Mit dem Schreiben weiterkommen. Autorenblog von Thomas Wollinger
8. Februar 2012
Beitrag 899

Tausende Welten wandeln

Erfahrung ist ein Prozess, in dem der Erfahrende sich selbst ändert und auch die Welt sich selber ändert, also ein Prozess der Entstehung von Welt und der Wandlung von Welt.

Ich führe diesen Gedanken weiter: Da Lesen eine Erfahrung ist, ändert folglich Literatur den Leser, als auch dessen Welt. Wenn ich schreibe, was später gelesen wird, wandle ich tausende Welten tausender Leser.

Die Situationen wo etwas wirklich neu entsteht, also Umbrüche in der Erfahrung, beginnen nicht damit, dass ich etwas meine, erkläre, entfalte, sondern dass ich getroffen bin von etwas, im Extremfall von einem Schock, der mich aus der Fassung bringt. Und die Erfahrung geht von solchen Ereignissen aus.

Die Phiposophie beginnt mit einem Staunen. Dass wir das Gefühl haben: Da stimmt etwas nicht.

Produktive Störungen wären solche, die mich dazu verlassen, neu hinzuschauen und neu hinzuhören.

Für mich also: Ein gutes Buch ist Störung! Ein gutes Buch ist Extremfall, ist Schock, aus dem dann Erfahrung ausgeht. So haben für mich diese Gedanken enge Verbindung zu Literatur, zu meinem Schreiben.

(Obige Zitate stemmen von Bernhard Waldenfels im Gespräch mit Stephanie Metzger: Sinne und Künste im Wechselspiel. Bayern 2)

Themengebiet Vom Rand des Schreibens

7. Februar 2012
Beitrag 898

Schreiben ist …

… Stimmen zu hören — nicht von lebendigen Menschen oder von toten, sondern von erfundenen.

Themengebiet Der Pinguin sagt
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Eva Jancak meint: Das ist das Tolle daran, wenn man auch ein bißchen aufpassen sollte wegen des Realitätsverlustes

6. Februar 2012
Beitrag 897

Kill Your Darlings

Kill Your Darlings. Volksbühne Berlin. Gesehen von Julia Fischer im Jänner 2012.

Themengebiet Vom Rand des Schreibens
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5. Februar 2012
Beitrag 896

Schreiben ist …

… wenn der Held der langweiligste Charakter im ganzen Roman zu werden droht.

Themengebiet Der Pinguin sagt
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Eva Jancak meint: Das ist dann wahrscheinlich für die Verlagsfindung und die Leser schwierig, denn die sind ja inzwischen sehr anspruchsvoll und drohen gleich den Text in den Mist zu werfen und sich nach Spannenderen umzusehen, wenn er ihnen zu langweilig scheint. Ich habe mit der fortwährend geforderten Spannung, wo es keine Sekunde Leerlauf geben darf und daher im Roman die unglaublichsten Sachen passieren und die Heldin nicht nur ein Trauma, sondern auch noch eine Persönlichkeitsstörung hat, fünf Mißbräuche erlebte, bricht und sticht und dann noch sehr eifersüchtig ist, etc, als realistische Autorin, die gerne am Boden der Wirklichkeit bleibt und nur das erzählt, was wirklich passiert, ja meine Schwierigkeiten und bin daher bei langweiligen Protagonisten etwas geduldiger, würde aber trotzdem raten, ein bißchen auf den Spannungsbogen aufzupassen, aber es stimmt, schreiben ist nicht immer faszinierend, sondern oft ziemlich schwierig und manchmal auch ein bisserl fad und manche Autoren sind das, unter uns gesagt, ja auch, denn wenn ich ständig alleine vor dem Schreibtisch sitze, passiert die Spannung oft nur im Kopf

4. Februar 2012
Beitrag 895

Spachverfall oder Sprachkreativität? Über die Sprache im Internet.

Wie neue Medien die Sprache verändern. Als Podcast auf Bayern 2 hier zum Anhören.

