Der Bub im Pool

„Mir ist urkalt hier. Den Pool habe ich vom Vater zum Geburtstag gekriegt. Schauen Sie sich ruhig um. Heute ist keiner da, die Dienstboten haben frei. Ein schönes Haus, gell? Das gehört unserer Familie seit hundert Jahren oder zweihundert oder so, aber das weiß ich nicht genau. Wir haben achtundvierzig Zimmer. Das weiß ich genau, weil die hab ich gezählt. Ich kann sie Ihnen zeigen, wenn ich hier fertig bin. Die Familie ist das Wichtigste, sagt der Vater. Und unser guter Name. Sie kennen unseren Doppelnamen, der steht auf fast jeder Senftube. Wir müssen alles tun, um den guten Namen rein zu halten, wegen dem Senfgeschäft, sagt er, darum hat er aufgehört, mit Mutter zu streiten. Sie hat jetzt ein Zimmer dort im Westflügel.

„Ich habe nicht gewollt, dass uns mein Bruder Schande macht. Weil Schwule sind eine Schande, hat mein Vater einmal auf einer Versammlung gesagt. Da waren viele Leute, die ich aus dem Fernsehen kenne. Und alle haben geklatscht. Darum habe ich mir diesen Pool gewünscht. Obwohl ich Schwimmen gar nicht mag. Ich bin jeden Tag hineingegangen und habe so getan, als ob das urtoll ist – damit mein Bruder auch ins Wasser kommt.

„Sie fragen mich, woher weiß ich das mit dem Schwul, wo er doch erst elf Jahre alt war? Mein Vater sagt: Die Schwulen sind ganz anders. Und mein Bruder war ganz anders. Er war immer so dünn, wissen Sie, weil er so wenig gegessen hat, und er hat einen großen Kopf und blaue Augen gehabt. Mein Vater sagt: Schwule interessieren sich nicht für Mädchen. Und mein Bruder hat sich nicht für Mädchen interessiert. Er hat lieber am Computer gespielt.

„Im tiefen Wasser habe ich ihn untergetaucht, bis er nicht mehr gestrampelt hat. Das war urleicht, weil er so dünn war. Dann habe ich ihn ans Ufer gezogen, bin zu meiner Mutter gelaufen und habe geheult. Und was hat sie gemacht? Sie hat sich über ihn gebeugt, ihm in den Mund geblasen und auf die Brust gedrückt, und dann hat er wieder geatmet. Jetzt wissen Sie, warum ich hier so lange warten muss.

„Mein Bruder musste ab dann gefüttert werden. Geredet hat er auch nicht, er hat nur in die Luft gestarrt mit seinen blauen Augen und hat nur gelächelt. Das war schlimmer als schwul. Denn die Leute können glauben, sein Hirnausfall kommt vom Senf. Also habe ich den Rollstuhl zum Pool gefahren und habe ihn hinein gekippt. Meinen Bruder, meine ich. Er ist von alleine untergegangen. Zum Glück habe ich nicht ins kalte Wasser müssen.

„Dann hat meine Schwester die Briefe gefunden. Irgendein Mädchen hat sie ihm geschickt. Die hat geschrieben, dass sie traurig ist, dass mein Bruder ihr nicht mehr schreibt. Das hat er ja nicht können, weil sein Hirn kaputt war. Das mit den Briefen war mir echt unangenehm. Weil er ja nicht schwul ist, wenn er mit Mädchen was macht. Und ich habe mir gedacht: wenn jemand herausfindet, dass ich ihn umsonst umgebracht habe, dann ist das urarg. Wegen der Schande. Die Briefe habe ich meiner Schwester weggenommen und zerrissen und die Papierschnitzeln weggeworfen, und meine Schwester hat geschrieen. Ich hab was tun müssen, dass sie mich nicht verpetzt. Heute noch, weil Mutter will nächste Woche den Pool abreißen. Der bringt Unglück, hat sie gesagt.

„Natürlich tun mir die Kratzer im Gesicht weh. Aber es ist nicht so arg. Aber mein Bein tut viel mehr weh. Weil sie hinein gebissen hat. Das brennt echt arg. So, jetzt bin ich fertig. Mir ist so kalt! Bitte geben Sie mit das Handtuch dort. Jetzt zeige ich Ihnen mein Stickeralbum – ich habe alle Fußballer von der letzten WM.“


Dies ist der erste meiner Texte, der veröffentlicht wurde.

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