Scheißen nach Remarque

Letztens habe ich Céline zitiert, mit seiner Beschreibung von höhlenartigen Toiletten im New Yorker Untergrund.

Wie anders ist da Erich Maria Remarque! Obwohl ihn mit Céline genauso das Trauma des ersten Weltkriegs verbindet. Hier also ein Ausschnitt aus seinem Klassiker Im Westen Nichts Neues:

Dem Soldaten ist sein Magen und seine Verdauung ein vertrauteres Gebiet als jedem anderen Menschen. Drei Viertel seines Wortschatzes sind ihm entnommen, und sowohl der Ausdruck höchster Freude als auch der tiefster Entrüstung findet hier seine kernige Untermalung. Es ist unmöglich, sich auf eine andere Art so knapp und klar zu äußern. Unsere Familien und unsere Lehrer werden sich schön wundern, wenn wir nach Hause kommen, aber es ist aber nun einmal die Universalsprache. Für uns haben diese ganzen Vorgänge den Charakter der Unschuld wiedererhalten durch ihre zwangsmäßige Öffentlichkeit. Mehr noch, sie sind uns so selbstverständlich, daß ihre gemütliche Erledigung ebenso gewertet wird wie meinetwegen ein schön durchgeführter, bombensicherer Grand ohne viere. Nicht umsonst ist für Geschwätz aller Art das Wort “Latrinenparole” entstanden; diese Orte sind die Klatschecken und der Stammtischersatz beim Kommiß.

Wir fühlen uns augenblicklich wohler als im noch so weiß gekachelten Luxuslokus. Dort kann es nur hygienisch sein; hier aber ist es schön.

Es sind wunderbar gedankenlose Stunden. Über uns steht der blaue Himmel. Am Horizont hängen helbestrahlte gelbe FesselbalIons und die weißen Wölkchen der Flakgeschosse. Manchmal schnellen sie wie eine Garbe hoch, wenn sie einen Flieger verfolgen.

Nur wie ein sehr fernes Gewitter hören wir das gedämpfte Brummen der Front. Hummeln, die vorübersummen, übertönen es schon.

Und rund um uns liegt die blühende Wiese. Die zarten Rispen der Gräser wiegen sich, Kohlweißlinge taumeln heran, sie schweben im weichen, warmen Wind des Spätsommers, wir lesen Briefe und Zeitungen und rauchen, wir setzen die Mützen ab und legen sie neben uns, der Wind spielt mit unseren Haaren, er spielt mit unseren Worten und Gedanken.

Die drei Kästen stehen mitten im leuchtenden, roten Klatschmohn. Wir legen den Deckel des Margarinefasses auf unsere Knie. So haben wir eine gute Unterlage zum Skatspielen. Kropp hat die Karten bei sich. Nach jedem Nullouvert wird eine Partie Schieberamsch eingelegt. Man könnte ewig so sitzen.

One thought on “Scheißen nach Remarque”

  1. Das ist ein unheimlich dicht erzähltes Buch, das in seiner Direktheit die ganze Scheiße der Zustände, die es beschreibt, besonders deutlich macht. Nicht umsonst heißt es ja, daß es die beste Darstellung des ersten Weltkrieges ist. Ich habe es vor ca eineinhalb Jahren gelesen und war sehr beeindruckt von der Direktheit und es zeigt auch, daß man die Zustände durchaus realistisch beschreiben kann. Die Direktheit mit der er es tut besticht und sicher hat es alle fünf Sinne, also das hören, sehen, riechen etc darin und natürlich ist es leider auch der Gegenstand selbst, den er so lapidar beschreibt, der besticht, das Leben der jungen Burschen aus dem Gymnasium, die alle Dichter etc werden wollen, sich durch einen Lehrer verleitet freiwillig melden, dann in der Scheiße sitzen, am Felde Karten spielen oder zu ihren ersten französischen Lieben durch den Grenzfluß schwimmen und dann, während sie schon überlegen, was sie vielleicht nachher beginnen sollen, fallen, während es im Westen ganz ruhig ist….

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