Der Hochzeitsleser

Folgende Rede hielt ich 2002 auf einer Hochzeit:

Die Braut hat mich gebeten, dass ich heute für ihre Hochzeit etwas Selbstverfasstes lese.

Das möchte ich nicht tun.

Bitte, meine Damen und Herren, nehmen Sie das gelassen hin. Ich will es begründen.

Das erste Mal, als man mich als Hochzeitsleser haben wollte, wie habe ich mich gefreut!

Viel Mühe habe ich mir mit dem Text gegeben. Etwas Persönliches sollte es sein, humorvoll, leicht. Als Thema hat sich das Vorleben des Bräutigams angeboten. Eine schöne Geschichte sollte es werden, von einem, der nichts ausgelassen hatte, der die Mädchen und später die Frauen reihenweise flach gelegt hat, und der blitzartig geläutert wurde, als er seiner Braut begegnet ist.

Ich habe einige Anekdoten erzählt, habe ihn aber nicht als Casanova hingestellt, sondern als tragisch-komischen Suchenden. Und die Leute haben gelacht! Als Höhepunkt kam die Geschichte mit der Stewardess beim Rückflug vom einem Kongress. Wenn ich gewusst hätte, wann die Beziehung der Brautleute begonnen hatte, ich schwöre es, ich hätte diese Geschichte nicht erzählt! Jedenfalls ist die Braut aufgestanden, er hinterher, sie hat ihm ins Gesicht geschlagen, er spricht seither nicht mehr mit mir. Sie auch nicht. Und ich glaube, die beiden haben auch nicht mehr miteinander geredet seit der Scheidung.

Das zweite Mal, als man mich als Hochzeitsleser haben wollte, war ich mir meiner Verantwortung voll bewusst. Nichts Verfängliches, und kein Lachen um jeden Preis!

Ich kannte den Bräutigam recht gut; ein Pünktlichkeitsfetischist, für den ein Tag ein fragiles Gefüge von Terminen war, die minutengenau aufeinander abgestimmt sein mussten. Und wenn sich ein Termin verschoben hat, dann ist das Gefüge zusammengebrochen, und der Tag war misslungen. Er ist Uhrmacher von Beruf, daheim hat er zwanzig Wanduhren gehabt, die auf die Sekunde genau synchronisiert waren. Zeit ist sein Lebensinhalt gewesen.

Die Braut hingegen war gelegentlich unpünktlich; das gab Anlass zu Unstimmigkeiten. Ich wollte die Situation entspannen und erfand eine Fabel. Keine Menschen, nur Tiere, was gibt es Unverfänglicheres? Eine kindertaugliche Handlung, sogar die jüngsten haben gelacht, ging es doch um eine Häsin, die zu spät kommt und dadurch dem Jäger entgeht. Und der Bräutigam hat seine Braut umarmt und hat sie „Meine Häsin“ genannt, und ich war glücklich, und das Paar war glücklich, und alle waren glücklich.

Dann sind sie auf Hochzeitsreise gefahren. Sie haben in mehreren Ländern Station gemacht, und er ist schon nervös gewesen, wenn sie bloß eine Stunde vor Abflug am Flughafen angekommen sind. Und als sie dann tatsächlich eine Maschine versäumt haben, in Boston war das, da hat sie geweint, und er hat sie angeschrieen und ihr gesagt, er halte das nicht aus, und ihre Unpünktlichkeit wird noch einmal sein Tod sein.

Wir alle haben im Fernsehen gesehen, was eine Stunde später mit dieser Maschine in New York passiert ist, am 11. September.

Ich habe sie nach der Scheidung wieder getroffen, und sie hat erzählt, dass er sich nicht einmal mehr traut, pünktlich in einen Zug einzusteigen und dass er seinen Job verloren hat, weil seine Uhren immer nach gingen. Damit wolle er Menschenleben retten, hat er gesagt. Und immer hat er die Geschichte von der unpünktlichen Häsin erzählt, wenn sie gemeint hat, er soll doch wieder Ordnung in sein Leben bringen.

Das dritte Mal, als man mich als Hochzeitsleser haben wollte, da habe ich mir geschworen: Kein Einmischen mehr in das Leben der Brautleute! Und vor allem: kein Versuch, lustig zu sein!

Darum habe ich einen preisgekrönten Reisebericht vorgelesen. Alle waren fröhlich und angeheitert, bis ich zu lesen begonnen habe. Es ist schnell leise geworden. Gelegentlich hat jemand gestöhnt. Und als ich fertig war, war es so still, dass man das Geschirrklappern aus der Küche gehört hat. Alle haben hergestarrt. Das hat wohl eine Minute so gedauert. Die Braut ist bleich da gesessen. Der Brautvater hat irgendwelche Pillen aus einer Schachtel gefischt. Die Brautmutter hat stumm den Kopf geschüttelt. Dann hat sich der Bräutigam geräuspert und gesagt: „Danke.“

Er hat den Musikern gut zugeredet, dass sie wieder aufstehen und weiterspielen. Keiner hat getanzt, die ersten Gäste sind heimgegangen. Er hat mich gefragt, warum ich ausgerechnet heute etwas über das Kriegsgefangenenlager von Irkurzk vorgelesen habe.

Dann ist die Braut auf die Toilette gerannt und eine Weile dort geblieben. Sie hat dann den ganzen Abend nichts mehr gesagt und nichts gegessen und nichts mehr getrunken.

Monate später hat mir die Braut eine Karte aus Irkurzk geschickt, sie hat geschrieben: „Hier im Lager kann ich mithelfen, dass unsere Welt eine bessere wird, und richte meinem Mann liebe Grüße aus.“

Immerhin sind die beiden noch verheiratet. Oder so.

Deshalb will ich nicht mehr lesen. Ich hoffe auf euer Verständnis.

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