Über Inflektive, dem Zwang zur Kürze, die Technik als Kreativitätsmotor und die sprachliche Flexibilität des Menschen.

Themengebiet Vom Rand des Schreibens
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Eva Jancak meint: Wieder sehr interessant über die Veränderung der Sprache durch das Internet nachzudenken, ich finde wieder die Möglichkeit dabei selbst zu entscheiden, was und wie man bloggen, smsen etc will, dabei sehr gut. In der Schule lernen wir die Regeln, aber wie schon eine Unterrichtsministerin einmal sagte, niemand ist außer wenn er Lehrer oder Beamter ist, gezwungen, die neue Rechtschreibung anzuwenden, ich tue es nicht und als ich zu bloggen begann, habe ich mich sehr bald dafür entschieden, lange Texte zu schreiben und meine Mails unterscheiden sich von den Briefen nur dadurch, daß ich keine Briefmarke auf ein Kuvert klebe, es schneller ankommt und billiger ist, nicht von der Länge und von der Form, ich würde keine Smilies, kein "grins", "freu" und keine Sternchen verwenden und die Vielfalt, die bei den neuen Kommunikationsformen herauskommt, finde ich sehr schön und sie fördert, denke ich, auch das Denken und schult die Intelligenz, also danke für den interessanten Beitrag, er hat mich zum Nachdenken angeregt

Anni Bürkl meint: Nun, da Siri die Macht übernehmen (und Krach schlagen) wird, braucht man über Sprachverfall bald nimmer bloggen - weil kaum jemand schreiben wird?

Thomas Wollinger meint: Für mich interessant in diesem Beitrag war auch, dass heute viel, viel, viel mehr geschrieben wird als zuvor. Die (Wohlstands-)Gesellschaft ist viel schriftlicher geworden.

Eva Jancak meint: genau, obwohl man immer zuerst den Untergang des Abendlandes sieht

3. Februar 2012
Beitrag 894

Schreiben ist …

… sich eine Welt zu schaffen, die man aus den Angeln heben kann.

Themengebiet Der Pinguin sagt
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2. Februar 2012
Beitrag 893

Opfer für den Schreibgott

Ich brauche ein Wort. Denn manchmal sagt ein einziges Wort mehr als tausend Worte. Ich öffne den Mund. Das Wort kommt nicht. Ich schließe den Mund. Ich öffne ihn wieder. Wie ein Fisch an Land, aber es schaut nur so aus, als würde dieser Fisch nach Luft schnappen, in Wirklichkeit erstickt er. Ich atme, aber ich bekomme zu wenig Worte. Und was mich nahe am Leben hält, ist das, was auch stumm funktioniert, ist das Ficken mit Dagmar. Weil ich dann das Gefühl habe, in ihr etwas zu bewegen, etwas zu berühren, etwas tief Inneres, das selbst sie nicht verbergen kann. So unmittelbar kommt ihr Schreien, das ich dann mit meiner Hand an ihrem Mund abfange. Ihr Zucken, die nasse Haut, die keuchende Erschöpfung, die Striemen an ihrem Hintern, dieser blaue Fleck an ihrem Schenkel, der ihr seit Tagen anhaftet … das hat nichts mit ihrer Mutter, mit ihrem Großvater, mit dem Violanum zu tun, das ist die reine Dagmar. In solchen Momenten bin ich bei ihrem Wesen angelangt, gemeinsam mit ihr stehen wir Hand in Hand mit verschränkten Fingern davor. Ihr Schreien kommt dann als die reinste, hellste, ehrlichste Form des Ausatmens – und darum, glaube ich, fickt sie so gerne. Weil es wie Atmen unter Wasser ist und alles sein kann und nichts werden muss.

Diese Textstelle ist ein Opfer.

Denn der Text gehört zu jenen 100.000 Zeichen, die ich in den letzten Wochen gekürzt habe. Ich stelle sie deshalb auf meinen Blog, weil mich die Diskussion zwischen JuSophie und Fred dazu angeregt hat — da bezeichnete man Textkürzungen als Opferzehent an die Schreibgötter. So ist dies nun meine Gabe an Xo, Gott des Kürzens.

