Opfer für den Schreibgott

Ich brauche ein Wort. Denn manchmal sagt ein einziges Wort mehr als tausend Worte. Ich öffne den Mund. Das Wort kommt nicht. Ich schließe den Mund. Ich öffne ihn wieder. Wie ein Fisch an Land, aber es schaut nur so aus, als würde dieser Fisch nach Luft schnappen, in Wirklichkeit erstickt er. Ich atme, aber ich bekomme zu wenig Worte. Und was mich nahe am Leben hält, ist das, was auch stumm funktioniert, ist das Ficken mit Dagmar. Weil ich dann das Gefühl habe, in ihr etwas zu bewegen, etwas zu berühren, etwas tief Inneres, das selbst sie nicht verbergen kann. So unmittelbar kommt ihr Schreien, das ich dann mit meiner Hand an ihrem Mund abfange. Ihr Zucken, die nasse Haut, die keuchende Erschöpfung, die Striemen an ihrem Hintern, dieser blaue Fleck an ihrem Schenkel, der ihr seit Tagen anhaftet … das hat nichts mit ihrer Mutter, mit ihrem Großvater, mit dem Violanum zu tun, das ist die reine Dagmar. In solchen Momenten bin ich bei ihrem Wesen angelangt, gemeinsam mit ihr stehen wir Hand in Hand mit verschränkten Fingern davor. Ihr Schreien kommt dann als die reinste, hellste, ehrlichste Form des Ausatmens – und darum, glaube ich, fickt sie so gerne. Weil es wie Atmen unter Wasser ist und alles sein kann und nichts werden muss.

Diese Textstelle ist ein Opfer.

Denn der Text gehört zu jenen 100.000 Zeichen, die ich in den letzten Wochen gekürzt habe. Ich stelle sie deshalb auf meinen Blog, weil mich die Diskussion zwischen JuSophie und Fred dazu angeregt hat – da bezeichnete man Textkürzungen als Opferzehent an die Schreibgötter. So ist dies nun meine Gabe an Xo, Gott des Kürzens.

6 Gedanken zu „Opfer für den Schreibgott“

  1. @JuSophie: ja das hab ich schon kapiert. Nur dieser Xo ist ja fiktional und steht in Verbindung zu Prometheus. Angeknüpft an eine bestehende Mythologie. Das fand ich so spannend.

  2. Also….super und passendes Bild! Erinnert mich an Indiana Jones and the Temple of Doom! Schauder, mit 10 eindeutig zu Früh gesehen!
    Aber ansonsten….ja, manchmal muß man „Lieblinge“ opfern. Oder einfach Text-Passagen die man lieb gewonnen hat, die aber eigentlich gar nicht passen. Oder zu „irgendwas“ sind. Und das will man so oft zuerst nicht wahr haben. Und irgendwann, oft viel später, weiß man es nicht nur unterbewußt, sondern läßt es auch zu und dann….delete!

  3. Ich danke für die Übung, aus dem Text das Wesentliche herauszuhören, herauszuschreiben- in meinem Stil.:Ich brauche ein Wort. Ich öffne und schließe den Mund wie ein Fisch an Land. Ich atme zwar, doch ich bekomme zu wenig Worte. Was mich am Leben erhält, ist das Stumme, das Funktionieren. Ist das Ficken mit Dagmar. Da kann ich in ihr etwas bewegen bis zum Schrei. So unmittelbar kommt ihr Schreien, dass ich ihn wie der Fisch der nach Luft schnappt, an ihrem Mund mit meiner Hand abfange. Diese ehrlichste Form von Dagmar. So wie ihr Zucken danach, die nasse Haut, die keuchende Erschöpfung, die Striemen an ihrem Hintern, dieser blaue Fleck an ihrem Schenkel, der ihr seit Tagen anhaftet – das alles hat nichts mit ihrer Mutter, mit ihrem Großvater, mit dem Violanum zu tun.Das ist Dagmar.

  4. @Fred: Klicke doch unter „Schreibgötter“ und dann auch unter “ Xo, Gott des Kürzens“ füe deine „deutliche Bildungslücke“.Und welche Fi*kmamsel er da beschreibt, also wer Dagmar ist? Na eine Protagonistin. Scherz on :Als eifriger Blogleser wird dir ja alles rund ums Violanum nicht entgangen sein. scherz off:)

  5. @JuSophie: Jetzt hat er es wirklich getan. Ein interessanter Opfertext. V.a. weil ich über Xo und Prometheus nichts gefunden habe. Ist das fiktional? Wenn ja, ist die Griechische Mythologie eine Open Source Mythologie? Wenn nein, hab ich nicht konzentriert recherchiert und eine deutliche Bildungslücke. Who knows? Und wer ist Dagmar? :))

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