Kleine Online-Schreibwerkstatt 2/6: Eine Frau in der Grube.

Es ist toll, dass du bei unserer kleinen Schreibwerkstatt mitmachst!

Mitmachen ist ganz einfach: du fügst deinen Übungstext als Kommentar an diesen Blogbeitrag, und danach gibst dein konstruktives/wertschätzendes Feedback zu den Texten der anderen.

So hilfst du anderen, genauso wie die anderen dir helfen.

Hier die erste Übung:

Schreibe einen Text, zu dem dich obiges Foto inspiriert. Du brauchst nicht viel schreiben – sind es nur ein paar Sätze, so ist es auch gut.

Du hast 45 Minuten Zeit. Das Zeitlimit hilft dir, nicht zu lang zu werden.

Ziel dieser Übung im Rahmen der Schreibwerkstatt war, dass ich die neuen Teilnehmenden literarisch kennen lernte. Nach ein paar Sätzen war mir klar, wo der Autor literarisch stand, bei welchen der kommenden Übungen er sich schwer tun würde und wo sein individueller Lerneffekt dieser Schreibwerkstatt liegen würde.

Während die Schreibwerkstattneulinge an dieser Übung schrieben, hatte ich Zeit, mich um jene Leute zu kümmern, die mit Romanprojekten gekommen waren und sprach Textproben/Romankonzepte durch.

Danach fand die erste Feedbackrunde statt. Sie dauerte meist eine Stunde. Sie war deshalb so ausführlich, weil jetzt die Teilnehmenden lernten, gutes Feedback zu geben und mit Feedback konstruktiv umzugehen.

Und wenn du damit fertig bist, dann sieh dir hier den Vortrag über wertschätzendes Feedback an…

74 Gedanken zu „Kleine Online-Schreibwerkstatt 2/6: Eine Frau in der Grube.“

  1. Ich folgte Ryan über die schmalen Sandwege, die zwischen den Ausgrabungsstätten entlangführten. Zu beiden Seiten fiel das Gelände mehr als drei Meter tief ab und ich musste mich darauf konzentrieren, nicht mit den Schuhen über die weichen Ränder der Wege abzurutschen.

    Als wir bei der letzten Ausgrabungsstelle angekommen waren, stand Ryan´s Frau mit einem Zollstock in der Hand in der Grube, sie hatte uns nicht kommen sehen. Ich war ein wenig nervös, obwohl ich sie bisher kaum kennengelernt hatte. Bei einem Geburtstag von Scott hatten wir einige Wochen zuvor ein paar unverbindliche Worte gewechselt. Aber von Ryan wusste ich, dass ihr Verhältnis in letzter Zeit angespannt war, was nicht zuletzt daran lag, dass ich mittlerweile mehr Zeit mit ihrem Mann verbrachte, als sie selbst.

    „Hey Mag“ rief Ryan ihr zu und sie drehte sich suchend nach uns um, blinzelte in die Sonne, die hinter unseren Rücken stand und sie blendete. Sie legte ihre Hand schützend über die Augen und als sie uns erkannte, legte sich sofort ein versteinerter Ausdruck auf ihre Lippen. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich wieder ab, packte eine kleine Tasche mit Werkzeug zusammen und klettert über eine schmale, verbeulte Aluminiumleiter aus der Grube.

  2. Ich folgte Ryan über die schmalen Sandwege, die zwischen den Ausgrabungsstätten entlangführten. Zu beiden Seiten fiel das Gelände mehr als drei Meter tief ab und ich musste mich darauf konzentrieren, nicht mit den Schuhen über die weichen Ränder der Wege abzurutschen.

    Als wir bei der letzten Ausgrabungsstelle angekommen waren, stand Ryan´s Frau mit einem Zollstock in der Hand in der Grube. Ich war ein wenig nervös, obwohl ich sie bisher kaum kennengelernt hatte. Bei einem Geburtstag von Scott hatten wir einige Wochen zuvor ein paar unverbindliche Worte gewechselt. Aber von Ryan wusste ich, dass ihr Verhältnis in letzter Zeit angespannt war, was nicht zuletzt daran lag, dass ich mittlerweile mehr Zeit mit ihrem Mann verbrachte, als sie selbst.

    „Hey Mag“ rief Ryan ihr zu und sie drehte sich suchend nach uns um, blinzelte in die Sonne, die hinter unseren Rücken stand und sie blendete. Sie legte ihre Hand schützend über die Augen und als sie uns erkannte, legte sich sofort ein versteinerter Ausdruck auf ihre Lippen. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab, packte eine kleine Tasche mit Werkzeug zusammen und klettert über eine schmale, verbeulte Aluminiumleiter aus der Grube.

  3. Lieber Alfred
    Meine Zeilen gelten dir. Ich danke dir für das Foto das du von mir in der Grube. Jeden Morgen so lange ich warte bis mein winziger Gaskocher geschafft hat das Wasser für meinen Kaffee zu der Temperatur zu bringen die es erlaubt einen mehr oder weniger trinkbaren Kaffee zu brühen, betrachte ich es die ganze Zeit. So viele Tage schon durfte ich Krümel für Krümel aus dieser Grube bergen. Immer mehr ist zu sehen wie hier gelebt wurde in längst vergangener Zeit.

    Du kennst die Leidenschaft die in mir wohnt. Die mich Tag für Tag wie von Geisterhand in diese Grube zieht. Die mich in mühsamster Kleinarbeit nach den Geschichten in den Sedimenten suchen lässt. Auch wenn es da scheinbar nichts bedeutendes zu finden geben wird. Ich brenne danach Spuren zu entdecken, die mir die Geschichten aus vor Millionen Jahren offenbaren. Du mein treuer Freund weißt das nur all zu gut.

    Wie oft schon hat mich die Sonne für die ich nichts weiter bin als jemand der in einer Grube steht, meine Haut verbrannt und auch gezwungen meine Suche nach der Vergangenheit den Geschichten den Schicksalen die diese Menschen bewältigen mussten für Stunden zu unterbrechen. Es waren Menschen wie du und ich und vielleicht haben sie genau so gelebt wie wir. Haben das selbe gegessen getrunken und auch ihre Frauen haben sich mit Goldenen Kleinoden geschmückt um ihren Traumprinzen zu finden. Haben vielleicht den selben Kampf ums Tägliche Brot gekämpft. Sind siegreicher als wir gewesen oder haben ihn verloren.

    Ob ich will oder nicht, … und du mein lieber Alfred der mich besser kennt als meine eigene Mutter, ich muss genau da sein in genau dieser Grube und ich muss da jeden Tag sein ob ich will oder nicht. Ich danke dir für dieses Foto.

    Deine Freundin Lisa

    Ps: Du weißt wo du mich findest. ;)

  4. die heiße Mittagssonne schien erbarmungslos auf Katharinas Nacken, doch selbst die Hitze konnten sie nicht vom Weitergraben abhalten. Jahrelang hatte sie von diesem Moment geträumt und nun schien er zum Greifen nahe.
    Das Adrenalin pochte in ihrem ganzen Körper und ließ sie die Erschöpfung vergessen. Katharina legte die kleine Schaufel beiseite und griff zu dem kleinen Besen den sie mitgebracht hatte. Schon seit Jahren war sie mit der Recherche und den Ausgrabungen beschäftigt gewesen und hatte einige herbe Rückschläge einstecken müssen. Doch nun schien es als hätten sich die Bemühungen endlich gelohnt. Katharina’s Atem wurde ohne dass sie es bemerkte schneller. Noch ein paar Minuten und sie würde wissen, ob sich die jahrelangen Mühen gelohnt hatten.

  5. Zusammen ein Haus bauen! Das wollten sie. Und jetzt hatten sie sich wieder gestritten. Wie jeden Tag der letzten Wochen. Über Nichtigkeiten. Als wären sie sich plötzlich Fremde geworden, die nur noch an einander vorbei laufen statt miteinander zu leben. „Timing, das Talent hatte ich noch nie“, sagt Rosalie zu sich selbst. „Ausgerechnet jetzt scheint alles in Schutt und Asche zu liegen. Am liebsten würde ich meine sieben Sachen packen und soweit fahren wie mein Tank mich bringt, aber machen wir uns nichts vor. Wenn die Eheschließung uns nicht ewig aneinander bindet tut es dieser Bauberatung ganz sicher. Verdammt, jetzt habe ich das schon 3 Mal nachgemessen und kann es schon wieder machen. Ich bekomme meine Gedanken nicht gefasst“. Mit einem tiefen Säufzer klappt sie den Zollstock zu, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und klettert aus der Baugrube. Während sie in ihr Auto einsteigt und die Musik laut aufdreht, nicht sie zustimmend mit dem Kopf. Das einzige was jetzt noch hilft, ist ein kühles Glas Aperol Sprizz mit Ausblick auf’s Meer. Im Radio läuft „This is the right time“ von Lisa Stansfield. „…. to believe in love“, singt Rosalie mit. Reizender Humor, Leben, welch reizender Humor!

  6. Der Fotograf
    Eigentlich wollte sie bloss kurz spazieren gehen, da sprach er sie an. Irgendwie passierte ihr das in letzter Zeit öfters. Diese Begegnungen mit Menschen, die plötzlich auftauchten und einfach nur kurz mit ihr plauderten – alt, jung, Mann, Frau. Ob es daran lag, dass sie einfach nur das machte, wonach ihr gerade war. So wie jetzt! ‚Hey, ich bin in Portugal. Gut, meine Freundin hat in letzter Minute den gemeinsamen Urlaub abgesagt, aber kein Grund zur Traurigkeit. Ich gehe jetzt noch mal hinaus und entdecke die Gegend ein bisschen.‘ – so dachte sie. Und jetzt stand sie da, in dieser Baugrube oder war es doch eher eine archäologische Schatzgrube, hielt einen Zollstock in der Hand und dachte: ‚Schon irgendwie verrückt‘! Sie lächelte heimlich, denn der Fotograf sah sie ja nicht!

  7. Gosh, es ist warm! Ich spüre, wie sich die erste Schweißperle bildet und langsam meinen Rücken hinunterrinnt. Die Mittagssonne brennt mir im Nacken. Die Luft um mich herum steht still. Keine einzige Brise, die etwas Abkühlung bringt. Und das bereits seit Tagen. Ich sehne mich nach der Klimaanlage im Hotel.
    Stell‘ dich nicht so an! Du hast dich selbst für diesen Trip und dieses Projekt entschieden! Und du wusstest ganz genau, was dabei auf dich zukommen würde. Ist das wirklich so? Habe ich mich für dieses Projekt aus freien Stücken entschieden? Mein Magen zieht sich für einen kurzen Augenblick zusammen. Je länger ich über diese Entscheidung, die bereits getroffen wurde, nachdenke, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass sie mir aufgedrängt wurde. Aaron weiß genau, wie sich Projekte verkaufen lassen. Nicht nur an Förderer und Sponsoren, sondern auch an Forscher. Am Ende war jeder, ich einbegriffen, genug davon überzeugt, dieses zähe, langjährige Projekt anzugehen. Ein Projekt, bei dem noch nicht einmal sicher ist, ob es zu einem Fund führt. Seit Wochen graben wir ohne Erfolg. Will er mich abseits vom Institut abstellen und mit einem hoffnungslosen Projekt betreuen? Oder sieht er in mir tatsächlich die nüchterne, aber gewissenhafte Archäologin, die kurz vor ihrem Durchbruch steht?

  8. Rebecca war verwirrt. Sie war sich sicher den ersten Quadraten richtig abgemessen und die Fundstücke ordentlich katalogisiert zu haben.

    Hatte in der Mittagspause jemand ihren Arbeitsbereich verunreinigt?

