Himmel, Arsch und Zwirn oder: Die Pflicht des Autors, an die Grenzen zu gehen

Als Autor sehe ich es als meine Aufgabe, Extreme auszuloten. Zusammenfügen, was sich sträubt, zusammen zu gehen. Ich mache das für mich, um über das Leben zu lernen und um das Leben intensiv zu spüren. Ich mache es für die Leser, stellvertretend für sie begebe ich mich auf Grenzgänge.

„Ich habe meine ersten Jahre als Schriftsteller für Texte verschwendet, mit denen ich bloß niemanden verletzen oder schockieren wollte. Ich hatte Schiß vor der eigenen Courage, Angst, ich könnte jemandem auf den Schlips oder in den Arsch treten“ – So lässt es Karl Hofbauer (GRAUKO) einen fiktiven Autor erklären, in der folgenden, grotesken Kurzgeschichte.

Himmel, Arsch und Zwirn

Auf die Frage, ab welchem Zeitpunkt er sich selbst als ernstzunehmenden Schriftsteller gesehen habe, antwortete der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Autor Max Imilian: ”Ab dem Tag, an dem mir klar wurde, daß man sich nichts scheißen darf.”

Max Imilian, der schon einige Jahre in Irland lebte, konnte und wollte seine steirische Herkunft nicht verleugnen und machte in dem Live-Interview auf Radio Steiermark häufig von deftigen, lokalen Wendungen Gebrauch.

Der in der Steiermark ebenfalls sehr bekannte Radiojournalist Kaiser wollte daraufhin wissen, was Max Imilian denn genau damit meine, wenn er sage, man dürfe sich nichts, und hier spitzte der Radiojournalist Kaiser die Lippen, bevor er fortfuhr, ”scheißen.”

”Ganz einfach”, antwortete Max Imilian, ”du mußt erkennen, daß es für dich als Schreibenden keine Tabus geben darf. Du mußt erkennen, daß du über alles schreiben kannst, ohne dir von irgendjemanden dreinreden zu lassen. Und mit alles meine ich wirklich alles: Liebe, Tod und Teufel, Himmel, Arsch und Zwirn, Kardinäle und Kinderschänder, Sex and Crime, Politik, Poesie, Perversion, und, und, und. Du kannst, darfst und sollst als Autor über alles schreiben können, schließlich wird auch niemand gezwungen, deine Texte zu lesen.”

”Aber”, und jetzt blickte Max Imilian vom Mikrofon auf und dem Radiojournalisten Kaiser stichgerade in die Augen, ”wissen Sie, Herr Kaiser, was ich gemacht habe, bevor ich zu dieser Erkenntnis gelangte?”

Der Radiojournalist Kaiser blinzelte einige Male irritiert und schüttelte den Kopf, was aber die Hörer vor dem Radio nicht merkten.

”Ich habe meine ersten Jahre als Schriftsteller für Texte verschwendet, mit denen ich bloß niemanden verletzen oder schockieren wollte. Ich hatte Schiß vor der eigenen Courage, Angst, ich könnte jemandem auf den Schlips oder in den Arsch treten.”

”Denken Sie bei jemand an jemand Bestimmten?” unterbrach Kaiser Max Imilian, und hoffte, daß nicht allzu viele Hörer beim Sender anrufen und sich ob Herrn Imilians Sprache beschweren würden.

”Nun, in erster Linie meine ich damit meine liebe Familie, meine Freunde und Bekannten. Jemand Fremden auf den Schlips zu treten, damit hat doch niemand ein Problem, oder? Aber den eigenen Familienangehörigen verbal in den Arsch zu treten, das erfordert schon weit mehr Konsequenz und Disziplin. Schauen Sie, Herr König, was ich damit meine ist Folgendes.”

Der Radiojournalist Kaiser schaute irritiert, was aber die Hörer vor dem Radio nicht merkten.

”Nehmen wir an”, sagte Max Imilian, ”du hast einen schwulen Bruder oder Sohn. In diesem Fall fällt es dir naturgemäß viel schwerer, einen Text zu schreiben, in dem eine Figur, womöglich gar ein Bruder oder Sohn, schwul ist. Und warum?”

Der Radiojournalist Kaiser, der wie viele andere in der Medienbranche selbst ein homosexueller Bruder und Sohn war, rutschte unruhig auf seinem Drehsessel hin und her und hob fragend die Augenbrauen, was aber die Hörer vor dem Radio nicht merkten.

”Ganz einfach. Weil du befürchtest, daß es dein schwuler Bruder oder Sohn zuerst sehr persönlich und in weiterer Folge dir krumm nehmen würde. Und das möchtest du, wenn möglich, vermeiden, da du wahrscheinlich nicht allzu viele Brüder oder Söhne hast. Und für Schwestern, Töchter, Mütter gilt natürlich dasselbe.

”Das heißt, die einzige Möglichkeit, Liebesentzug durch die Familie und den Freundeskreis zu vermeiden, ist die innere Zensur. Aber die innere Zensur ist Gift für jeden kreativen Geist, weil sie aufgrund vorauseilenden Gehorsams keine Themen mehr übrig läßt, die man bearbeiten könnte. Und warum ist das so, Herr Herzog?”