Themengebiet Prosa, Romantagebuch, Schreibgöttinnen und Schreibgötter
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JuSophie meint: :))

Fred meint: @JuSophie: Jetzt hat er es wirklich getan. Ein interessanter Opfertext. V.a. weil ich über Xo und Prometheus nichts gefunden habe. Ist das fiktional? Wenn ja, ist die Griechische Mythologie eine Open Source Mythologie? Wenn nein, hab ich nicht konzentriert recherchiert und eine deutliche Bildungslücke. Who knows? Und wer ist Dagmar? :))

JuSophie meint: @Fred: Klicke doch unter "Schreibgötter" und dann auch unter " Xo, Gott des Kürzens" füe deine "deutliche Bildungslücke".Und welche Fi*kmamsel er da beschreibt, also wer Dagmar ist? Na eine Protagonistin. Scherz on :Als eifriger Blogleser wird dir ja alles rund ums Violanum nicht entgangen sein. scherz off:)

JuSophie meint: Ich danke für die Übung, aus dem Text das Wesentliche herauszuhören, herauszuschreiben- in meinem Stil.:Ich brauche ein Wort. Ich öffne und schließe den Mund wie ein Fisch an Land. Ich atme zwar, doch ich bekomme zu wenig Worte. Was mich am Leben erhält, ist das Stumme, das Funktionieren. Ist das Ficken mit Dagmar. Da kann ich in ihr etwas bewegen bis zum Schrei. So unmittelbar kommt ihr Schreien, dass ich ihn wie der Fisch der nach Luft schnappt, an ihrem Mund mit meiner Hand abfange. Diese ehrlichste Form von Dagmar. So wie ihr Zucken danach, die nasse Haut, die keuchende Erschöpfung, die Striemen an ihrem Hintern, dieser blaue Fleck an ihrem Schenkel, der ihr seit Tagen anhaftet - das alles hat nichts mit ihrer Mutter, mit ihrem Großvater, mit dem Violanum zu tun.Das ist Dagmar.

Agi B meint: Also....super und passendes Bild! Erinnert mich an Indiana Jones and the Temple of Doom! Schauder, mit 10 eindeutig zu Früh gesehen! Aber ansonsten....ja, manchmal muß man "Lieblinge" opfern. Oder einfach Text-Passagen die man lieb gewonnen hat, die aber eigentlich gar nicht passen. Oder zu "irgendwas" sind. Und das will man so oft zuerst nicht wahr haben. Und irgendwann, oft viel später, weiß man es nicht nur unterbewußt, sondern läßt es auch zu und dann....delete!

Fred meint: @JuSophie: ja das hab ich schon kapiert. Nur dieser Xo ist ja fiktional und steht in Verbindung zu Prometheus. Angeknüpft an eine bestehende Mythologie. Das fand ich so spannend.

1. Februar 2012
Beitrag 892

Schreiben ist …

… so viele schönen Sätze wegstreichen, weil sie nicht zu anderen schönen Sätzen passen.

Themengebiet Der Pinguin sagt
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Bella meint: wie schaffst du das bloß mit dem wegstreichen? den überblick zu bewahren....? den zusammenhang nicht zu verlieren......? 100.000 sind ja nicht grad wenig.... ich würd mich in den buchstaben verlieren.....

Fred meint: 100.000 weg, 900.000 bleiben, ergibt den Zehnten. Der Zehnte ist für Gott, für´s Universum. Für alle Schreibende, die aus dem großen Topf an geopferten Sätzen, neue Sätze spinnen. Das ist der Zehnte. Der Zehnte in der Literatur.