    Schweiß rann ihr den Rücken hinab und das rote Haar unter ihrem Strohhut klebte ihr an der Stirn. Allerdings brachte nicht allein die glühende Sonne sie zum Schwitzen

    Wer aus der Gruppe sollte ihr einen derart bösen Streich spielen? Oder war es vielleicht gar kein Spaß? Immerhin ging es hier um ihren guten Ruf als Archäologin und sie spürte genau, dass sie kurz vor dem Durchbruch war. Allerdings war nicht jeder und jede in ihrer Mannschaft davon überzeugt.

    Konnte Thomas ihr den Erfolg nicht gönnen? Störte es ihn, ständig im Schatten seiner Frau zu stehen und nur der Helfer zu sein?

    Nein! Sie schob den Gedanken von sich. Das konnte nicht sein, ihre Ehe beruhte auf Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung. Sie half ihm bei seine Projekten, er ihr bei den ihrigen.
    Sicher, es war nicht einfach, wenn beide die selbe Leidenschaft und Profession teilten, aber genau dass war es auch, das sie so tief mit einander verband. Jeder verstand den anderen ganz genau und wusste wie er sich fühlte. All die Höhen und Tiefen während ihrer Ausgrabungen durchlebten sie gemeinsam.

    Auch wenn jeweils nur einer die Führungsrolle innehatte, so war es doch stets ihr gemeinsames Projekt. Thomas konnte es also nicht gewesen sein. Aber wer dann?

    Katja vielleicht? Sie war von Anfang an die Rebellischste der Gruppe gewesen. Ständig stellte sie Rebeccas Entscheidungen als Leiterin in Frage und versuchte sie vor dem Rest der Mannschaft unglaubwürdig zu machen. Bisher war es Rebecca mit Geduld und Kompetenz ganz gut gelungen Katja im Zaum und die anderen bei der Stange zu halten.

    Wenn ihr aber jetzt durch Sabotage ein Fehler unterstellt wurde, wie wurden die anderen darauf reagieren?

    Sie musste mit Thomas die Situation besprechen. Vielleicht fanden Sie zusammen eine Lösung. Bis dahin würde sie einfach so tun als wäre nichts geschehen und so weitermachen wie vorhin.

    Sie nahm den Zollstock wieder in die Hand und sank auf den Boden. Auch wenn sie sich bei ihrer Arbeit oft in Erdbodennähe bewegte, so leicht würde sich nicht in die Knie zwingen lassen.

  9. Chapeau!
    Die Frau mit Hut…

    Sie wurde als Fachexpertin aus Spanien eingeflogen, um ein besonderes hartnäckiges Problem zu bewältigen. Juanita Fortaleza war die Tochter eines mexikanischen Bauingenieurs, die sich in der Vermessungstechnik im vergangengenen Jahr einen Namen gemacht hatte.
    Soooo selbstvergessen konnte Sie sein, wenn Sie

  10. Sie hielt den Zollstock in der Hand und schüttelte leicht ihren Kopf. „Unmöglich!“ murmelte sie . „Jetzt habe ich so sorgfältig gegraben und noch immer habe ich die erforderlichen Maße für das große Eichenfass nicht erreicht!“
    Tabea hatte schon beim Kauf dieses Hauses sorgfältig mitbedacht, dass sie endlich ihren langgehegten Traum von einem eigenen Weinkeller verwirklichen möchte und die Bedingungen, die dieses Anwesen geboten hatte, waren wirklich vielversprechend und führten dann vor einem halben Jahr auch zum Kauf. Nun waren die vielen Hektar des fruchtbaren Bodens, die bereits von den Vorbesitzern zur Kultivierung erlesener Reben genützt wurden, in ihrem Besitz. Immer wenn ihr das in den Sinn kam, spürte sie eine tiefe Freude, eine Leichtigkeit, auf der Suche nach Worten für diese Welle, die sie warm in sich spürte, war ihr nur der Begriff „daheim“ eingefallen, daheim und angekommen. Sie sah dass ausschließlich mit natürlichen Materialien gebaute Mauerwerk, dass eine warme Gemütlichkeit ausstrahlte und sie an die Häuser ihrer Urlaube in der Toskana erinnerte. Gleich beim ersten Betreten dieses Hauses stieg ein Dejavu in ihr hoch und sie sah sich augenblicklich mitten in ihrem Traum.
    Der Keller war hervorragend geeignet für ihr Vorhaben und wurde schon immer als Lagerraum für den begehrten Traubensaft genützt. Nur für das große Eichenfass, in dem sie später dann einen Barrique produzieren wollte, für das mußte sie erst Platz schaffen. Daher grub sie händisch bereits seit Wochen unermüdlich ein Loch in den Lehmboden ihres Naturkellers und wunderte sich tagtäglich, dass sie weiterkam und dennoch von ihrem Ziel unendlich scheinende Zentimeter entfernt war.
    Als Frau so alleine mit einer Arbeit, die eigentlich Männerarbeit war, stählte zwar ihre Muskeln und gab ihr ein Gefühl von Kraft und Energie, trotzdem wurde ihr bei jeder Messung bewußt, wie sehr ihr jetzt ein Partner an der Seite fehlte, der mit ihr gemeinsam die Vorfreude auf die Fertigstellung teilen würde und mit dem sie selbstverständlich schon diese anstrengende Handarbeit, das Buddeln und Graben längst erledigt hätte.

  11. Sie hatte es endlich gefunden. Die Wasserleitungen lagen vor ihr. Judith hätte schon gar nicht mehr damit gerechnet. Vier Monate suchte sie danach. Endlose Tage in unmenschlicher Hitze, weg von daheim, übernachten in Zelten, schlechtes Essen und meistens kein Handyempfang. Sie hatte fast die Hoffnung verloren und wollte die letzten Tage sogar fast schon aufgeben. Seit Tagen hatte sie schon nicht mehr mit Max gesprochen. Das letzte Mal hatten sie sich im Streit getrennt. Judith wusste nicht, ob die Beziehung überhaupt noch halten würde. Seitdem hatte sie kein Netz mehr. Und sie konnte mit niemandem darüber sprechen. Und das viertausend Kilometer von der Heimat entfernt. Erbarmungslose Hitze von fast vierzig Grad im Schatten, und ganz in der Nähe hatte ein Krieg begonnen. Das Archäologen waren zwar nach außen ein Team, aber innerlich tobte der Konkurrenzkampf. Wer würde den Zugang zu der antiken Stadt finden? Sie kamen aus fünf verschiedenen Ländern und von zehn verschiedenen Universitäten. Schon hatten alle die Hoffnung aufgegeben. Die wenigsten glaubten noch wirklich an diese Stadt, nach der sie suchten. Auch Judith war nahe dran zu verzweifeln. Zu viele Entbehrungen hatte sie auf sich genommen. Doch tief im Innern trieb sie etwas weiterzumachen, entgegen aller Ratio. Und jetzt sah sie die Wasserleitungen. Es war zwölf Uhr Mittag, brütende Hitze, als unter ihrer Schaufel die erste Öffnung auftauchte. Im ersten Moment traute sie ihren Augen nicht. Doch dann grub sie weiter und sah die zweite und die dritte. Sie, Judith, die jüngste Archäologin im ganzen Team, hatte den Zugang zu der sagenumworbenen Stadt gefunden.

  12. »Mist, Mist, Mist!« fluchte Carmen, als sie in der Baugrube stand und einfach nicht mehr weiterkam. Alles hätte so schön werden sollen. Ein altes Häuschen renovieren, mit einem schönen Fachwerk. Doch dieser Traum war schnell ausgeträumt. Die Holzwürmer hatten ihnen die Balken unterm Hintern weggefressen und die Füllung des Fachwerks hielt auch keinem näheren Blick stand. Deswegen wurde alles bis auf den Keller runter abgebrochen und ein neues Häuschen sollte darüber entstehen. Carmen hatte sich einige Tage frei genommen, um bei den Bauarbeiten zu helfen. »So schwer kann das doch nicht sein!« hörte sie sich selbst noch zu ihrem Mann Holger sagen. Weit gefehlt. ›Maurer und Zimmermänner machen doch nicht umsonst ihre Ausbildung‹, gestand sich Carmen seufzend ein.

  13. Schreibwerkstatt 1/6

    Die Frau in der Grube

    Da wurde sie kurz ganz still, wahrscheinlich um glaubhafter zu erscheinen. Wie sie konzentriert den Meterstab untersuchte, als versuche sie zu rekapitulieren, was der Reisegruppenleiter erzählt hatte. Wie ihr dabei die ungefärbten, blonden Haare strähnenweise ins Gesicht fielen. Sie ließ keinen Zweifel offen, dass sie aus vollstem intellektuellen Interesse in diese Lehmgrube geklettert war. Dass der Worker-Look ihr dabei ausgesprochen gut stand, war reiner Zufall, und dass ich verblendet und gehemmt von Neid und Missgunst war, stand auch außer Frage. Hinterherklettern, wäre eine Option, interessiert und schön sein, doch dafür war ich nicht spontan genug. Und nicht schön genug. Riemchensandalen mit Keilabsatz, dazu eine lockere kurze Hose, die Beine epiliert, aber blass. Ein weißes T-shirt und kein Schmuck. Im Hotel hatte mir mein Look gefallen. Im Vergleich war er langweilig. Immer ein wenig zurückhaltend, bloß kein mutiges Statement abgeben. Camila dagegen war ganz anders, voll strahlenden Selbstbewusstseins trug sie die blaue Latzhose, ein geripptes Unterhemd und ein breites Lächeln unter strohiger Hutkrempe. „Komm auch!“, rief sie und ich lächelte voller Scham unschlüssiger Unimpulsivität. Die anderen waren inzwischen weitergegangen, um die fertigen Lehmhütten zu besichtigen, Brot zu essen, wie die Menschen es früher gegessen hatten und bloß nicht zu lange in der Hitze stehen zu müssen. Während ich zögerte, schien auch Camila zu zögern. Vielleicht war sie einen Schritt zu weit gegangen in ihrem Übermut. Auch Eduardo war inzwischen weit entfernt und folgte den anderen, verbotenerweise rauchte er eine Zigarette und sah in dem Kakifarbenen Shirt, dass am Rücken leicht spannte, wie immer extrem gut aus. Ich hätte mich ihm mit ein paar entschiedenen Schritten nähern können, um auch zu rauchen, oder nur zu reden. Ich blieb natürlich stehen und sah Camila zu. Ich handelte stets loyal. Sie kletterte inzwischen die Leiter hoch, um aus der Grube herauszuklettern. Ich wartete. Camila hielt mir ihre Hand hin, ich zog sie hoch. Ich weiß nicht, wessen Fehler es war, doch plötzlich fielen wir beide kopfüber in die Grube. Ein Erlebnis, das war mir gleich klar. Ich lag auf dem Rücken, sie auf dem Bauch und wir schienen uns beide nicht ernstlich verletzt zu haben. Ich beobachtete, wie sie reagierte. Sie fluchte. „Mein Gott, das tut so weh! Warum hast du uns nicht halten können?“, fragte sie zu mir herüber. Ich zuckte mit den Schultern und lächelte. „Ist doch nichts passiert, oder?“. Ich stand auf und hielt ihr die Hand hin. Sie stand ohne meine Hilfe auf und klopfte sich die Hose ab. „Alles gut bei euch?“, rief da eine Stimme von oben. Eduardo. Camila schaute hoch und fing plötzlich an zu lachen. „Mein Gott, wir sind in eine Grube gefallen! Schau uns an, wie dreckig wir sind!“ Sie hörte nicht mehr auf zu lachen. „Mach ein Foto, los, mach ein Foto!“, befahl sie und stellte sich grinsend neben mich. Ich stimmte grinsend ein. Anschließend wurden wir aus der Grube gezogen und alle schauten uns an. Camila erzählte was passiert war, während ich auf mich selber achtete. Ein stechender Schmerz an meinem linken Bein. Ein kleiner Rinnsal roten Blutes, der daran herunterlief. Spontan fragte ich Eduardo, der zwischen uns stand, nach einem Taschentuch und zeigte ihm mein Bein. „Du hast dir ganz schön wehgetan“, sagte er. „Ja“, sagte ich und sah ihn an. Er hatte kein Taschentuch, doch bevor ich jemand anderen fragen konnte, fasste er mich an der Hüfte und schob mich sanft in Richtung Schatten, unter die Pinie am Wegesrand. Er stützte mich, während ich mich auf den Boden gleiten ließ. Er zog sein T-shirt über den Kopf und drückte es gegen die Wunde, versuchte sogar, einen Druckverband anzulegen. Es war lächerlich, aber wunderschön und ich wagte nicht zu atmen. Ich schloss die Augen und ließ mich von ihm auf den Rücken legen. Die Pinie duftete, die Grillen zirpten und der leichte Schmerz ihn meinem Bein machte den Moment perfekt. Da stand er auf, um zu sehen, ob Camila sich verletzt hatte.

