Über das Erlebnis, eine Kaisersemmel mit Marillenmarmelade zu essen

Die Vermieterin wusste schon, welche Zeitung ich gerne las und brachte sie mir, gemeinsam mit dem Körbchen mit den Semmeln, mit diesen handgroßen Kaisersemmeln. Das mochte jetzt kitschig klingen, aber dieses fünfzeilige Spiralmuster, das war Österreich für mich … Zuerst noch meinen ersten Schluck vom schwarzen Kaffee (der nicht zu stark war, ich trank gerne zwei Tassen), und nun begann ich mit der ersten Semmel. Ich drückte mit dem Daumen auf eine der Wölbungen, hörte dieses resche Knacken und spürte die Krustensplitter, so wie du das nur mit wirklich frischem Gebäck erlebst. Ich schnitt die Semmel auf. Beide Hälften legte ich auf den Teller, die Kruste nach unten, die weiße, weiche Teiglandschaft nach oben. Das war Vorfreude! – Meine Lieblingshälfte war die dicke. Ihr zupfte ich ein Stück weichen Teig heraus und naschte. Mit dem Messer schabte ich Locken vom Butterquader und schmiegte sie auf dieses weiche, zarte, frische Weiße. Und nun die Marmelade. Von der Vermieterin eingekocht. Auf jedem Glas ein weißes Etikett mit rotem Herz. Obenauf die weiße Stoffhaube. Drinnen ein Schuss Marillenbrand. Das hatte nichts mit dem üblichen Aprikosenkonfitürezeug zu tun, das großteils aus Kürbisfleisch bestand. Das hier war aus Wachauer Marillen. Mit ganzen Fruchtstücken. Nicht mit dem Messer streichst du die Marmelade auf die Semmel, sondern mit dem Löffel hebst du die Fruchtstücke aus dem Glas. Das Saftige wird ein wenig vom weichen Semmelteig aufgesogen – und dann der erste Biss. Herzhaft hinein in das tiefe Weiche, das zugleich leicht knusprig war. Mit dem Kauen eröffnete sich die Marmelade mit all ihrer Süße, und ich spürte den leichten Widerstand der Marillenstückchen. Ich spürte das Harte, das Knusprige und zugleich das Sanfte, Weiche, und alles wurde getragen von dem runden, umrahmenden, umschließenden, satten Geschmack der Butter: Umami.

Im Blindtest würde ich versagen. Eine normale Marillenmarmelade im Vergleich zu diesen Wachauer Marillen. Das würde auch so mancher nicht unterscheiden können, der gut riechen konnte! Und für mich, der keinen Geruchssinn hatte? Für mich, der seit der Geburt eine taube Nase hatte?

Für mich machte es einen Unterschied. Dass die Fruchtstückchen wie Marillenstücke aussahen. Dass jedes Glas ein weißes Etikett mit rotem Herzen hatte. Dass obenauf liebevoll die weiße Stoffhaube gesetzt war. Und dass das Glas fünf Euro kostete, und nur dreiviertel so viel drinnen war wie bei dem Zeug, das ich im Supermarkt am Bahnhof kaufen konnte. Und alleine zu wissen, wie exklusiv das war, und dass es Reichtum war, hier sein zu dürfen und mit der Marmelade nicht sparen zu müssen – das machte für mich den Unterschied! Den ich nicht roch. Na und? Aber ich nahm ihn wahr. Mit jedem Bissen. Denn ich kaute langsam. Ich gab dem Gefühl die Möglichkeit, sich in mir auszubreiten – Ruhe, Wärme, und das ist doch dasselbe, worum es beim Riechen auch ging, nicht wahr? Um Gefühle. Um Wahrnehmen. Ich roch mit den Augen, mit dem Geschmack, mit den Fingern, mit allem.

(Diesen Text lese ich demnächst auf Radio Helsinki)

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