negative, Thomas Bernhard einbegriffen als große Literatur gefeiert wird, obwohl eigentlich nur geschimpft wird, daß die Leute bei einer Lesung lachen, wenn jemand geschrieben hat, daß er Menschen als Versuchskaninschen in einem Käfig hält, daß wir alle Krimis lieben, weil wir eine mörderische Seele hätten und blöd sind, wenn wir die uns nicht eingestehen, während das leisere, positvere oft für schlecht und kitschig gehalten oder übersehen wird