  14. „Wusstest Du, dass sich auch die Ägypter schon in so einer Art SPA entspannt haben?“ Angelique konnte ihren Blick nicht von ihrer neuesten Entdeckung lösen. „Dieses hier muss ein Tauchbecken gewesen sein. Oh wie aufregend! Mit Frischwasserzulauf, damit das Wasser auch schön kalt bleibt.“
    Es war Mittagszeit und sie stand in ihrem Loch in der sengenden Sonne, doch ihre emotionale Spannung überlagerte ihre körperliche Sensibilität deutlich und sie spürte nicht, dass sie sich dringend eine Pause gönnen sollte. Im Gegenteil, wie im Drogenrausch beflügelte die Hitze und der Wassermangel ihre Sinne und ihre Fantasie. „Hier müssen wir weiter machen. Hier könnte der Ansatz einer Treppe oder einer Sitzgelegenheit zu sehen.“
    „Angie, lass mal gut sein. Komm rauf unter die Persenning in den Schatten,“ rief ihr von oben ihr Chef zu und kommentierte ihren Fund mit keiner Silbe.
    Wütend hob sie ihren Kopf und mit der kurzen Bewegung merkte plötzlich, wie ihr schwindelig wurde und ihr die Beine wegsackten. Sie zerkratze sich die nachten, gebräunten Arme an den scharfen Wänden und der Zollstock in ihrer Hand zerbrach, als sie sich haltsuchend auf ihn stützte.

  15. Frau in der Grube
    01.07.2015

    Ich stehe.
    Stehe da.
    Aber ich steh mir weder die Beine in den Bauch noch einfach rum.
    Ich stehe da.
    Die Sonne scheint mir auf meine gebräunten Arme.
    Ich fühle mich erotisch.
    Mit einem Zollstock in der Hand. 75cm.
    „Viel Arbeit“, denk ich mir und lächle vor mich hin.
    Ich dreh mich um, sehe nach den vollen Eimern mit Erde. „Die müssen bald abtransportiert werden“, bemerke ich für mich.
    Ich stehe da.
    Aber ich steh nicht so wie sonst.
    Ich steh nicht irgendwo so rum und warte auf irgendwas.
    Ich stehe da in einer Grube.
    Inmitten von Staub, Geruch nach Lehm, mit Schweissperlen auf dem Gesicht, einem Sonnenhut, der mir in der gleissenden Hitze Schatten spendet und in den erstaunlich gut sitzenden Blaumannhosen von Roberto. Umgeben von Eimern, halbfertigen Mauern, Schaufeln und einer Leiter.
    Ich stehe da in einer Grube.
    Mein Haar ist rot.
    Ich stehe da in einer Grube. Nicht einfach nur so rum.
    Bin am Tun.
    Nicht einfach so.
    Bin überrascht von mir selber. Hätte mir das nicht zu getraut. Dieses Anpacken.
    Aber endlich steh ich da.
    In meinem zukünftigen Haus.
    Mein Haar ist rot. Und die Sonne brennt.
    75cm.
    „Ja, das könnte der Platz des Kühlschranks werden“, überlege ich, blicke zum Himmel und mein Mund zieht sich automatisch in die Breite, Mundwinkel leicht nach oben.
    Ich bin glücklich.

  16. Als ich das Memo geöffnet habe lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Nur noch 2 Wochen für den Rest der Ausgrabungen. Wieder zu meinen Großeltern zu ziehen war definitiv keine Möglichkeit mehr und mich durch irgendwelche Gelegenheit Jobs über Wasser zu halten, kommt einer Selbstverstümmelung gleich. Dass die Ergebnisse der Ausgrabungen, gelinde gesagt, nicht zufriedenstellend sind, macht die Sache auch nicht besser. Nach den ersten 2 Monaten war gerademal der erste Quadrant durchgearbeitet und eigentlich hätten noch vier folgen sollen. Es hilft alles nichts, ich muss nach vorne blicken. Thomas, ein alter Studienkolleg, den ich vor Wochen getroffen hatte, bot mir ein Job Angebot an. Allzu weit wär es von meiner jetzigen Tätigkeit nicht entfernt, dort haftet der Staub des vergangenen auch allem an, nur dass ich statt etwas auszugraben es eingraben müsste. Der Tot war nie ein Tabu-Thema für mich. Nach dem Tod meiner Mutter war die Leere in meinem Inneren weder beängstigend noch schlimm für mich. Als Bestatter kann es ja kaum schlimmer werden als wenig erfolgreiche Archäologin. Das einzige Gute daran ist das mich meine Mutter nicht mehr mit Ihrem „Ich hab’s dir ja gesagt!“ Blick in Rage treiben kann.
    Am nächsten Morgen suchte ich mir die Nummer von Thomas raus und rief Ihn an.
    „Thomas Bernsteiner, Bestattungen und Wegbegleitung, was kann ich für Sie tun?“
    „Hallo Thomas, hier ist Anna, Anna Ekten.“
    „Ohh Hi Anna, schön von dir zu hören, was kann ich für dich tun? Hast du deine Meinung geändert?“
    „Ja, scheint so.“
    „Gut, wann kannst du vorbeikommen, ich bräuchte eh noch Hilfe?“
    „Wie es dir passt, aber eigentlich sofort.“
    „Ja ist in Ordnung, dann bis gleich.“
    „Ciao.“
    Das lief ja mal nicht schlecht. Also anziehen, schminken und mit dem Rad aus der Stadt heraus. Die Firma von Thomas war außerhalb der Stadt, was viele Bewohner nicht als störend empfinden. Nach den ersten Kilometern konnte ich schon das Gebäude sehen, eine umgebaute Tischlerwerkstatt, vom Äußerlichen wenig ansprechend aber zumindest dezent. Die Ruhe auf dem Hof hatte etwas Beruhigendes und als ich über die Terrasse zum Haupteingang lief, bemerkte ich die hölzerne Statue neben dem Haus. Irgendetwas Eigenartiges haftete an dem verwitterten Objekt, so beschloss ich sie mir näher anzusehen. Bei näherer Betrachtung schien es eine Frau zu sein und irgendwie schien sie mir bekannt zu sein. Tief versunken in Gedanken bemerkte ich die Schritte von Thomas hinter mir nicht und erschrak als er mich ansprach.
    „Wie gefällt dir die Statue deiner Mutter?“.

  17. Ausgrabung
    Die Sonne steht sehr Hoch. Der kurze Schatten der Archäologin ist einer der wenigen in der Grabungsstätte. Ihr weiter Sonnenhut vergrössert ihn. Es ist sehr heiss. Ein blauer Kanister liegt auf einer Kante, ein gelber Schlauch schaut aus seiner Öffnung. Keine Wasserflecken liegen auf dem glattgefegten Gestein. Nur der Schatten des Schlauches schlängelt sich durch die Streben einer funkelnden Aluminiumleiter.
    Leere und volle Eimer, Grabungswerkzeuge.
    Die Archäologin hält ein Metermass in den Händen, drei andere liegen auf dem Boden des Grabens und durchmessen seine Breite.
    Wie eine ausgelaufene Badewanne liegt sie da, mit mehreren Abflussöffnungen, die, etwas grösser als Mäuselöcher am Rande des Grundes in der Dunkelheit des Tons verschwinden, alle mit einem tiefschwarzen, sichelförmigen Schatten versehen.
    An der abgerundeten Seite wirft eine spitze Kante einen gefährlichen Schatten auf den Boden.
    Die Grabungsstätte ist ausgeleuchtet, als wäre ein heller Scheinwerfer auf einen Tatort gerichtet.
    Aber das ist nur meine Empfindung gerade, der Hitze wegen, die vielleicht auch nicht wahr ist.
    Die Archäologin scheint nicht unter der Hitze zu leiden.
    Die Leiter scheint nicht sehr lange zu sein, sie ist an die Erdkante des Grabes gelehnt.
    Aber das ist im Moment nicht so wichtig.
    Es scheint alles geordnet zu sein, bis auf den umgefallenen leeren schwarzen Eimer, an dessen Henkel eine Leine geknotet ist.
    Eine rote Richtschnur simuliert eine Mauerkante…

  18. Für sie ist es immer ein Abenteuer. Schicht für Schicht legte Sie frei was für Jahrhunderte verschluckt war vom Staub der Zeit. Jeder Zentimeter war ein Menschenleben. Sie war nie hastig in dem was Sie tat. Behutsam, fast bedächtig, trug Sie Schicht für Schicht ab. Sie las in den Schichten sah Dinge die anderen Menschen verborgen bleibt. Da war Boden der wurde von Pflügen kultiviert, dann gab es Schichten die Wiesen Brandspuren auf. Dann Stieß Sie auf Spuren von Besiedlungen. Sie muss kombinieren, muss zusammenbringen, muss sich hineinfühlen in das was Sie freilegt. Welcher Sinn steckt dahinter. Wer waren die Menschen die in dieser Zeitkapsel in die Sie eindringt gelebt haben. Manchmal war das so stark, dass Sie noch das Lachen der Kinder hörte die hier einst gelebt hatten.

  19. Ich messe ab. Das Loch ist 1,50 mal ein Meter groß. Ich stehe bis zu dem Schultern in ihm. Die Sonne erreicht meine Füße nicht und doch läuft mir der Schweiß in Strömen. Warum hier und warum jetzt? Mike steht oben am Rand und wartet. Ungeduldig tippt er mit dem Fuß auf den Boden. So fest, dass kleine Steine zu mir herunterrollen. Er hält die Kamera. Zoomt mich heran. Ich drehe mich weg. Er soll mein Gesicht nicht sehen. Zu betroffen bin ich nach den Jahren der Suche und des Bangens. Der Untergrund ist reiner Sand, festgedrückt vom Gewicht der Last des oberen Grunds. Ich hoffe, die Wände halten. Aber Mike meint, es sei alles Paletti. Doch vor meinen Augen läuft ein anderer Film. 20. Oktober 1994. Sie, klein und mit leichtem Flaum an den Beinen und unter den Achseln. Nicht wissend an dem Abend, dass sie am Salzsee ihren Kameraden nicht wiederfindet. Lino, ruft sie, Lino, schreit sie. Wir sind am Haus und reichen uns die Teller und Schüsseln zum Abendbrot. Es wird langsam dunkel. Aber sie wird kommen. Sie hat sich nur etwas verspätet, ganz bestimmt. Später, ich wasche oben meine Hände. Mutter läuft in schwankenden Schritten die Treppe hoch. Sie sieht ganz anders aus. Der Hund ist zurück, aber sie nicht. Nein, ich weine nicht. Ich bleibe hart, so wie hier der Stein. Das Grab ist 1,50 lang.
    Mike, rufe ich und wende mein Gesicht der Sonne zu. Sie blendet. Doch da ist er nicht. Und keine Kamera. Nur die Eimer stehen da, gefüllt mit Sand, schwerem Sand.