Anni Bürkl meint: Mit dem gehörigen Abstand schaffe ich es auch - mal besser, mal schlechter. TestleserInnen sind das Um und Auf - und am Anfang ein professioneller Betreuer/Coach/ was auch immer. Merke ich immer bei den von mir gecoachten Neu-AutorInnen oder auch in den Kursen ... plötzlich geht ein Licht auf. War bei mir nicht anders. :-))

Eva Jancak meint: Ja das ist schlimm, aber manchmal muß es sein, weil schon gesagt und die Handlung blockiert, irgendwann hab ich ein Gefühl dafür bekommen, wo es notwendig ist und wo nicht, alles Liebe für das Streichen, viel Erfolg und der Wunsch, daß die wichtigen und richtigen Sätze drinnen bleiben

JuSophie meint: @Fred: Also der Opfergedanke ist ja ein recht gut nachvollziehbarer. Wenn die Halme zu dicht stehen, müssen eben welche heraus aus dem Boden, kommen auf den Kompost, verrotten dort zu Humus, werden also in den Boden auf andere Weise eingearbeitet. So meine Sicht, mein Bild wenn ich was "ausmerze" (man höre den möglichen Reim auf Herzschmerze lol)weil....wenn Thomas sein von dir bezeichnetes Zehntel den Schreibern opferte, müsste er sie online stellen, damit sie daraus neue Sätze spinnen:))

31. Januar 2012
Beitrag 891

Erledigt.

Gestern, 01:57. Roman ist durchkorrigiert. 100.000 Zeichen rausgeworfen, 900.000 übrig.

Müde.

Bereit für das Feedback von GRAUKO.

Und weiter geht es!

Themengebiet Romantagebuch
Schlagwort

Eva Jancak meint: Sehr schön, die Spannung steigt, die Erwartung bis es fertig ist und die Vorfreude auf das Lesen, hoffentlich wird es das Buch bald geben und jetzt gute Erholung bis es mit dem nächsten Projekt weitergeht

esther meint: Gratuliere zu so viel Durchhaltevermögen! :-)

JuSophie meint: @Thomas: Jaja, die Etappensiege, schööööön. Und Gratulation dazu. Spannend, spannend.

30. Januar 2012
Beitrag 890

Hit it! Heute Nacht mache ich ihn fertig.

- Es sind 15 Seiten noch zu korrigieren. Ich habe ein Schreibschaf, eine halbe Flasche Schnaps, es ist 22:47, und ich trage Kopfhörer.
- Hit it.

- It’s 106 miles to Chicago. We’ve got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it’s dark, and we’re wearing sunglasses.
- Hit it.

Themengebiet Romantagebuch
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Eva Jancak meint: dann viel Erfolg und vielleicht nicht zuviel Schnaps, sonst werden die Korrekturen zu beschwingt

29. Januar 2012
Beitrag 889

Fetzenliteratur. Über die Sprache im Internet.

Welche Auswirkungen haben neue Medien unser Verhalten? Wir lieben und hassen uns wie eh und je, und Kriege wird es weiterhin geben. Aber etwas ändert sich: Wenn wir uns im Grunde nichts zu sagen haben, finden sich dafür andere Worte, und die Konversation folgt einer eigenen Grammatik.

Letztens, im Standard, ein Artikel zu dem Themenkreis…

“Fetzenliteratur” bedroht Sprachkompetenz

Experte Zehetmair übt Kritik: “Man nimmt sich kaum noch die Zeit, ganze Sätze zu formulieren”

München — “Fetzenliteratur” auf Twitter oder in SMS bedroht nach Ansicht des Rechtschreibrats-Vorsitzenden Hans Zehetmair die Sprachkompetenz junger Leute. “Unsere Zeit ist so schnelllebig geworden. Da müssen Sie sich nur die Twitter-Literatur ansehen, in der es keine ganzen Sätze mehr gibt”, bemängelte er. “Fetzenliteratur” nennt das Zehetmair.

Man sei weltweit in zivilisatorischen Gesellschaften auf dem gefährlichen Weg, dass immer weniger gelesen, immer mehr Fetzenliteratur gepflegt, immer weniger geschrieben werde, sagte Zehetmair. “Eine junge Generation schreibt heute — um eine Liebe zum Ausdruck zu bringen — keine Briefe mehr, sondern ‘HDL’ — ‘Hab Dich lieb.’”

