Erzählperspektive und Perspektivenmanagement

Was darf der Erzähler wissen? Was darf er wahrnehmen oder nicht wahrnehmen? In wessen Kopf steckt der Erzähler? Hier gibt es zwei grundlegende Ansätze:

  1. Auktorieller Erzähler: Man bedient sich der Stimme des allwissenden Erzählers zu bedienen. Der Autor selbst also schildert die Szenerie, frühere Ereignisse, gegenwärtige Vorgänge, das Äußere der Figuren und ihr Innenleben.
  2. Personeller Erzähler: Der Autor schlüpft innerhalb einer Szene jeweils in genau eine Romanperson und erzählt aus dieser eingeschränkter Perspektive. Der Leser erlebt die Szene über die fiktive Person, durch ihre Wahrnehmungen (Sehen, Hören, Fühlen, Riechen) oder ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen.

Ich bin Verfechter der personellen Erzählperspektive. Denn da erleben wir Leser die Handlung so wie die betreffende Person selbst. Lesern und Autor bleiben keine Fluchtmöglichkeiten. Der Autor ist gezwungen, sich den Personen zu stellen. Er muss sich in seine Personen vertiefen, je nachdem, welche von ihnen in einer Situation am stärksten emotional beteiligt ist. Von Szene zu Szene lernen wir Leser die Person besser kennen. Ein gutes Perspektivenmanagement eröffnet eine Fülle von Möglichkeiten (Spannungsbögen, unterschiedliche Wahrnehmung desselben Ereignisses, einfache Charakterisierung einer Person aufgrund dessen, was sie wahrnimmt,…).

Manche Autoren nehmen sich mehr Freiheiten. Ein Beispiel für die lockerere Handhabung von Perspektiven ist Dostojewskij’s Schuld und Sühne. Die ersten Kapitel sind noch streng aus dem Blickwinkel des Protagonisten geschrieben (Glanzstück ist die Beschreibung des Doppelmords). Die Innensicht anderer Personen wird durch direkte Reden oder in Form eines Briefs gegeben. Später springt die Perspektive hin zum Freund des Protagonisten, dann zur Mutter und zur Schwester. In folgendem Ausschnitt kommt auch noch ein allwissender Erzähler hinzu:

Hätte er einen schärferen Blick besessen, so hätte er bemerkt, dass hier von pathetischer Stimmung keine Rede sein konnte, dass gerade das Gegenteil vorlag. Aber Awdotja Romanowna hatte dies erkannt. Angespannt und unruhig beobachtete sie den Bruder.

Dostojewskij, Schuld und Sühne, Teil III, Kapitel 3

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