  20. Sie erstarrte als ihr bewusst wurde was sie gerade entdeckt hatte. Sie war keine Anfängerin und wusste sofort was jetzt zu tun war, dennoch zögerte sie.
    Konnte das wirklich möglich sein ? Konnte sie wirklich recht gehabt haben ?
    Als Lieblingsstudentin von Professor Kramm hatte sie viele Privilegien, doch kostete es Mara viel Mühe ihn davon zu überzeugen genau an dieser Stelle zu graben. Immer wieder diskutierte sie mit dem Professor bis spät in die Nacht hinein und noch öfter verbrachte sie die Nächte damit zu recherchieren, um Prof. Kramm die nötigen Argumente zu liefern.
    Vor einem Jahr ist es ihr dann gelungen. Der Professor war zwar nicht ganz von ihrer Idee überzeugt, doch brachte ihn Mara dazu es auf einen Versuch ankommen zu lassen.
    Nun stand sie hier in dieser Grube und war von ihrem Fund überwältigt. Dieser Moment war es weshalb sie sich für das Studium der Archäologie entschied.
    All die harte Arbeit, die vielen Bücher und Karten die sie zu studieren hatte und die langen Diskussionen mit Prof. Kramm, all das hatte sich gelohnt.
    Die Sonne brannte, ihr Mund war trocken und sie konnte nichts anderes riechen als ihren eigenen Schweiß. Doch all das spielte jetzt keine Rolle mehr.
    Sie drehte sich langsam um und stieg bedächtig aus der Grube. Oben angekommen blieb sie wieder stehen. Sie überlegte wieder ob es wirklich wahr sein konnte, sie dachte nach ob sie irgendetwas übersehen hatte ob sie vielleicht zu voreilig war.
    In ihren Gedanken versunken ging sie weiter ohne das Treiben um sie herum wahrzunehmen, den Blick stets vor sich auf den Boden.
    „Nein, das muss es sein. Das ist es.“ murmelte sie vor sich hin, während sie den Blick hob und langsam anfing zu grinsen.
    Sie entdeckte das Zelt des Professors unter den vielen anderen und bemühte sich ihr grinsen verschwinden zu lassen.
    Die Zeltwände waren hochgerollt und sie sah den Professor über eine Karte gebeugt und mit dem Kopf schüttelnd. Er blickt auf und sah Mara wie sie auf ihn zukam.
    Er strich sich durch seinen grauen Vollbart und machte ein paar Schritte auf sie zu.
    „Mara, es tut mir leid. Wir haben alles versucht, wir sind so lange geblieben wie es ging aber es ist einfach nichts zu finden. Wir müssen lei…“ Der Professor hielt inne als er sah wie sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht breit machte.
    Er verstand sofort und seine Kinnlade klappte runter.
    “ Bist…bist du dir sicher ?“ fragte Professor Kramm.
    Mara nickte und fiel dem Professor um den Hals.

  21. Es kann nur Einen geben

    Es stand am Rand der Grube und sah auf sie herab, wie sie dort stand mit ihren roten Haaren.
    Sie war gerade dabei, eine quadratische Aushebung in der Grube zu vermessen. Bekleidet war sie mit einer blauen Latzhose, einem weißen Body darunter und einem Sonnenhut. Unter der braungebrannten Haut ihrer Oberarme zeichneten sich scharf ihre Muskeln ab. „Wo sie die wohl her hat?“ fragte er sich.
    „Für ihre 43 Jahre sieht sie noch ganz passabel aus, das muss man ihr lassen“, hatter er gestern morgen gedacht, als er sie das erste Mal gesehen hatte.
    Sie war mit einer Gruppe drei weiterer Helfer gekommen. Verstärkung, um die Arbeiten schneller voranzutreiben, Ihr Ruf als kompetente Frau vom Fach war ihr vorausgeeilt und er konnte nicht bestreiten, dass sie ganz den Eindruck machte, als wisse sie, was sie tue.
    Trotzdem – er konnte sie hier nicht gebrauchen. Ihre Anwesenheit war ihm ein Dorn im Auge. Nicht das er was gegen Frauen per se hätte – nein nein! Er hatte nur die nach seiner Ansicht berechtigte Befürchtung, dass sie ihm ganz gehörig in den Weg kommen konnte, seine Pläne gar gewollt oder ungewollt durchkreuzen konnte! Das durfte er nicht zulassen! Zu viel hing für ihn vom Gelingen seines Plans ab.
    Er musste sie loswerden, soviel war ihm im Laufe der schlaflosen Nacht klar geworden. Zum ersten Mal seit langem wünschte er sich, Mona und Rick wären noch auf seiner Seite. Mona wäre bestimmt was eingefallen, und Rick hätte die Drecksarbeit gemacht.
    Aber die beiden waren nicht da und das hieß, er war auf sich allein gestellt.
    „Los Mann, denk dir was aus!“, dachte er. Nur nicht zimperlich werden und dadurch alles aufs Spiel setzen.
    „Am Beste fahre ich erstmal ins Dorf und setze mich an die Bar. Wenn ich mich entspanne wird mir schon was einfallen“, beschloss er.

    Es musste wie ein Unfall aussehen, dass verstand sich von selbst.
    Keine Zeugen, keine Komplizen. „Die professionelle Damen muss einmal so richtig Pech haben“, dachte er und schmunzelte in sein Glas mit Gin.
    Was einem hier draußen so alles passieren kann – Giftschlangen, Skorpione, Hyänen.
    „Lächerlich“,schallt er sich selbst, „Wir sind hier nicht im Orientexpress“.
    Er könnte sie erwürgen und ihre Leiche anschließen im Sand verscharren. Er müsste sie nur unter einem Vorwand weit genug vom Camp fortlocken, sichergehen, dass ihnen niemand folgte und dann……
    …aber wie sollte er erklären, wenn er plötzlich allein zurückkam? Ganz abgesehen war er nicht der Typ dafür. Dazu war er dann doch schlicht zu feige, dass gestand er sich ein.
    Nein nein, einfach so verschwinden lassen war keine Option. Sie musste auf erklärbare Weise sterben, ohne das er mit ihrem Tod in Verbindung gebracht wurde.

    Er wankte schließlich auf sein Zimmer und legte sich ins Bett. Die halbe Nacht zermarterte er sich das Gehirn, bis er kurz vor Morgengrauen schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

    Als er am nächsten Morgen zerknautscht und verkatert bei der Grabungsstätte ankam traf er auf betroffene Gesichter. „Die Frau Professorin hatte gestern eine Autounfall. Sie kam von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Sie war sofort tot“, informierte ihn seine Assistentin.
    „Wie schrecklich“, sagte er und bemühte sich um einen erschrockenen Gesichtsausdruck. „Ich hatte mich so auf die Zusammenarbeit gefreut.“

  22. @ Marcella

    Ich finde es interessant, was du geschrieben hast. Als wenn du dich von dem Bild einfach mal hast treiben lassen.

    Ich mag deinen Anfang:

    „Schweiss, Angst, Verwirrtheit. Ich drehe mich um und schaue mir meine Kreation an. Viele kleine Türen, liegen alle aufeinander, warten darauf dass ich sie einsetze.“

    Das weckt Interesse auf das, was als nächstes kommt.

    Allerdings war mir das als Leser viel zu wirr. Ich habe nicht so wirklich verstanden, was los war. Es hat sich etwas so angefühlt, als würde die Frau sehr psychotisch werden in der Grube. Aber auch dafür fand ich es zu wirr. Ein paar solcher Gedankenketten finde ich durchaus gut, wenn sie gut platziert sind. EIn ganzer Text finde ich zu viel. Aber wenn es für dich einfach eine Übung war, dann ist es natürlich völlig ok.

    Deinen Schlusssatz „Mir fröstelt es.“ finde ich gut. ES steht im Kontrast zu der beschriebenen Hitze.

  23. @ THeresalink:

    Viele Stellen haben mir richtig gut gefallen:

    „Ihre Gedanken bewegten sich träge im Kreis und waren keine große Hilfe.“

    oder

    „Sie stieg aus der Grube und setzte sich auf die Leiter, um etwas Raum zwischen sich und dem Problem zu schaffen.“

    Durch letzteres habe ich den Eindruck gewonnen, dass es sich um eine rationale Power Frau handelt. Ich finde es super, wenn man mit so kleinen Aussagen den Charakter so klar macht.

    Den Anfang finde ich etwas schwach. Vielleicht kannst du bei so einer kurzen Geshcichte noch einen stärkeren Anfangssatz finden.

    Den Teil mit dem Pendant fand ich etwas kompliziert. Ich hab es irgendwie nicht so recht kapiert, was da das Problem war.

    Du änderst ja am Schluss die Perspektive, so dass der LEser in der Grube bleibt. Das finde ich sehr spannend und super. Ist zwar etwas schwieriger zu lesen. Aber ist ja auch eine Kurzgeschichte. Fand ich sehr gut und dein STilmittel „aus der Richtung, in der ihre flinken Beine…“ fand ich sehr schön. Obwohl ich „flinke Beine“ ersetzten würde durch etwas, was die Dramatik mehr betont. Bei flinke Beine denke ich an Biene Maja oder eine Ameise oder so.

    Ich finde, dass du einen super Sinn für außergewöhnliche aber sehr anschauliche Metaphern und Vergleiche hast, die du gekonnt einbaust. Aber ich würde sie in so einem kurzen Text sparsamer verwenden. Der störrische Esel war zwar gut, aber ich finde, er hat zu sehr von der Handlung abgelenkt.

    Liebe Grüße, Lisa

  24. @ Katrin:

    Dein Text liest sich sehr flüssig. Es gibt nur sehr wenige Stellen, über die ich gestolpert bin. Es hört sich so an, als ob du eine gute Geschichtenerzählerin bist!

    Inhaltlich fände ich es bei einer so kurzen Story noch stärker, wenn du die Betonung mehr auf das legst, was passiert, als auf die Hintergrundinformationen. Die Geschichte mit den Inkas kann man natürlich erzählen, aber ich persönlich hab mich dabei erwischt, wie ich es eher überflogen habe. Was ich noch interessanter finden würde, ist den „Ehrgeiz“ oder die „Sturköpfigkeit“ der Person zu betonen.

    Manche Sätze könntest du noch stärker formulieren, gerade am Anfang:

    Du hast folgendes geschrieben: „Die Ausgrabungen dauerten nun schon eine Weile, und es ging nur schleppend voran. Wieder und wieder bürstete sich Monika mit ihrem Team vorsichtig durch diverse Gesteinsschichten, leider erfolglos.“

    Vielleicht kannst du das noch dramatischer oder knapper zeigen oder einfach nur ein paar Wörtchen umstellen. Ich weiß jetzt aus dem Stand nichts anderes aber daran kann man ja feilen. Z.B. Könnte sie sich darüber ärgern, dass ihr eine Blase an der Hand aufgegangen ist und das für nichts und wieder nichts. Oder jemand ihrer Kollegen spricht sie an und sie starrt wie irre auf die Steine.

    Was ich gut finde ist die Stelle mit den Moskitos (Vielleicht kann das, wenn man es etwas umschreibt auch ein guter Anfang sein. Das vielleicht die Moskitos sie schon ins Auge stechen und sie wegen dem Schweiß etc. kaum noch etwas sieht).

