„Schau, Timon. Du bist noch jung, du bist gesund.“

Dieser Text ist gestern entstanden; ich stelle ihn online, um zu zeigen, wie ich im Roman den Roman anspreche. (Timons Mutter besucht ihren Sohn in jener Ortschaft, wo seine Freundin umgekommen ist.)

»Schau, Timon. Du bist jung, du bist gesund. Du hast einen Beruf, du hast etwas gelernt. Bei dir ist noch alles möglich. Du brauchst nicht mehr traurig sein.« Ich hätte gerne gesagt: Mutter, das verstehst du nicht, ich habe Dinge gesehen. Aber ich habe keine Dinge gesehen. Es fühlt sich bloß so an. Wenn ich all diese Dinge aufschriebe, die ich nicht gesehen habe, aber von denen ich spüre, dass sie da sind, um mich, seit Jahrhunderten, in den Leuten, hier in Friedstatt – was müsste das für ein Roman werden? Eine faustdicke Handschrift vielleicht, mit schweren Seiten aus dickem Pergament. Oder es würde wie ein Bild werden, mit leuchtender Ölfarbe auf die Leinwand gespachtelt. Oder wie mit aller Wucht auf Trommeln geschlagen. Oder wie ein Feuerwerk mit Erschütterungen, die selbst dort zu spüren sind, wo das nächtliche Aufblitzen nicht mehr hinkommt. Mir fällt jetzt kein griffiger Vergleich ein, und mir ist keiner eingefallen, als ich neben Mutter zum Südtor gegangen bin. Dort fragte sie mich: »Ist es da drinnen passiert?«
Ich nickte.
»Du wirst wieder eine Frau finden«, sagte sie.
»Du solltest dich rasieren«, sagte sie.

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