Damit es seinen Schrecken verliert

Manchmal erfahre ich irritierende Dinge. Und damit die dann ihren Schrecken für mich verlieren, gehe ich ganz nahe hin. Wie etwa hier:

Zu dir hineingeschlichen habe ich mich, und nun stehe ich an deinem Lager. Deine Augenlider haben sie dir geschlossen, damit du endlich schläfst. Ich habe dich schreien gehört, so wie wir alle im Dorf dich gehört haben, und gehofft haben wir alle, dass dein Kind doch noch aus dir heraus kommt. Als es für dich zu Ende war, haben sie eine Decke auf deinen Bauch gelegt, und an meinen Ohren liegt immer noch dein letzter, großer Schrei.

Sie haben mich geschickt, weil du morgen Dämonin sein wirst, zur Stärksten unter allen starken Frauen wirst. Weil du um das Leben gekämpft hast und gesiegt hast und deinen Platz neben den Göttern einnehmen wirst. Und mich, den Jüngsten unter den Dieben, haben sie geschickt, damit ich einen Talisman besorge, einen, der so stark ist, dass er alle unsere Feinde gefroren macht. Aber wie soll ich auch nur einen, einen einzigen Finger von dir losschneiden, wo du im letzten, großen Schrei deine Finger so fest zu Fäusten gepresst hast, dass nur mehr kalter, weißer Stein übrig ist?

(In meiner letzten Schreibwerkstatt am 19.2.2012 erfuhr ich von Mociuaquetzqui. Nach aztekischer Mythologie wird eine Frau, die an der Geburt verstirbt, zur Mociuaquetzqui, also zur starken, weiblichen, engelhaften Dämonin. Aber erst nach drei Tagen. Und wer es schafft, innerhalb der drei Tage ihr Haare oder Finger abzuschneiden für ein Amulett, der braucht keine Feinde fürchten.)

One thought on “Damit es seinen Schrecken verliert”

  1. Eigentlich ein ziemlich brutaler Vandalismus, wie geht man in der Literatur damit um? Angst durch Gewalt vertreiben, so entstehen wohl die Kriege und wie gehe ich, wenn ich beispielsweise als Kind vergewaltigt wurde, mit meinen Peiniger um? Wenn die Reaktion darauf nur Verstümmelung ist, gehts mir damit nicht gut. Die Chance der Literatur ist wahrscheinlich bei dem oben zitierten Beispiel, andere Wege aufzuzeigen, denn ich denke, daß die verstorbene Tote schon mit ihren Fingern und wahrscheinlich auch mit ihren Haaren begraben werden sollte

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