    Ich mag deine Monika, die ist sehr gut greifbar. Ich fände gut, wenn am Ende noch was passieren würde. Auf jeden Fall wäre ein interessanter guter aber knapper Schlusssatz schön.

  25. @ Alexandra:

    Ich mochte dein Thema „Ehrgeiz“ und „Jemandem etwas beweisen“ sehr gerne.

    Ich denke den Anfang sollte man noch stärker machen als ersten Catcher. Das „Ich werde es ihm beweisen…“ ist ja super und interessant. Das „nachdenklich stand sie da“ finde ich eher überflüssig und wenig aussagekräftig. Das würde ich weglassen. Vielleicht eher „Ich werde es ihm beweisen…, dachte sie“.

    „dann klingelt ihr Handy.“ finde ich als Schluss schön, weil es Fragen aufwirft und das für eine so kurze Geschichte immer spannend ist.

    Ich fände es schön, wenn du einige Stellen, die du erklärst, vor allem das „Sie wollte keine Schwäche zugeben.“ eher nicht erklärst, sondern aufgrund der Handlung der Frau zeigst. Im Prinzip hast du das auch schon, weil du ja sagst, dass alle anderen Pause machen, während sie noch arbeitest. Das kannst du evtl. noch stärker ausbauen.

  26. Oh, hab leider zu spät gesehen, dass man nur 45 Min. brauchen sollte:

    Für den Rest ihres Lebens würde jeder Alptraum und jede unruhige Nacht mit dieser gottverlassenen Insel verbunden sein. Aber das ahnte Margret noch nicht, als sie mit ihrem Strohhut und dem Zollstock in der Grube stand. Es gab nichts, was sie hier vermissen würde. Sie würde die letzten Vermessungen vornehmen und dann mit der Mittagsfähre verschwinden. Peter war schon vor zwei Stunden abgereist. Sie rieb sich die Stelle, an der noch vor wenigen Wochen der Ehering gewesen war. Scheiß drauf, dachte sie. Diese Vorstellungen von einer heilen Familie usw. waren Kinderfantasien, mehr nicht. Dumm nur, wenn man mit seinem Exmann zusammenarbeitete. Sie klopfte sich den Staub aus der Hose und dachte: Wird schon wieder. Ich gehe zwar langsam auf die vierzig zu, aber dafür sehe ich nicht übel aus.
    Als Margret über das Kliff spazierte, wusste sie, warum der Investor so scharf auf ein Restaurant an dieser Stelle war. Man hatte eine phantastische Aussicht über das Meer. Die Touristen würden wie Schmeißfliegen kommen. Aber der Boden am Kliff war einen Dreck wert. Man konnte hier nicht mal eine Hütte bauen ohne einen Erdrutsch auszulösen. Na was soll´s, sie war bloß die Gutachterin. Das Nächste, was sie dachte, war: Oh, hier muss man aufpassen. Es geht richtig tief runter. Dann spürte, sie, wie ihre Beine auseinander gerissen wurden. Der Stein, auf dem sie gerade eben gestanden hatte, prallte mit einem Dröhnen in die Tiefe. Sie krallte sich mit den Fingerkuppen an einem Felsvorsprung fest. Mit den Fußspitzen suchte sie nach einem Halt, bis sie auf zwei schmalen Vorsprüngen balancierte. Die Steine waren so scharf, dass sie die Haut an den Fingern aufritzten. Der Strohhut rutschte in ihr Gesicht. Sie hörte, wie die Steine neben ihr auf den Felsen zerschellten. Ich werde hier sterben, dachte sie. Mit dieser Erkenntnis wurde alles um sie herum ruhig. Später würde sie auf die Frage, was ihre Zukunft am Meisten geprägt hatte diese stille Sekunde nennen, in der sie ihren eigenen Tot akzeptiert hatte.
    Plötzlich schloss sich eine Hand um ihr Handgelenk und zog sie nach oben.

  27. Schweiss, Angst, Verwirrtheit. Ich drehe mich um und schaue mir meine Kreation an. Viele kleine Türen, liegen alle aufeinander, warten darauf dass ich sie einsetze. Ich Dreh mich wieder um und schaue mir die Wände an die mich umgebenden. Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs, ES HÖRT NICHT MEHR AUF! Raus Licht! Dunkelgraues unwiderstehliches Ungeziefer. So heiss und schwer bist du auch! Du überforderst mich total.
    Ein Lichtblick. Ich brauche einen Lichtblick. Diese Arbeit, es gefällt mir nicht. Ich weiss gar nicht warum ich überhaupt hier bin. Habe Angst vor Türen.
    Ich denke nach. Mein Freund kommt mir in den Sinn. Vielleicht könnte er mir helfen? Warum habe ich ihn bloss verlassen? Ich verstehe mich nicht mehr. Ich habe den Faden verloren. Was waren denn bloss meine Motive damals? Wo bin ich überhaupt? Weshalb schaut ihr mich an? Ja du! Warum schaust du? Und was siehst du? Erzähl mir doch… Nein. Lieber lieber nicht. Ich bin eine Maus; jetzt hab ich’s. Gefangen in meinem eigenen Rad leeren verzweiflung. Ich finde den Anschluss nicht und das Ende nicht. Es kotzt mich alles an. Es tut mir auch gar nicht leid.
    Falk würde sagen: ich liebe dich. Ich würde sagen, nein. Oder eben nicht. Oder kein. Oder eben dicht. Dicht plötzlich.
    Mir fröstelt es. Im heissen Sommertag.

  28. @ Alexandra

    Schöner inhaltlicher Textaufbau. Hat mir gefallen. Für meinen Geschmack kannst du ruhig noch ein bisschen mehr ausschmücken. Und ein wenig den Satzbau variieren. Danke auch für dein Feedback

  29. @katrin. Die Beschreibung der Stimmung zu Anfang des Textes ist sehr gut gelungen. Die einzige Kritik ist, dass es sich wiederholt, dass sie Zweifel an dem Erfolg der Ausgrabung hat. Im ersten Absatz und im letzten Absatz. Ansonsten ein guter Text.

  30. @theresalink. Der Text klingt sehr professionell. Die Beschreibung der Stimmung und der Umgebung ist sehr anschaulich, vielleicht manchmal etwas zu lang. Die Erwartungshaltung ist sehr groß, man will wissen, um was für einen Fehler es sich handelt. Insgesamt ein sehr guter Text.

  31. Nachdenklich stand sie da. Ich werde es ihm beweisen, von wegen Frauen können das nicht. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonte er dies. Jedes Mal ärgerte sie sich darüber. Die Sonne brannte unerbittlich. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und machte sich weiter an die Arbeit. Die Anderen machten alle Pause. Sie gönnte sich diese Erholung nicht. Sie wollte keine Schwäche zugeben. Die Hitze war kaum noch auszuhalten. Doch sie grub und grub. Plötzlich entdeckte sie im Sand einen hellen Gegenstand. Sie nahm den Besen und kehrte vorsichtig die Erde zur Seite. Tatsächlich, es sah aus wie ein menschlicher Knochen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Er würde Augen machen. Bisher hatten sie noch nichts gefunden. Sie hatten schon Überlegungen angestellt, die Ausgrabungen hier zu beenden und an anderer Stelle fortzusetzen. Alle hatten dafür gestimmt, nur sie hatte sich gewehrt. Und ihre Beharrlichkeit hatte ihr nun den Erfolg beschert. Stolz nahm sie das Fundstück und legte es behutsam in einen Eimer. Sollte sie es ihm gleich berichten oder die Überraschung bis heute Abend aufheben? Was würde mehr Eindruck machen. Sie beschloss erst einmal, weiterzuarbeiten. Vielleicht würde sie noch etwas finden, dann wäre der Effekt noch größer. Es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben. Ständig spielte sie in Gedanken durch, wie er reagieren würde. Sie wurde immer euphorischer. Dann klingelte ihr Handy.

  32. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass die Männer bereits Mittagspause machten. Erst, als sie ihren Abschnitt sorgfältig freigelegt hatte, erhob sie sich mühsam. Die Hitze war unerträglich geworden. Ihre Gedanken bewegten sich träge im Kreis und waren keine große Hilfe. Und doch wusste sie instinktiv, dass sie irgendeinen Fehler gemacht hatten. Irgendetwas stimmte nicht. Sie wusste nur noch nicht, was es war.
    Alex hatte alle Berechnungen gemacht. Ausgerechnet Alex, der so gründlich war, dass man es kaum aushalten konnte, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Alex, der alles dreimal nachprüfte, bevor er sein OK gab. Er konnte sich unmöglich geirrt haben.
    Und doch war sie sich ganz sicher, dass sie irgendetwas übersehen hatten. Sie stieg aus der Grube und setzte sich auf die Leiter, um etwas Raum zwischen sich und dem Problem zu schaffen. Ein logisch-mathematisches Problem ist scheu wie ein Reh. Wenn du ihm zu nah kommst, verschwindet es mit einem Satz aus deinem Blickfeld.
    – Also, die Umrisse des Gebäudes waren eindeutig aus der Vogelperspektive zu identifizieren gewesen. Und, was die Umrisse anging, stimmte ja auch alles. Aber die Raumanordnung stimmte nicht mit der anderen Ausgrabungsstätte an der Westseite der Stadtmauer überein. Professor Stegert hatte immer wieder beteuert, dass es sich um das östliche Pendant handelte. Was also…?
    Pendant? Was genau war das noch gleich? Das heißt doch eigentlich Gegenstück. Und das bedeutet ja nicht, dass beide gleich sind. Eigentlich würde es eher dafür sprechen, dass sie sich spiegeln. Dann wäre dies…-
    Schon war sie auf der Leiter und jagte sie hinauf. Sie konnte einfach nicht die Geduld aufbringen, zu warten, bis ihre trägen Gedanken das Problem formuliert hatten, während ihre Beine bereits der Lösung entgegenstrebten.
    „Alex, David, wir haben uns geirrt“, klang es aus der Ferne, in welche sie ihre flinken Beine forttrugen.
    In der Grube aber stand die Hitze jetzt wie ein störrischer Esel und rührte sich nicht von der Stelle. Die Sonne hatte den Zenit erreicht und alles Leben in die wenigen schattigen Winkel verwiesen, welche die Ritzen zwischen den Mauersteinen und die Kanten der sandbraunen Felsen darboten. In den Stunden bis zur Dämmerung beherrschte sie das Feld, Und alle Messungen und Berechnungen, sämtliche Pläne, Fakten und Theorien verblassten angesichts ihrer allgegenwärtigen Kraft.

  33. Die Ausgrabungen dauerten nun schon eine Weile, und es ging nur schleppend voran. Wieder und wieder bürstete sich Monika mit ihrem Team vorsichtig durch diverse Gesteinsschichten, leider erfolglos. Sengend schien die Sonne am frühen Nachmittag und machte den Archäologen zu schaffen. Eine mühsehlige Plackerei war das. Und wofür? Sie hätten das Projekt längst abbrechen müssen, die Koordinaten konnten nicht stimmen. Hier gab es einfach nichts zu holen. Doch Monika blieb weiter unermüdlich und arbeitete sich Milimeter für Milimeter vorwärts. Ihre schweißnassen roten Haare klebten ihr strähnig in Gesicht und Nacken, Moskitos pisakten sie unaufhörlich, die Hitze klammerte sich an ihren Körper.
    Sie wollte es sich selbst nicht eingestehen, doch auch sie begann langsam an dem Erfolg der Ausgrabung zu zweifeln. Sie war sich sicher gewesen, sie wusste, hier würden die alten Grabstätten der Inkas zutage treten, über die so viel spekuliert worden war. Ausgeschmückte Theorien woben sich um diese Grabmäler.
    Die einen behaupteten, die Inkas hätten ihre Toten verbrannt und nur die Asche in bestimmten Tongefäßen tief in der Erde vergraben. Und zusätzlich zur Asche des Verstorbenen lägen die drei heiligen Totems darin: eine Blume, ein Stein und eine Feder, die der Seele des Toten helfen würden, sich in das Glied der Ahnenreihe zwischen den Welten einzureihen, damit die Seele Ruhe und den ihr gebührenden Platz in der Totenwelt finde, ohne sich zu verirren.
    Eine andere Theorie besagte, die Inkas hätten die Leichen der verstorbenen Mitglieder ihres Stammes nicht verbrannt, sondern die leblosen Körper drei Tage lang aufgebahrt und mit Blättern bedeckt. Dabei sei ein spezieller Totentanz getanzt worden, der von Trommeln und Flöten begleitet wurde, um den Seelen zu helfen, in die Welt des Jenseits hinüberzugleiten. Nach diesen drei Tagen sei der Leichnam in die Erde herabgesenkt worden.