“Alles mit Ausrufezeichen”

Auch die Schule komme ihrem Bildungsauftrag in dem Bereich nur begrenzt nach. “Die Lehrer sind auch Kinder unserer Zeit und — bei allem guten Bemühen — gibt es auch bei ihnen oft diese Fetzenliteratur: super, geil und alles mit Ausrufezeichen.” Hochschullehrer beklagten immer wieder die mangelhafte sprachliche Qualität von Diplom-, Magister- oder Bachelorarbeiten. “Man nimmt sich kaum noch die Zeit, ganze Sätze zu formulieren.” Nach Angaben von Linguisten müssten rund 20 Prozent der 15-Jährigen heute als Analphabeten bezeichnet werden, sagte Zehetmair.

Hohe Zahl an Anglizismen

Eine Schwierigkeit sei auch die steigende Zahl an Anglizismen, die die deutsche Sprache überflute. Sprache sei in vielen Bereichen ausschließlich verzweckt worden und sei überbordet mit Fremdeinflüssen. “Ich bin nicht gegen Anglizismen im Allgemeinen, aber man sollte schon noch wissen, was die Worte auf Deutsch heißen.” Das fehlende Hinterfragen sei aber “symptomatisch für eine Gesellschaft, die nicht mehr hinter die Dinge blickt und die Hintergründe nicht mehr beleuchtet”, sagte Zehetmair und warnte: “Eine solche Gesellschaft ist anfällig für Manipulation.”

