hineinschreiben

Ich will in dich hineinschreiben,
dir meine Worte zwischen die
weißen Innenseiten schieben,
bis an das eingeklemmte Leseband,
nach dem greife ich und straffe es zur Saite,
damit meine Worte nachklingen.

Ich will in dich hineinschreiben –
tu nicht so! Man hat dich schon oft
aufgedrückt, zur Seite gelegt, dich aufgestellt,
dir den Rücken entlang gegriffen,
von Kopf bis Fuß. Meine Worte
will ich auftragen und mit meinem Falzbein
in die Zwischenräume deiner Lagen reiben.

Ich will in dich hineinschreiben,
andersrum vor allem, will vom Rücken
in deinen Subtext hinein,
zuerst mit einem Bild oder gar mit zweien
muss ich ihn weiten,
ich will, dass du mich spürst.
Die Einleitung – da musst du durch.

Ich will in dich hineinschreiben,
ich will dich ableimen, dich beschneiden,
dich runden, dich abpressen und hinterkleben.

Ich will in dich hineinschreiben,
und währenddessen verschmierst du
deinen Leim auf meinem Rücken.

 


Entstanden im Rahmen der Langschlager Lyrik-Schreibwerkstatt mit Evelyn Schlag. 29.8.2011. Die Aufgabe lautete, ein Gedicht mit einer Anapher (Wiederholung) zu schreiben.

9 Gedanken zu „hineinschreiben“

  1. Dieses Gedicht kommt so offensiv und fordernd daher, dass ich kaum umhin kann, es nicht wieder und wieder zu lesen. Vielleicht ist es die Anapher, die diese Intensität vermittelt; vielmehr, das denke ich, scheint es das Thema zu sein, das die Anapher als Stilmittel unterstreicht.
    „Ich will in dich hineinschreiben“
    Schreiben, ein Buch, ein sexueller Kontext. Wir haben es hier wohl mit einem dominanten LI zu tun, der eindringlich seine Forderungen behauptet. Der eindringen will. Über vier Strophen verdeutlicht das LI diese Intension. Erst in der letzten Strophe:

    Ich will in dich hineinschreiben,
    und währenddessen verschmierst du
    deinen Leim auf meinem Rücken.

    Scheint es einen Rollentausch zu geben. Man fragt sich: wer fordert? ist es der Schriftsteller oder der Text (das Buch)? Ist es der dominante Liebhaber oder der Unterworfene, der hier eigentlich die Regeln stellt.

    Im Übrigen drängt sich hier die Assoziation eines BDSM-Spiels auf, von dem ja auch nicht selten behauptet wird, dass der Sub (devote Part) die eigentliche Macht ausübt.

  2. @Thomas: Literatur ist eine meiner Leidenschaften, ich danke d i r für das gelegentliche Ausleben hier auf deinem Blog:-))und freue mich wenn es angekommen ist als Bereicherung, als Perspektivenwechsel….

  3. Werte Eva Jancak, das hier ist doch kein Ort über unsere unterschiedlichen Ansichten bezüglich Literatur zu schreiben. Ich habe eine e-mailadresse für Mitteilungen,wo Sie sich von mir provoziert gefühlt haben. Danke für das Verständnis gewisse Grenzen einzuhalten!
    Wer professionell gelernt hat ein wenig über den Tellerrand des Egos zu blicken, kann schon auch ein wenig mehr sagen als nur seine Empfindungen und Wertungen, noch dazu wo Literaturanalyse recht einfach zu erlernen ist. Sie ist sozusagen auch eine der gRundbedingungen für gutes Schreiben.

  4. Liebe JuSophie, das habe ich gemeint, als Sie sich von mir provoziert gefühlt haben, daß Sie sehr gut analysieren können, ich würde dazu nur schreiben, daß es mir gefällt, bzw. wie ich es empfinde

  5. Da ist ein lyrisches Ich, das etwas von einem Du will, sehr massiv, was durch die Wiederholungen hervorgehoben wird. Dieses Du erweist sich zunächst durch die Beschreibungen als leeres Schreibbuch mit dem Trick der Überraschung im letzten Vers, dass es auch eine Person sein könnte, die dem lyrischen Ich nicht „auf den Leim geht“, sondern selbst dieses Bindemittel auf dessen Rücken schmiert. Auf den ersten Blick erscheint es wie der Kampf eines Schreibenden mit dessen Schreibunterlage, als Textanalysierende habe ich jedoch stark evoziert das Bild eines lyrischen Ichs und seiner spröden Geliebten vor mir, die ihn nicht in sich hineinlässt so wie er sich das vorstellt. Als Frau würde ich so einen Liebhaber auch nicht einlassen, der mir sogar sagt:“ ich will dass du mich spürst“(V 19),der zu hinterkleben beabsichtigt (V23) und andere recht „gewalttätige“ Umgangsformen ankündigt (beschneiden, abpressen). So folgt in diesem Beziehungskampf auch die Rache des Du (V26).
    Es gibt einige Stellen in diesem Gedicht, die mit Reduzierung dem Leser zum Klingen bringen, vor allem die erste Strophe, ohne es wortwörtlich begründen zu müssen, etwa so: Ich will in dich hinein/Schreiben dir meine Worte/ Zwischen die Seiten innen auf Weiß/ Das Leseband eingeklemmt ich/ straffe zur Saite /Meine Worte/.
    „Subtext“ und „andersrum“ stehen irgendwie fremdartig in dem ansonsten recht fließenden Text des Gedichtes da, der inhaltlich recht spannend und ansprechend ist.

  6. Toll Thomas, da gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen dem ersten eingestellten Anapherngedicht und diesem hier. Es fällt nicht nur die Länge auf, sondern auch die reduzierten „gesagten“ und die vermehrt „gezeigten“ Sachverhalte. Vor allem die sehr körperhaften Beschreibungen rufen entsprechende Bilder auf.

Schreib was dazu ...