Die rhetorische Frage drehte dem Radiojournalisten Kaiser die Augen über, aber das nahmen weder die Hörer vor dem Radio noch der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Autor Max Imilian wahr.

”Ganz einfach. Weil du meist gar nicht weißt, daß dein Bruder oder Sohn schwul ist, oder daß deine Schwester des Nächtens kiloweise Schokolade zuerst in sich hineinschaufelt und dann in ein Plastiksackerl kotzt und damit deinen jüngeren heterosexuellen Bruder furchtbar erschreckt, der im Nebenzimmer gerade mit einer Gummipuppe für das wirkliche Leben übt. Du weißt es nicht, und bloß auf die Befürchtung hin: Es könnte doch immerhin sein, daß…, läßt du es bleiben und kannst keine Texte mehr schreiben, in denen Figuren an Bulimie leiden oder Luftballons ficken. Innere Zensur!

Aus diesem Grund können Sie getrost alle Texte vergessen, die ich bis zu jenem Tag geschrieben habe, an dem ich beschloß, mich nicht mehr dem Diktat der inneren Zensur zu beugen. Mit Ausnahme meines zweiten Romans vielleicht, WER MIT DEM EISBÄR VÖGELT, den ich schon damals trotz innerer Zensur zu schreiben wagte, weil ich davon ausging, daß niemand in meiner Bekannt- oder Verwandtschaft intime Beziehungen zu Eisbären unterhielt. Als dann die ersten Leserbriefe von verletzten und geschockten Lesern aus Grönland und Alaska beim Verlag eintrafen, war das ein schwerer Schlag für mich. Ich überlegte sogar kurz, das Schreiben überhaupt sein zu lassen, aber genau so gut hätte ich mir vornehmen können, fortan nicht mehr aufs Klo zu gehen. Ich stellte mich also dem Problem, entledigte mich aller Skrupel, schiß auf die innere Zensur und schrieb in schneller Abfolge die Romane SÖHNE UND GUMMIPUPPEN, DER BLECHVIBRATOR, KOTZE AUF DEM HEISZEN BACKBLECH, MITTERNACHTSRINDER und SCHWEISZ AM STIEL, Teil 1, 2 und 3, die ja bekanntlich auch verfilmt wurden.”

Max Imilian hielt kurz inne, um Luft zu schöpfen, was der Radiojournalist Kaiser, der nur auf eine solche Chance gelauert hatte, sofort nutzte, um das Wort an der Gurgel zu ergreifen und zu fragen: ”Wenn man das alles auf einen gemeinsamen Nenner bringen möchte, könnte man also sagen, man darf als Schriftsteller einfach keine Rücksicht nehmen.”

”Ganz genau.”

”Auch auf den guten Geschmack nicht?”

”Schmick-schmack-schmock, was ist schon guter Geschmack? Wer bestimmt, was guter Geschmack ist? Soll sich doch jeder seine eigene Meinung über meine Bücher bilden, oder? Seien wir froh, daß Österreich noch eines jener Länder ist, in denen man sich seine eigene Meinung bilden und diese dann auch kundtun darf.”

Der Radiojournalist Kaiser stimmte Max Imilian erstmals zu und bedankte sich zähneknirschend bei ihm für das Interview. Es folgten Werbung, Nachrichten und Volksmusik.

Noch während der Nachrichten hörte der Radiojournalist Kaiser auf, Radiojournalist zu sein – das mißglückte Interview gab dem Indentanten die lang ersehnte Möglichkeit, Kaiser endlich zu feuern – und der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Autor Max Imilian hörte auf, Autor zu sein.

Als er das ORF-Landesstudio in Graz verließ, wurde er auf offener Straße erschossen.

Der Täter gab bei der Fest- und auch bei der späteren Einvernahme an, daß man mit so perversen Schweinen in der Steiermark immer schon aufzuräumen gewußt habe.

Nachdem der Mörder von Max Imilian zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, kam es in der ganzen Steiermark zu schweren Ausschreitungen von Sympathisanten des Mörders und zu öffentlichen Verbrennungen von Max Imilians Büchern. Um den Volkszorn nicht weiter anzuheizen, wurde die bereits geplante, posthume Verleihung des österreichischen Staatspreises auf unbestimmte Zeit verschoben.

Von Schriftstellern aus aller Welt trafen empörte Briefe ein, und Salman Rushdie ging bei einer Friedenskundgebung sogar so weit, die Steiermark mit dem Iran zu vergleichen.

Während der Skandal tobte, rieb man sich bei Max Imilians Verlag die Hände. Weil er kaltgemacht worden war, verkauften sich seine Bücher weltweit wie die warmen Semmeln und bescherten seiner teilweise schwulen, bulimischen, gummifraufixierten Familie ein Vermögen.

Sogar um sein Begräbnis rankten sich noch Skandale. Max Imilian hatte schon Jahre zuvor in seinem Testament bestimmt, daß auf seinem Grabstein ”Scheiß drauf” stehen sollte, was aber von der römisch-katholischen Kirche als direkte Aufforderung zur Grabschändung auf das Strikteste abgelehnt wurde. Seine sterblichen Überreste wurden daraufhin verbrannt, und auf seine Urne im Grazer Zentralfriedhof scheißen nun die Tauben.

© 2002 Karl Hofbauer, erschienen in “et cetera 1”, Juni 1998

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