    Monika wusste um diesen Streit in der Fachwelt. Sie hatte sich aufgemacht nach Ecuador, ein Team um sich versammelt, um endlich herauszufinden, wie es wirklich gewesen ist. Sie hatte sich durch die Widrigkeiten der Bewilligung und Förderung des Projekts durchgebissen, sie war seit Wochen an Ort und Stelle und strich und grub und kratzte, vermaß wieder und wieder Winkel um Winkel, und es geschah nichts. Ihre Ausgrabung verlief bis zum jetzigen Zeitpunkt völlig ergebnislos, und langsam meldeten sich auch bei ihr die ersten Bedenken. Ihr Kollege Thomas hatte sie vor zwei Tagen in der Mittagspause erstmalig darauf angesprochen, ob sie immer noch der Meinung sei, die Expedition könne gelingen. Energisch hatte Monika erwidert: „Was glaubst du wohl? Wir müssen jetzt einfach dranbleiben und dürfen nicht aufgeben. Und übrigens: Zweifel verlangsamen die Arbeit.“ Thomas hatte kurz genickt und knapp geantwortet: „Du wirst schon wissen, was du da tust.“

  34. Die Sonne brannte auf ihren Schultern. Der Hut war tief ins Gesicht gezogen, rieb immer mehr an ihrer Haut. Die Haare waren bleich von Wärme und Licht. Sie kämpfte sich Schicht um Schicht durch die Steinmassen. Tonnen toten Materials lagen wie ein Friedhof vor ihr. Der Schweiß lief und das Blut kochte. Lauras Herz bebte, denn alle Hoffnung lag in der schwarzen Kette. Ihre Muskeln brannten wie Feuer und das schon nach so kurzer Zeit. Wie lange würde sie noch durchhalten? Wie weit war der Weg noch? Lag die Kette für immer verborgen? Die Zweifel fingen wieder an, ihre Sinne zu trüben. Ob sie nun wollte oder nicht, sie musste diese Kette finden. Noch vor zwei Wochen hätte sie jeden für verrückt erklärt, der ihr gesagt hätte, sie würde im staubigen Bairo auf der Suche nach einem heiligen Artefakt sein. Flo hätte es nicht geglaubt und Tom schon gar nicht. Alles was die beiden interessierte, waren Mädchen. Sonst konnte man sie vergessen. Doch hier gab es Augenblicke, in denen Laura sie gerne dabeigehabt hätte. Tom hätte keine Mühe gehabt, die Steine zum Vorplatz zu schaffen…

  35. Ist es nicht erstaunlich, was wir alles aus ein paar Gesteinsschichten ablesen können?
    Wir erklären uns die Bewegungen der Erdkruste über Millionen von Jahren durch die Zusammensetzung des Gesteins und durch die Fossilien, die wir darin finden. Die Alpen waren einmal tiefster Meeresgrund, der sich gegeneinander aufschob und kilometerweit in die Höhe wuchs. Schatten auf der Luftaufnahme eines Feldes zeigen uns die Fundamente eines kleinen Dorfes, das unter dem Boden verborgen liegt, auf dem eine Familie seit Generationen Getreide anbaut. Das buddeln wir aus und finden ein paar Steine und Scherben und Metallstücke. Vielleicht auch Knochen. Nach sehr angestrengtem Nachdenken können wir dann sagen, wann diese Menschen hier gelebt haben und wie ihr Alltag wohl aussah.
    Wer buddelt uns mal aus? Wenn wir längst vom Meer verschlungen, durch Naturgewalt wieder an die Oberfläche aufgeschoben, irgendeinen neuen Acker bilden. Was lesen unsere Ausgräber wohl aus all unseren schwer verrottbaren Hinterlassenschaften? Ist unsere Epoche in Millionen von Jahren als Plastikschicht leicht im Boden zu identifizieren? Wird man die Jahrtausendwende an einem extrem hohen Vorkommen von AOL-CDs erkennen?
    Als Kind fand ich die Idee sehr lustig, dass unsere Autos eigentlich von stark gepresstem Dinosaurier angetrieben werden. Da hatte ich noch nicht darüber nachgedacht, dass ich vielleicht einmal selbst so enden werde.

  36. Beobachtend sitzend…
    Ein kleines Kind in die Tiefe blickend, voller Mut. Vertieft in Arbeit, des Vaters Schatten – was er wohl gerade tut?
    Ein Becken voller Wasser, soll es werden – um darin zu schwimmen, mit einem Boot. Das Kind, es kann es förmlich riechen – springt in die Tiefe, springt in den Tod.

  37. Ich werde mich einer Kritik entziehen… Gleichwohl möchte ich dem Wunsch von Thomas nachkommen. Mein persönlicher Eindruck zu Evas märchenhafter Geschichte… ein modernes Aschenputtel? ;-).

  38. Es ist mir zu viel Maß, zu viel Technik.
    Ich kann nicht Technik und ich kann nicht Maß. Das Handwerk. Maß. Messen. Technik.
    Es ist mir zu exakt. Zu regelhaft. Es lässt mir den Atem stocken. Meine Nerven jucken.
    Ich wäre beinahe Schneiderin geworden.
    Der Duft frischer Stoffe, das geschmeidige Fließen und üppige Bauschen. Betörende Farben und reizender Glanz.
    Konnte die Nadel nicht halten, stach mich in den Finger. Ich sollte einen Fingerhut nehmen. Der Fingerhut rutschte auf meinem Finger hin und her und die Nadel stach in die kleinen, eingestanzten Kuhlen der Metallkuppe.
    In den Finger pieksen ist angenehmer. Also ohne Fingerhut arbeiten. In den Finger stechen. Den Schmerz fühlte ich. Fühlte sich gut an. Das Tun stach lustvoll.
    Ich biss in das kleine Handmaß. Biss mit den Backenzähnen in das Plastik. Kaute auf dem zähen Teil herum.

    Ich möchte den Sand mit Wasser begießen, die nasse Matsche riechen, kleine Klumpen formen und auf der Zunge zerfallen lassen.

  39. „Ich habe so lang gesucht. Nun weiß ich selbst nicht mehr, was ich gesucht habe. Ein lange Reise liegt hinter mir, eine noch viel längere weiter vor mir. Ich denke nicht, dass ich am Ziel bin, denn ich habe immer noch nicht gefunden, was ich suche: und das bin ich.“

  40. Archäologie, wer wollte nicht auch schon nach alten verschollenen oder ausgestorbenen Tieren suchen. Denn die Frage über die Vergangenheit, wer war hier, als wir Menschen noch nicht da waren, ist ja hoch interessant. Oder auch die früheren Menschen. Wie haben Sie gelebt, wie sahen ihre Häuser oder sonstige Wohnungsstätten aus? Da kann viel erforscht werden. Jedoch ist es nicht so einfach. Es muss alles genau vermessen werden, damit alles für die Nachwelt dokumentiert ist. Danach folgt die große Aufgabe der Rekonstruktion. Alles soll wieder so aussehen wir vor tausenden von Jahren, jedoch nur stabilere und mit ein klein wenig moderneren Materialien. Dieser herausfordernde Job ist natürlich nichts für jedermann bzw. jedefrau. Tag für Tag in der knalle Hitze stehen, das schafft nicht jeder, es benötigt vor allem auch langes Durchhalte vermögen, bis ein ganzes Areal untersucht ist.

  41. Da stand ich nun. Was tat ich hier eigentlich? Wollte ich denn nicht eigentlich längst woanders sein? Wie kam ich hierher? Fragen über Fragen. In meinem Kopf schwirrten tausende kleine Insekten wild durcheinander. Ich denke, es liegt an meinem Hut, in dem ich ja mindestens auf einen Bienenstaat wie ein Imker wirken muss. Ich lächelte in mich hinein. ‚Ach, von wegen Bienen, das müssen eher Hornissen sein, die sich in deinem Kopf seit gestern angesiedelt haben. Du hattest schon immer das Talent, alles schön zu reden‘ mahnte meine innere Stimme.

    Ohh, wie war mein Leben bis vor einer Woche noch vollkommen. Naja, ich muss gestehen, aus der einen oder anderen Sicht mag mein Leben etwas chaotisch wirken, aber für mich unterlag bis heute alles einem großen Plan, einem Masterplan sozusagen, an dem wir alle nur stille Mitwirkende sind. Ja, Mitwirkende in einem nie enden wollenden Roman oder Maskottchen an Fäden, ja das traf es wohl besser.

    Ich setzte mich auf den kalten Boden, von modrichen Geruch eingehüllt, fröstelnd, rieb meine Schläfen und begann über alles nachzudenken. Bin ich froh, dass er mich jetzt nicht sehen konnte. Er würde lachen bis ihm die Tränen kämen. Ach was sage ich da, Lachen? Nein-prusten würde er, bis er nach Luft rang, seinen nicht vorhandenen Bauch haltend, krümmend vor Lachen! Nein, dieses Bild dürfte er nie zu sehen bekommen.

    Immerhin ist das die erste Leiche meines Lebens, nach der ich grub. Aber was ist, wenn sich mein Verdacht nicht bestätigte. Was, wenn meine Phantasie nur wieder mit mir durchgegangen war. Da war sie wieder, Frau Schwörgel, ich sah sie vor meinem geistigen Auge, wie sie sich vor mir aufbäumte und mahnend ihre drahtigen Finger erhob und mich anmahnte: „Sabrina Pfitzbürgel, deine Fantasie geht wieder mit durch!! Was soll nur später mal aus dir werden. Deine armen Eltern!“ Ich hasste meine Grundschullehrerin und das zu Recht. Würde sie heute vor mir stehen, würde ich ihr zurückschleudern: „Sie wollen wissen, was aus mir geworden ist? Da sehen sie doch selbst-eine Frau, die nach einer Leiche gräbt.“

    Und so beginne ich nachzudenken, wie alles vor einer Woche begann…

    Teil 2

    es war das Klingeln eines Telefones dass mich aufschrecken ließ, aber es war nicht meines, das war mir sofort klar und ich schaute neben mich und blickte in tiefe blaue Augen…

  42. Was tue ich hier eigentlich? Wie besessen starre ich nun auf den sandigen Boden, schon seit Stunden. Mittlerweile habe ich das Graben selbst übernommen. Ich bin umzingelt von Inkompetenz und Ignoranz. Alle sind sie nur auf das große Geld aus(nicht, dass ich dem völlig abgeneigt wäre). Grab weiter! Grab weiter! Die Hitze ist einfach unerträglich. Es ist diese erdrückende Nachmittagsschwüle, die einen ohnmächtigen werden lässt und einem das Gefühl gibt aus Wachs gegossen zu sein. Schweißperlen tropfen von meiner Nasenspitze auf den ausgetrockneten, rissigen Boden herab und verdampfen in Bruchteilen einer Sekunde. Hatte ich wirklich geglaubt, dieser kleine Abenteuertrip nach Jerusalem würde mich der Maske näher bringen? Ich meine, war ich wirklich so naiv? Offensichtlich warst du das, Anastasia. Schließlich haben dich dein Doktortitel und zehn Jahre Forschungsarbeit in Kairo auch nicht weit gebracht. Wieso also nicht alles auf einen anonymen Anruf setzen? Was bleibt denn sonst noch übrig? Verdammt, sie muss einfach hier sein! Grab weiter! Grab weiter!