Quelle: Der Standard, 02. Jänner 2012

Themengebiet Vom Rand des Schreibens
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Eva Jancak meint: Ja, alles ändert sich, als ich in die Hauptschule gegangen bin, hat sich die Englischlehrerin sehr über die Mickey Mouse Literatur empört, weil da die Kinder das Wort Ente mit "u" aussprachen und im Ferienheim der Kinderfreunde wurden die Mickey Mousehefterl einkassiert, weil sowas liest man nicht, denn da verlernt man das Sprechen und das Lesen, jetzt hat Erika Fuchs, glaube ich, einen Literaturpreis bekommen und ist sehr anerkannt für ihre Übersetzungen und zumindestens ich bin zu einer manischen Vielschreiberin geworden, die am meisten gebrauchte Suchabfrage auf meinen Blog ist "lange Texte zum Abschreiben", ich schreibe lange Mails und lange Blogartikel und bin da, wie ich sehe, nicht die Einzige und natürlich gibt es Twitter und SMS und die Klage, daß man verblödet, weil man "mfg" statt "mit freundlichen Grüßen" schreibt, ich tue das nicht und glaube auch, wie ich manchmal von Experten höre, daß die Kinder heute mehr schreiben und lesen, als beispielsweise, ich vor vierzig fünfzig Jahren, obwohl ich zu Weihnachten immer von den Kinderfreunden, die damals gängigen Bücher von Friedrich Feld Vera Ferra-Mikura, auch schon fast vergessen, bekommen habe. Auch wenn ich "Lesen ist doof" und "Megasupergeil!", sage, das gute Schulbuch ins Eck schleuere und facebooke, twittere, smse, muß ich das tun und, daß ich mit Wikipedia sofort alles über ein Buch oder einen Schriftsteller erfahre, was ich mir früher erst mühsam durch ein Lexikon, das ein Arbeiterhaushalt vielleicht nicht hatte, heraussuchen mußte, halte ich für einen Segen, auch daß ich, die ich, vielleicht durch meine Hauptschulbildung nicht so elaboriert bin, daß ich immer noch kurz nachdenken muß, wenn jemand das Wort "Adjektiv" verwendet und daher vielleicht nicht so schreibe daß sich die Verlage dafür interessieren, mir meine Bücher selber machen und meine Biografie und literarische Meinung mittels wordpress in die Welt schicken kann, ob die das nun will oder nicht. - Was ich ein wenig bedauere an der Sprachverhunzung ist die Vermischung zwischen Deutsch und Englisch, der ich, wenn ich das Internet verwende, nicht entkommen kann, früher hatte man das aber auch mit dem Französisch und durch die Migranten werden auch andere Worte in unsere Sprache kommen "Hej anne, bir ekmek!" beispielsweise, aber da habe ich auch noch das "Bömakeln" im Ohr, das in meinen Kindertagen beispielsweise Heinz Conrad ins Fernsehen brachte, das inzwischen verschwunden ist und als ich auch noch als Hauptschülerin in die Städtischen Bücherei ging, die ich als Sammlerin egentlich nicht sehr mag und mir einen Krimi ausleihen wollte, sagte mir dort die pädagogisch orientierte ältere Frau, daß ich nur höchstens einen haben darf und ich schleppte mit zwölf dreizehn Jahren eine verstaubte Grillparzer Ausgabe nach Haus und habe sie auch nicht gelesen und gestern habe ich im Standard Michael Stavarics Attacke gegen die Leser und das lineare Erzählen gelesen und mich gefragt, warum ein Roman nicht linear erzählt werden darf? Die Leser wollen das und lesen, Krimis, Fantasyromane und nicht die vielleicht unverständlichere Lyrik und experimentelle Literatur und die zwanzig Prozent Analphabeten, die unsere Schulen angeblich erzeugen (JuSophie wird jetzt stöhnen) machen mir auch Sorgen, ob man die mit einer Zwangsleseaktion und Lesetests retten kann, weiß ich nicht, an das Vorbild des Elternhauses glaube ich aber, so liest meine Tochter und hat mir beispielsweise den James Joyce und d die "super sad true love story", die ich zu Weihnachten bekommen habe, weggetragen und ich nehme mir immer noch vor, den von meinen Eltern ererbten Bücherkasten mit Vicki Baum, Jack London und anderen damals aktuellen Büchergilde Gutenberg Schmankerln zu lesen und was mich diese Woche noch ein wenig ärgerte und zum Thema passt, waren die Tonspuren über die Rezensenten, die Klaus Nüchtern, Sigrid Löfflers, etc, die auch damit zu kämpfen haben, daß plötzlich alle Leute ihre Rezensionen in das Netz stellen: "Sollen diese Leute das doch machen, aber Literaturkritik ist das nicht!" und die Bücherblogger stöhnen über die Dreizehnjährigen, die bloggen um an Rezensionsexemplare zu kommen und die vielen angeblich schlechten Blogs, die wie die Schwammerl aus dem Boden sprießen. Was also tun gegen die Misere und den Untergang des kulturen Abendlandes? Schreiben, lesen, bloggen, twittern, smsen, etc würde ich meinen, es gibt Twitterlyrik, Facebookromane und E-Books, die jeder selber machen und bei Amazon verkaufen kann. Wenn alle schreiben und nicht mehr die Bücher der anderen lesen, wird es zwar auch ein wenig schwierig und nicht zuletzt lobe ich Blogs, wie diesen, wo die, die das wollen, auch das Schreiben lernen und sich kritisch mit Fragen, wie diesen auseinandersetzen können.

JuSophie meint: ist das da oben :) das wort zum sonntag::) ein beitrag zur fetzenliteratur:::) oder zeilen wider den analphabethismus von 15 jährigen:))))Thomas, jetzt brauch ich einen Schnaps;-)

Eva Jancak meint: Meine Meinung, ein Plädoyer für das Schreiben und das Lesen auch im Internet und eine Prophylaxe, da ich weiß, daß Sie diesen Satz nicht mögen, ein Grund für schlechte Stimmung ist es nicht

JuSophie meint: @Frau Jancak: Ich sprach Thoma an! Das da oben= Thomas Beitrag auf Thomas Blog.Ich ersuche Sie. mich gänzlich aus Ihren beiträgen rauszuhalten- merken sie sich, auch eine schelchte Werbung für einen anderen Schreibenden IST eine Werbung:) Und wie können Sie wissen ob ich stöhne zu etwas oder was ich für Sätze nicht mag. Gehts noch übergriffiger Fau Verhaltenstherapeutin. (Sorry @Thomas, die Frau "verfolgt" mich:)))