  43. Beim Besuch der Ausgrabungsstätte im Nachbarort fällt mir eine Frau auf. Sie ist rothaarig, braungebrannt und steht in einer tiefen Grube. Konzentriert misst sie mit einem Meterstab Abstände aus. Professionell sieht das aus. Sie wirkt wie jemand, der sich nicht ablenken lässt von Nebensächlichkeiten.

    Wie ist das, sich den ganzen Tag mit Dingen zu beschäftigen, die lange vorbei sind? Man muss bestimmt viel wissen und können als Archäologe. Sicher ist dieser Beruf auch ganz schön langweilig. Wenn man im Museum stundenlang kleine Artefakte sortieren muss, zum Beispiel.

    Mich interessiert, was die Rothaarige da tut. Gerade, weil ich nicht weiss, was es ist. Womöglich misst sie nur den Neigungswinkel der Wasserleitung, was jeder Klemptner auch tun würde. Aber weil sie eine Frau ist, die an einem sonnigen Tag eine blaue Latzhose und einen Strohut trägt, wirkt es anders.

    Lange bleibe ich nicht stehen, weil ich mich nicht wohlfühle, wie ich so am Rand der Grube stehe und auf sie herrunterschaue. Dabei kann sie mich gar nicht sehen, wegen des grossen Strohhuts. Gerne würde ich sie fragen, was sie da tut, aber sie wirkt so versunken. „Hey Sie, was machen Sie denn da?“ nach unten zu brüllen, fühlt sich unpassend an, also gehe ich weiter.

  44. War es wirklich das, was sie sich erträumt hatte? Hier in dieser sengenden Hitze im trocknen Sand zu graben, in der Hoffnung einige Überreste längst vergessener Kulturen auszugraben? Spielte das wirklich eine Rolle für sie heute? Hatte sie deshalb nun alles aufgegeben, alles zurückgelassen?
    Sie wusste es nicht. Die erbarmungslose Hitze machte ihr das Denken schwer. Sie versuchte sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. „Lass doch das Grübeln! Es bringt dich sowieso nicht weiter. Wie viele Zentimeter waren es doch gleich? Ist mir doch egal.“
    Sie spürte wieder diesen Trotz in sich aufsteigen. Das kleine trotzige Kind, das immer nur Spaß habe wollte. Es hatte sie so lange genervt, bis sie ihm endlich nachgab, sich ein Sabbatjahr gönnte und – zumindest für ein Jahr – alles Gewohnte hinter sich gelassen hatte. Ja, bei Ausgrabungen hatte sie mitwirken wollen, etwas, wo sie ihre Hände brauchte, ihren Körper spürte und nicht den ganzen Tag unter diesem Leistungsdruck stand. Nun war sie hier und das war dem Kind in ihr anscheinend auch nicht recht. Es begann wieder zu nörgeln, ihre Aufgabe in Frage zu stellen, sah den Sinn nicht in dem, was sie tat.
    Was sollte sie denn dann machen? Wie lange sollte sie sich noch herumkommandieren lassen von dieser Stimme, die sie mit ihren 36 Jahren immer noch nicht recht einzuordnen wusste.
    Oh nein, da war es schon wieder geschehen. Kaum hatte sie sich vorgenommen, nicht zu grübeln, da ertappte sie sie schon wieder dabei.
    So ging es nicht weiter. Das war ihr klar. Etwas musste sich ändern und zwar sofort.

  45. Ich suche, ich suche und ich suche. Es gibt doch keinen Grund dafür. Aber ich suche. Und solange ich lebe, werde ich noch weiter suchen. Eine Frage verführt mich, wie süße Träume in der dunklen Nacht oder wie ein Stückchen Sonnenschein im düsteren Wintertag. Aber ich verstehe sie nicht. Diese seltsame Frage. Wir sind noch nicht bereitet, die Stimmen der Seele zu verstehen. Trotzdem mache ich mich auf dem Weg. Man darf weder schlafen noch aufgeben. Und der Sinn? Wo ist der Sinn? Ist es möglich, einen zu finden? Man sagt mir: „Beruhige dich…“ Ich höre nicht. Keine Zeit. Weiter suchen… Aber ich weiß nicht mehr, ob ich wach bin oder schlafe. Vielleicht befinde ich mich in den Tiefen meiner Seele, denn seltsame Gedanken überfallen mich. Lebendige Erinnerungen meines Lebens und ein wildes Verlangen nach Leben…

  46. Wir sind ein Team: ich der Fotograf und Sie die Archäologin. Am Ende werden die neuen Ausgrabungen fotografiert, der Fortschritt dokumentiert. Zu den endlosen Listen, die während jeden Arbeitsganges geführt werden, kommen am Ende des langen Tages noch die Fotos. Meine Fotos. Das Metermaß auf den Fotos stellt die Dinge in das richtige Verhältnis zueinander. Zu wissen, wie groß etwas ist, ist für die Wissenschaft äußerst wichtig. Ein Foto der Archäologin braucht die Wissenschaft nicht. Deshalb werde ich es auch behalten.

    Sie hat genau die richtige Größe, Sie ist klug und schön, Sie ist ausdauernd und – Sie riecht gut auch noch am Ende des langen Tages. Diese Erkenntnisse sind für die Wissenschaft unwichtig, stellen sie aber in das richtige Verhältnis zu mir: Wir sind ein Team. Wir sind ein sehr gutes Team: Sie die Schöne und ich Ihr Mann.

  47. Die Frau in der Grube

    Sie steht da, schaut auf ihren Zollstock, weiß nicht, was sie hier macht. Die Leiter ist sie hinabgestiegen, in die brütende Hitze der Grube. Sie ist froh, sich für den großen Strohhut entschieden zu haben, heute morgen.

    Drei volle Eimer stehen zwei leeren gegenüber. Was soll sie tun?

    Füllt sie die beiden leeren Eimer mit Sand und Steinen? – Dann weiß sie, was sie macht. Sie hat Archäologie studiert, jetzt nimmt sie an der Erforschung der Lebensweise in der Vergangenheit teil.

    Nimmt sie die drei vollen Eimer und füllt mit ihrem Inhalt den Boden auf? – Dann weiß sie, was sie macht. Sie hat ein ein altes Haus gekauft und renoviert es für ihre Zukunft.

    Vergangenheit oder Zukunft – die Entscheidung trifft sie – die Frau in der Grube

  48. Liebe ISOLDE:
    Ich bin durch und durch ein Realist und „tu“ mich schwer was Gefühle angeht. Aber Deine „Beschreibung“ des “ Bettina-Bildes“ hat mich berührt.( und sowas kommt bei mir sicherlich nur alle 100 Jahre vor) Aus Deiner Beschreibung spürt man die innige, zärtliche Beziehung von Bettina und ihrem Freund. Woraus diese innige Beziheung besteht: Aus Rücksicht und aus der Achtung die jeder in dieser Beziehung dem anderen „darbringt“. Und DAS kommt in Deinem Text so wunderbar heraus… dem anderen den Freiraum lassen. War nett zum Lesen Viele liebe Grüße Dorothea

  49. Diese Hut, diese Strohhut ohne Band wie die meine Mutter getragen hat. In diesem Loch möchte ich Sie begraben. Ihre Stimme Ihre Wesen Alles was Sie ist, weg unter die Erde nicht mehr sehen oder hören.

  50. Zu Jan: ein sehr schöner poetischer Text nur die Eiseskälte kann ich nicht ganz nachvollziehen, die erscheint mir ein wenig übertrieben oder ich müßte mehr von dem Erzähler wissen

  51. Es ist nicht viel, das nach dem Erwachen bleibt: eine Grube, ein paar Gerätschaften zum Messen, ein paar zum Abtragen und Wegschaffen von Erde und Stein, eine Leiter. Eine Frau.

    Man sieht den Blitz am Gewitterhimmel zittern. Man weiß, dass der Donner folgen wird. Eins, zwei, drei…beim Zusammenzucken nach dem Knall ist der Versuch, die Entfernung zum Gewitter abzuzählen, nur noch der Griff eines Kindes an den mütterlichen Rockzipfel gewesen. Die Erwartungshaltung nutzlos. Der Schreck erschüttert die Glieder. Manche Menschen haben Träume, die wie Donnerschläge sind.

    Ich habe einen solchen Traum. Einen, der beunruhigt, der in unregelmäßigen Abständen wiederkehrt. Distanz nicht abzählbar. Ich falle nicht in den Tod, werde nicht von einer bedrohlich wirkenden Gestalt verfolgt. Nichts in der Art, dass das Erwachen Rettung wäre.

    Sie trägt immer dieselbe Kleidung, hat immer dieselbe Pose. Ich stehe am Rand einer Grube und schaue auf eine Frau hinunter. Eine Venus in Arbeitskleidung. Weißes Unterhemd, blaue Arbeitshose mit Latz. Fuchsrotes Haar fällt auf ihre Schultern. Die Spitzen umspielen wie züngelnde Flammen ihre Brüste. Zarte Arme, von Staub bedeckte Hände, die einen Gliedermaßstab halten. Die rechte Schulter meinem Blick zugewandt, das Gesicht abgekehrt.

    Bevor sich das Bild wieder in Bewegung setzt, erwache ich. Es ist so scharf in meinem Kopf wie ein Foto vor Augen. Der Abdruck dieser Szenerie packt mich mit Eiseskälte, dass ich nicht erinnern kann, was ihr vorausgegangen ist. Das Erwachen bedeutet nicht Schutz, ist keine Linderung vor dem sich spannenden Schrecken, es ist sein Anfang.

    Ihr Gesicht.

    Was, wenn ich ihr Gesicht nicht beschreiben könnte?

  52. @Thomas: welch reizende Blogidee! Aus der der Blogger auch etwas mitnehmen kann;-) Ich wünsche dir einen guten Schreibsommer. ich ziehe mich die nächsten Wochen vom lesen und Schreiben zurück zur Malerei, erzählen ohne Worte:-) „Denn nichts ist klarer als das Werk…“ wie Roland Barthes sehr beZEICHNEND (Am Nullpunkt der Literatur) sagt. glg JuSophie

  53. @Fredi: hallo, wie mitreissend ist denn dieser innere Monolog der Frau:) Ganz der Sommerhitze angepasst! Mir gefällt dass mittels Felipe ebenfalls ein Bezeihungsgeschehen eingeflochten ist wie bei Isolde, dass du die Bildprotagonistin nicht im verklärten Blick eines verliebten mannes beschrieben hast, gefällt mir. Als mann eine Frau sprechen lassen, so wie Isolde als Frau einen mann sprechen lassen ist ein Hintergrundzuckerl für den allwissenden :) Leser/die Leserin.Auch die Idee mit der Information wonach sie sucht und was sie sich eigentlich wünscht gefällt mir, um das Ziel des Textes darzulegen.
    Auch in deinen Sätzen sind mir einige verbesserungswürdige Stellen aufgefallen, etwa zu oft „einmal“, oder umgangssprachliche Ausdrücke wie „vergisst er mir“…aber im Gesamten ein lesewürdiger Text der neugierig macht ob sie jetzt bekommen hat was sie nötig hatte oder nicht.
    lg JuSophie

  54. @Isolde:Die Idee mit dem Brief (des viell. Verliebten )Richards gefällt mir, stellt es doch gleich eine Beziehungsgeschichte her.Der Erzähler ist also nicht ein allwissender, sonder eine Figur die den Leser/die Leserin nicht nur neugierig auf Fortsetzung macht, sondern bereits soweit anspricht, dass er/sie den Brief zu Ende liest.Wenn ich das Bild genauer betrachte, kann der schattenführende Erzähler nicht gleichzeitig der Fotografierende sein, daher könnte es doch spannend(er) sein, eine dritte Figur einzuführen, ev. einen Helmut der in der Nähe steht und Birgit fotografiert und ihr das Foto auch schickt. Richard mag viell. ein wenig eifersüchtig sein, viell. hat er nicht so ein modernes handy mit dem er Fotos machen und verschickenen kann, so schreibt er – mit der Macht seiner Worte- (s)ein Werben um Birgit. Dreiecksgeschichten wirken nun mal spannender (im Leben wie) in Geschichten, lässt auch das offene Ende interessanter werden, als eine zu harmonische angepeilte Zweiergeschichte vom Schreibenden. Das Ziel, zum BIld eine ansprechende Geschichte zu verfassen ist gelungen.
    Nun sind mir noch einige Kleinigkeiten im Text aufgefallen
    .)3.Satz- „Du hast so ausgesehen …“ hier fehlt das Adjektiv und das so könnte weggelassen werden, kommt es doch eineige Zeilen später als satzanfang wieder (So konzentriert)
    .)Den Satz nach der Zwiespache halte ich persönlich für unnötig
    .)Kürzere Sätze würden meine Aufmerksamkeit als Leserin besser halten
    Eine gelungne Kurzgeschichte! Ich hoffe, ich durfte rückmelden auch ohne eigenen Text hier abgelegt zu haben lg JuSophie

  55. Kommentar zu Fredi, toll, was man aus dem Bild der Frau mit dem Hut für eine spannende Geschichte machen kann, hier dominiert ganz eindeutig die männliche Sprache und schon sind wir mitten drin im männlichen Chauvinismus, ganz und gar politisch nicht korrekt und deftig angereichert und wie ist das nun mit dem Säbelzahntiger, wie ist der bloß in die Baugrube gekommen? Das show not tell ist ganz eindeutig erfüllt und ich sehe alles ganz genau vor mir, wo vorher nur ein zartes fragiles Mädchen war, während Richard für Bettina eine zarte schöne Nachricht hat und dabei sehr viel beschreibt, was ich mir auch gut vorstellen kann, Pastellfarben fallen mir dazu ein und das ganze ist sehr schön beschrieben, der Kaffee und das eiskalte Wasser und man möchte weiterlesen, wie das mit der Beziehung der beiden war

  56. Auf der Suche nach dem Säbelzahntiger: „…einen halben Meter weiter links dort drüben…oder waren es doch zwei Meter nach rechts, als ich beim letzten Knochen nach links abbog?…vielleicht mal hinten graben und dann einen guten Meter nach vorne…oder ich nehm das Lot und pendle noch mal alles aus…ich weiß nicht, ich weiß nicht…es ist zu heiß zum denken…Pause…ich brauch eine Pause…wo bleibt nur dieser Felipe mit der Limonade, ich hab ihm doch gesagt ich bin durstig, dass der immer so lange braucht, dieser Felipe…wie schnell war ich dagegen früher, HA! Also es ist ein Kreuz mit der Dorfjugend, wenn die nur einmal arbeiten gelernt hätten…so ein lahmes Pack…alle! Alle lahm und ich schauffel hier und niemand bringt mir Limonade…oder ich nehm die Hälfte von vorhin, das wären dann fünfundzwanzig Zentimeter geradeaus…und dann mal tief nach unten buddeln…einfach mal da drüben buddeln vielleicht…dieser Scheiß Säbelzahntiger! Ich mag die alle eigentlich gar nicht…was würd ich geben für ein Mammut…so ein richtig großes Mammut, wo ich ein ganzes Jahr und länger buddeln könnte…ja so ein Mammut…oder eine Schatzkammer, eine Kutsche, weiß der Kuckuck was … und was?…wieder nur so ein Säbelzahntiger…vielleicht mal eine Limo trinken, Mensch ist mir heiß…dieser Hut wirkt einen Scheiß…wo bleibt dieser verdammte FELIPE!!! Wenn man den EINMAL braucht! Einmal soll der eine Limo holen…und wenn der kommt, hat der sicher die Zitrone vergessen! Vergessen immer die Zitronen! Das machen sie mit Absicht…bestimmt vergisst er mir auf die Zitrone…dieser Kerl…wenn der auf die Zitronen vergisst, oder keine Eiswürfeln drin schwimmen…ich sag´s ja…man muss alles selber machen…und wenn ich mal ganz woanders buddle? Weiter unten und dann geh ich noch mal fünfunddreißig Zentimeter nach rechts…hach! Hab ich einen Durst…wo nur dieser Felipe bleibt…

  57. ;-)
    Liebe Bettina!
    Wenn du dieses Bild auf dem Display deines Handys finden wirst, bin ich schon wieder in dem kleinen Café an der Ecke und tippe auf meinem Laptop. Ich konnte nicht anders. Du hast so ausgesehen, da unten in der Ausgrabungsstelle, dass ich dich einfach fotografieren musste. Dein Strohhut, der mir dein Gesicht wegnahm, mir aber dafür Strähnen deines schimmernden Rothaars überließ. Und die Sonne, die es sich auf deiner Schulter gemütlich machte und mir ein glänzendes Stück Haut schenkte. So konzentriert warst du, dass du den Schatten, meinen Schatten, über dir nicht wahrgenommen hast und wohl auch das leise Klicken des Fotoapparates nicht hörtest.
    Ein kleiner Augenblick mit dir für mich allein. Still bin ich dann weitergegangen, dich noch lange in meinem Kopf, in deiner blauen Latzhose, in der du zu schweben schienst, so viel zu groß ist sie dir.
    Der Stab, den du so zart in deinen Händen gehalten hast, als könnte er zerbrechen, hat deine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, ja, es schien mir, als würdest du mit ihm eine stumme Zwiesprache halten. Wohin du ihn wohl gelegt hast? Zu den anderen dreien, die schon da lagen?
    Jetzt kommt gerade mein Espresso, dazu ein Glas eiskaltes Wasser. Am liebsten würde ich zu dir gehen und dir das Wasser bringen. Aber ich werde es nicht tun. Ich werde hier sitzen bleiben und warten, bis das Licht schwächer wird und schwächer und du herausklettern wirst aus deinem faszinierenden Reich ….
    Dein Richard

    P.S. I couldnt resist ….:-))

  58. Da stand sie nun mit ihrem Hut, der das Gesicht verdeckte und schaute etwas ratlos vor sich hin. Eine Frau in der Baugrube ist wohl etwas ungewöhnlich und genauso fühlte sie sich. Nicht am Platz und nicht dazugehörend. Außerdem war es sehr heiß. Bald würde ihr der Schweiß die Stirne rinnen und ihr Makeup verwischen. Eigentlich hatte sie gar keine Ahnung was sie hergetrieben und was sie hier zu tun hatte? Ratlos also das Gerät in ihrer Hand betrachten. Was damit anfangen?, schien sie sich zu fragen und dabei sah sie gut aus auf dem Bild. Hergerichtet für ein Fotoshooting das Werbung für eine Sonnencreme, eine exquisite Rotweinmarke oder für den Baumarkt nebenan machte. So als würde sie auf die starken Kerle warten, den Prinzen, der die Prinzessin aus der Baugrube holen und auf dem Pferd in sein schönes Schloß bringen würde, wie es sich gehört und wie man sich das auch wünscht..

    1. Langweilig. Mit einer Mischung aus Verachtung und Fassungslosigkeit starrte Marla auf den Zollstock in ihrer Hand. Sie langweilte sich derart, dass sie darüber Übelkeit empfand. Wie sehr kann ein einzelner Mensch sich eigentlich langweilen, zur Hölle? In einer plötzlichen, fast krampfartigen Bewegung ließ sie den Zollstock zu Boden und sich auf den Mauervorsprung fallen. Was anschließend ihrem Mund entwich, hatte sie eigentlich als ein verzagtes Stöhnen angedacht, aber es klang mehr wie das trotzige Grunzen einer beleidigten Zuchtsau. Und dann noch diese Hitze, diese abartige Hitze. Bis zum Abend würde sich die Mutter aller Sonnenbrände in ihrem Nacken und auf ihren nackten Armen breitmachen, so viel war klar. Marla fummelte umständlich das knittrige Softpack Zigaretten aus der Brusttasche der Jeanslatzhose. Noch so ein Thema, diese Hose. Als sehr junge Frau hatte sie ähnliche Modelle mit fiebriger Leidenschaft und wildem Engagement getragen, damals, als sie der Ansicht war, jede Form weiblicher oder auch nur modischer Kleidung würde ihre feministischen Ambitionen bloß stellen und schnöde verraten. Sie würde sich nicht den Sexisten und bigotten Patriarchen beugen, sie nicht. Sie würde dem Chauvinismus die Stirn bieten, das Establishment verhöhnen… mit einer hässlichen Hose. Natürlich. Es dauerte lange, schlecht gekleidete und rückblickend peinliche Monate, bis sie eingesehen hatte, dass speckiger Jeansstoff dafür nur bedingt das veritabelste Instrument war. Was für bescheuerte Ideen sie in ihrem Leben schon hatte. Unfassbar. Und jetzt das hier.
      Der Tabak war so trocken, dass Marlas erster Zug an der krumpeligen Zigarette einen Hustenanfall provozierte. Sie schmeckte grässlich, was auch an dem Film Sonnencreme lag, den ihr Schweiß unablässig über ihre Lippen spülte. Als könnte ein Lichtschutzfaktor 10 dieser Sonne den Finger zeigen. Wieder so eine Idiotie. Tatsächlich verschwendete sie etliche Sekunden an die Überlegung, was sie wohl umbringen würde. Die Zigaretten, die Hitze oder doch die Langeweile? Konnte man an Langeweile sterben?
      Mit einem mal waberte Marla der vergangenen Abend ins Gedächtnis. Ein wirklich riesiger Nachtfalter hatte sich in ihrem Zelt verschwirrt und kreiste verzweifelt, unterbrochen von dumpfen Aufsetzern, um die die Petroleumlampe neben der sie saß und versuchte einen Holzschiefer mit dieser stumpfen Nähnadel aus ihrem Daumen zu befreien. Obwohl sie kein Insektenfan war, überfiel sie tiefes Mitgefühl mit den hektisch Flatternden. Was für ein Sinnbild… man gibt alles, um etwas zu erreichen, was man für die Erfüllung hält und am bitteren Ende hat sich was Erfüllung, am bitteren Ende steht dann doch nur der Tod. Irgendwann ist man einfach hin und versteht gar nicht, was eigentlich passiert ist.
      Heroisch hatte Marla den Irrenden mit einem Pappbecher verfolgt. Sie wollte ihn retten, ihn fangen und hinaus tragen in die Sicherheit der Nacht. Um wen oder was es ihr bei dieser Rettungsaktion eigentlich ging, ob nur um die Symbolik, die das ganze für ihr eigenes, missratenes Leben in sich trug oder tatsächlich um das kleine Leben, dass da so fehlgeleitet und verloren umherflatterte, hätte sie nicht benennen können. Das Ganze endete damit, dass sie den Nachtfalter zwar erwischte, ihn aber so unglücklich zwischen Zeltwand und Becher einklemmte, dass dieser umgehend seinen letzten Flügelschlag tat.

Schreib was dazu ...