Thomas Wollinger meint: Ich freue mich doch so über alle eure Beiträge und Kritik. Und mit Meinungen, die nicht meine sind, kann ich gut umgehen. Darum bitte: vertragt euch :-)

Eva Jancak meint: Von mir aus gern

Eva Jancak meint: Die Erklärung für meinen Satz ist im Literaturgeflüster in den Kommentaren des Artikels "Studentenlesung" vom 29.1. 2011 zu finden. Verfolgung ist das nicht

28. Januar 2012
Beitrag 888

Würmer

Der vierte, nein, fünfte gekühlte Schnaps heute beim nächtlichen Überarbeiten, und tief dringe ich in meinen Roman und wühle und wälze mich — und soeben presse ich mich an folgende Stelle:

Viola. Dein Leib unter dem weißen Tuch, du hebst und senkst deine Brust. Und dann dieses Zittern des gestrafften weißen Stoffs über deinem Gesicht, der sich über der Nase aufbläht. Dein immerwährender Atem ist das nicht, sondern es ist das Gewürm unter deinem Leichentuch, ineinander verschlungen und auf der Suche nach Fleisch, aber das einzige Fleisch ist ebenso Gewürm, das sich wild in sich selbst verknotet, in sich hineinkriecht, früher gemästet mit deinem faulem Leib aber nun, wo aller Kadaver aufgefressen ist, wo sogar deine Knochen verbrannt sind, da bleibt dem Gewürm nichts als anderes weiches Gewürm. So seid ihr Friedstätter, verknotet und durchdrungen ineinander, und ihr sagt: Ich trage den Leib Violas in mir, denn ich fresse den, der einen gefressen hat, der von Viola Leib gefressen hat. Und wehe, ein Mensch kommt und lüftet das Tuch! Dem nagt ihr die Fingerkuppen auf, sobald er das Tuch berührt hat, und unter seine Fingernägel fresst ihr feine Röhren und weiter die Haut entlang über Arme und Schultern und den Hals innerhalb der Wangen weiter bis in die Augen. Endlich die Augen! Ihr saugt dem Menschen die Glaskörper aus, mit denen er Viola gesehen hat. Und ist dieser Mensch eine Frau, dann geht es weiter, hinab in ihre Brust, hinab in ihren Unterleib, und sitzt dort das Ungeborene, dann drückt ihr das Kind aus dem Leib und klebt eure weißlichen Eier in den Schleim der Nachgeburt und ruft: Dies war ein fremder Körper! Wir mussten ihn verschlingen, damit Viola rein bleibt!

PS: Obiges Grabmal, fotografiert von meiner Tante in Bourg en Bresse, Burgund, hat mich zum Grabmal Violas inspiriert. Danke!

Themengebiet Romantagebuch
Schlagwort

Eva Jancak meint: ein starkes Stück

JuSophie meint: Darf ichs sagen? Nein ich frag nicht:) Lieber Thomas: Gewürm das kriecht unter einem Tuch ist klitzeklein, bringt also das Tuch nicht ins Zittern, vielleicht "eine kaum merkliche Bewegung am Tuch" oder oder. Ausserdem ist der Satz: Dein immerwährender Atem... viiiel zu lang.Da bleibt dem Gewürm....beginnt der zweite Hauptsatz fürs leichtere Lesen, für ein Herausheben der Stelle: Da bleibt dem Gewürm nichts anderes als Gewürm.Herrlicher paradoxer Satz der aufmerken lässt. Und: verknotet ineiner können nur Dinge sein die anders materialisiert sind als verbranntes Fleisch, das ist des Guten zuviel um Leser an ein Bild zu "knüpfen" ;-) das hängt sich irgendwie auf:)durchdrungen ineinander für die Friedstätter würde reichen...und noch eine "Übertreibung" die weggelassen werden könnte: "sobald er das Tuch berührt"... das klingt magisch, märchenhaft und passt wenig in den realistisch-surrealistisch Swagt. Mit besten Grüßen eine kritisch-wohlwollende Leserin;-)

JuSophie meint: sorry! Korrektur: Swagt= Text

27. Januar 2012
Beitrag 887

Die Nacht ist die Braut des Literaten

Themengebiet Romantagebuch
Schlagwort

andrea meint: DER kommentar ist männlich. es muss also richtig heißen: schreib EINEN kommentar. das fällt mir schon lang auf. http://www.canoo.net/services/Controller?dispatch=inflection&input=Kommentar&features=%28Cat+N%29%28Gender+M%29&country=D&lookup=caseInSensitive

Thomas Wollinger meint: Oh, danke!

Eva Jancak meint: wenn er Schlafstörungen hat

Thomas Wollinger meint: ... oder wenn ihn das Schreiben weiterdrängt :-)

Eva Jancak meint: natürlich, manchmal kenne ich das auch und früher bin ich gelegentlich um halb vier aufgestanden, in meine Schreibewohnung, die es nicht mehr gibt und habe weitergeschrieben oder meine Texte an Ausschreibungen und Verlage geschickt

26. Januar 2012
Beitrag 886

Schreiben ist …

… immer einen Sinn im Leben zu haben — denn alles Leben ist (zumindest) Recherche für den Roman.

Themengebiet Der Pinguin sagt
Schlagwort

Eva Jancak meint: Das ist wahr und wahrscheinlich meine Motivation für das Schreiben, dem Leben einen Sinn geben, etwas festhalten und hinterlassen

Eva Jancak meint: und wenn es auch nur für den Mistkübel wäre, war es ja trotzdem da

25. Januar 2012
Beitrag 885

Die Verantwortung des Autors

Ein guter Autor ist auch ein Wahrer des Menschseins.

Beispiel: Stefan Zweig.

Der Nationalsozialmus
hat sich vorsichtig,
in kleinen Dosen
durchgesetzt — man hat
immer ein bisschen
gewartet, bis das
Gewissen der Welt die
nächste Dosis vertrug.

Themengebiet Vom Rand des Schreibens
Schlagwort

Josef meint: Nachdem alles, was Menschen hervorbringen und dazu gottlob (oderwenauchimmer) auch das Schreiben gehört, geschieht alles im Rahmen des "Menschseins". Da ist der Nationalsozialismus leider keine Außnahme. Über die Frage, was zu bewahren ist, im Sinne von "nicht vergessen", gilt es unaufhörlich nachzudenken und niederzuschreiben.

24. Januar 2012
Beitrag 884

Schreiben ist …

… traurig zu sein und sich darüber zu freuen, weil somit endlich die geeignete Schreibhaltung für die traurige Szene da ist, vor der man sich zu lange gedrückt hat.

Themengebiet Der Pinguin sagt
Schlagwort ,

Eva Jancak meint: Das ist interessant, da habe ich vor vielen Jahren, es war, glaube ich, in den Siebzigerjahren, gleich nach meiner Matura, im Radio gehört, daß Adalbert Stifter dann wenn er besonders depressiv war, die fröhlichsten Stellen schrieb und umgekehrt, interessant deshalb weil ich ja, wenn ich gerade in der Depression bin, die wahrscheinlich nicht beschreiben kann, sondern das erst ein bißchen später und dann natürlich zur Krisenbewältigung betreibe, wenn das, was dann herauskommt, besonders fröhlich ist, ist die Krisenbewältigung gelungen, ist es aber authentisch oder täuscht es nicht vielleicht doch die Leser? Darüber könnte man diskutieren, es ist aber wahrscheinlich so in der Literatur, daß nichts eins zu eins zu verstehen ist, auch wenn ich dreihundert Seiten, über das Burgtheater schimpfe und der letzte Satz dann in etwa lautet "Und am Abend war ich im Burgtheater und die Vorstellung war fürchterlich" (kein Originalzitat, ich habe das Buch jetzt nicht da, aber als ich das in Hütteldorf, als ich auf den Zug nach St. Pölten mit meiner kleinen Tochter wartete, gelesen habe, habe ich schallend gelacht und das passiert mir eher selten)